Die Fragen stellte Olga Vasyltsova.
Russlands Präsident Wladimir Putin ist nur wenige Tage nach dem Besuch von Donald Trump in Peking nach China gereist. Warum so schnell?
Ich glaube nicht, dass das eine im Voraus geplante „Choreografie“ war. Eher handelt es sich um eine gelungene und geschickte Logistik auf chinesischer Seite. Sowohl Trump als auch Putin planen, Chinas Präsident Xi Jinping in diesem Jahr noch mehrere Male zu treffen, und die Termine dieser Besuche wurden schon vor längerer Zeit abgestimmt. Bemerkenswert ist eher, dass die russische Seite Putins Reise nicht verschoben hat. Offenbar hat Moskau diese zeitliche Nähe überhaupt nicht irritiert. Im Gegenteil: Für Putin ist das ein willkommener Anlass, mit der Idee der „großen Drei“ zu spielen, also einer Weltordnung, in der Moskau, Peking und Washington die zentralen Hauptstädte der Weltpolitik sind.
Und hier hat Putin keinerlei Probleme anzudeuten, dass gerade China der wichtigste Pfeiler dieser neuen Weltordnung ist. Trump wiederum sieht die Lage anders und beschreibt sie eher als Welt einer „großen Zwei“, in der für Russland kein Platz vorgesehen ist. Deshalb hat sich alles sehr günstig gefügt, insbesondere vor dem Hintergrund der gemeinsamen politischen Erklärung der Staatschefs Russlands und Chinas zur multipolaren Weltordnung. Mit diesem Thema beschäftigt sich Putin schon seit Langem. Im Grunde könnte man seine berühmte Rede auf der Münchner Sicherheitskonferenz von 2007 heute, im Jahr 2026, mit nur minimalen Änderungen erneut halten: Schon damals suchte er nach Belