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Wenn Hass banal wird

Die Soziologin Esther Solano über die Präsidentschaftswahlen in Brasilien.

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Heilsbringer im Klassenkampf

Brasilien steht vor der ersten Runde der Präsidentschaftswahlen. Jair Bolsonaro, ein Vertreter der extremen Rechten, liegt in den Meinungsumfragen vorn. Auf dem zweiten Platz folgt Fernando Haddad von der Arbeiterpartei PT, der gewissermaßen den inhaftierten Lula vertritt. Welches Wahlergebnis halten Sie für wahrscheinlich?


Nun, ich denke schon, dass in der Stichwahl Bolsonaro und Haddad gegeneinander antreten. Wer gewinnt? Die Zahl derer, die für Bolsonaro stimmen wollen, wird in der Stichwahl wahrscheinlich abnehmen, seine Kandidatur ist zu instabil, zu brüchig. Er tritt so auf, als hätte er ein neoliberales Wirtschaftsprogramm, verkörpert jedoch als Person nicht wirklich diesen neoliberalen Ansatz. Selbst die brasilianische Presse, die lange strikt gegen die PT war und einen wichtigen Beitrag zur Stärkung von Bolsonaros Kandidatur leistete, richtet sich neu aus. In einigen Leitartikeln der orthodoxen Presse ist schon die Rede davon, dass Bolsonaro ein Risiko darstellt.

Parallel hat sich eine starke Bewegung gegen Bolsonaros Kandidatur gebildet. Zum großen Teil wird sie von Frauen angeführt. Sie wenden sich entschieden gegen seinen extremen Macho-Diskurs. Dieser Frauenbewegung hat sich nun eine sehr vielfältige und lautstarke Bewegung aus Akademikern, Mitgliedern anderer Parteien, Juristen und Vertretern der Zivilgesellschaft angeschlossen. Der Protest gegen Bolsonaro ist mittlerweile recht gut organisiert und gesellschaftlich verankert.

Wird davon die PT profitieren?

In einer möglichen Stichwahl wird die Stimmung gegen die PT ebenfalls sehr stark sein. Zwar vertritt Haddad eine gemäßigte Politik und man traut ihm zu, das Land befrieden zu können. Wirtschaftspolitisch tritt er gemäßigt auf. Das ist insofern sehr positiv, als die PT tatsächlich als eine Option der Stabilität und einer gewissen sozialpolitischen und wirtschaftlichen Ordnung erscheint. Die Ablehnung der PT ist aber auch sehr klassengebunden. Sie hängt stark mit der Ablehnung der auf Inklusion ausgerichteten Sozialpolitik der PT und Lulas zusammen. Daher ist Haddad keineswegs der perfekte Kandidat der Mittelschicht, denn er tritt für die PT an und damit für eine Partei, die bei der Mittelschicht verhasst ist.

Ich habe aber den Eindruck, dass die Kräfte, die sich gegen Bolsonaro stellen, wesentlich besser organisiert sind. Deshalb denke ich, dass Haddad gewinnen kann, aber nur mit einem geringen Vorsprung. Es wird auf keinen Fall ein hoher Wahlsieg.

Bolsonaro genießt großen Rückhalt bei jungen Menschen. Wie lässt sich die Popularität eines reaktionären Kandidaten bei den jungen Wählern erklären?

Diese neue äußerste Rechte ist nicht auf Brasilien beschränkt, schauen Sie sich nur US-Präsident Trump an. Sie verbreitet keinen hergebrachten Hass-Diskurs. Sie stellt vielmehr eine Rechte neuen Typs dar, die zum Teil aus den sozialen Netzwerken hervorgegangen ist. Ihre Rhetorik und ihr Kommunikationsstil sind der virtuellen Realität, den Netzwerken und der Online-Welt angepasst. Diese extreme Rechte bedient sich eines Diskurses, den ich als Pop bezeichne, weil er sich jugendlich und einfach gibt. Er ist spielerisch, leicht, manchmal auch folkloristisch und auf jeden Fall hat er eine stark infantilisierende Komponente.

Was bedeutet das konkret?

Dazu gehört auch die Idee, Politik zu memefizieren - die Memes werden zu Hauptpersonen. Wir haben es also mit einer Rechten zu tun, die einen harten, rassistischen, patriarchalischen und von LGBT-Phobie geprägten Diskurs pflegt. Diesen Diskurs bringt sie jedoch in ein eher spielerisches Format, etwa ein Meme, das eine Lachsalve oder einfach ein Schmunzeln auslöst. In gewisser Weise folgt aus diesem verführerischen Format, das ganz jugendlich als „Pop“ daherkommt, eine Trivialisierung und Banalisierung des Hass-Diskurses. Das ist interessant, denn im Fall Bolsonaros, der sehr stark über die sozialen Medien mobilisiert, ist der Zuspruch unter den ganz jungen Wählern sehr gering. Unter diesen Wählerinnen und Wählern ist die Ablehnung von Bolsonaro sehr stark, sie stimmen mehrheitlich für die PT. Das Merkwürdige an dieser extremen Pop-Rechten ist also, dass sie eine junge, kindlich-spielerische Sprache wählt, sich dabei jedoch an ein erwachsenes Publikum wendet. Tatsächlich findet also eine Infantilisierung der Erwachsenen statt.

Wie wirkt sich die schwere Wirtschaftskrise auf das politische Klima und die Wahlen aus?

Die Wirtschaftskrise macht sich seit der Amtsenthebung Dilma Rousseffs bemerkbar. In den Jahren wirtschaftlicher Stabilität hatten weder die Mittelschicht noch die Eliten etwas gegen die PT-Regierung einzuwenden, denn in diesen Jahren gelang es der PT, einen Ausgleich in der Klassenfrage herzustellen. Die Wirtschaftskrise ist jedoch ein wesentlicher Faktor um zu verstehen, warum vor allem die Mittelschicht den Staatsstreich gegen Präsidentin Dilma unterstützte und legitimierte. Wirtschaftskrisen führen immer zu einem Gefühl der Anfälligkeit und Verunsicherung. Dann neigen die Menschen zur Unterstützung von Kandidaten, die in solchen Krisenzeiten stark und populistisch auftreten.  

Demokratien fällt es manchmal schwer, auf Krisen angemessen zu reagieren, und bei besonders schweren Wirtschaftskrisen geben die Menschen eher ihre Stimme den Rettern des Vaterlandes und das gilt insbesondere in Brasilien mit seiner sehr personalistischen Politik. Hinzu kommt, dass die Wirtschaftskrise die Klassenfrage intensiviert und zuspitzt. Wenn die unteren Schichten allmählich in der sozialen Pyramide aufsteigen, fühlt sich die Mittelschicht durch diese Aufwärtsmobilität direkt bedroht. Meiner Ansicht nach sind dies die beiden Faktoren: einerseits die stärkere Bereitschaft, für einen Heilsbringer zu stimmen, einen Retter, der uns vor der Krise schützt, andererseits aber auch die Verstärkung der Klassenfrage, des Klassenhasses, wovon bedauerlicherweise die PT stark betroffen ist.  

Sehen Sie Ähnlichkeiten zwischen Brasilien und anderen Ländern?

Ja, ich denke, es gibt starke Ähnlichkeiten zwischen Brasilien und anderen Ländern, weil die ganze Welt von einer Welle rechtsextremer Bewegungen erfasst worden ist. Das ist in ganz Amerika, aber auch in Europa zu beobachten. Die Hauptakteure dieser politischen Konjunktur sind bedauerlicherweise rechte und rechtsextreme Bewegungen. Der linke politische Zyklus ist leider vorbei, und ich weiß nicht, ob er in der nächsten Zeit eine Fortsetzung findet. Brasilien ist in diesem regionalen und internationalen Kontext des Erstarkens der Rechten und der extremen Rechten sowie einer zunehmenden Politik des Hasses zu sehen: Hass gegen Immigranten, Hass gegen Flüchtlinge, Hass gegen Mexikaner, Hass gegen Latinos. Wir stehen also vor einer Politisierung des Hass-Diskurses und einer Politik, die sich gegen „die Anderen“ richtet.

Welche Folgen hat dieser Diskurs des Hasses in Brasilien?

Brasilien weist einige Besonderheiten auf: So ist das demokratische System eindeutig anfälliger als die Systeme der europäischen Länder, weshalb auch der Einfluss der rechten Bewegungen wesentlich größer ist als in Ländern mit einer stabileren institutionellen Struktur, zum Beispiel Deutschland. Zudem ist es ein Land mit einem großen sozialen Gefälle, ein Land, in dem Millionen Brasilianerinnen und Brasilianer vom Rechtsstaat praktisch aufgegeben wurden. Es ist ein Land, in dem 60 000 Menschen pro Jahr getötet werden. Wenn in einem solchen Land ein Kandidat die Auffassung vertritt, dass die Polizei bereit sein müsse zu töten, dass man hart durchgreifen müsse, dann hat das drastische praktische Folgen. Brasilien ist auch ein Land, in dem die LGBT-Bevölkerung starker körperlicher Gewalt ausgesetzt ist.  Bolsonaro ist ein absolut homophober Kandidat, und das hat in einem an sich schon sehr gewalttätigen Land direkte Auswirkungen. Dasselbe gilt für die Gewalt gegen Frauen.  

Sehen Sie auch Unterschiede zu Europa und den USA?

Einen deutlichen Unterschied gegenüber Europa und den Vereinigten Staaten sehe ich darin, dass sich dort die Bewegungen der extremen Rechten sehr stark auf die Stimmen von Armen und Arbeitslosen, und in den USA insbesondere auf die Unterstützung in den Industriegürteln stützen. Dagegen kommen die Stimmen für Bolsonaro ausschließlich aus der Mittelschicht, denn die unteren Bevölkerungsschichten stehen in Brasilien nicht allein, sie haben die PT. Die Mittelschicht fühlt sich verwaist, allein gelassen und an den Rand gedrängt. Sie übernimmt daher die Verliererrolle, weil sie keine Partei hat, die hinter ihr steht, so wie die PT die ärmeren Bevölkerungsschichten unterstützt.

Die Fragen stellte Claudia Detsch.

Aus dem Spanischen von Dieter Schönebohm.

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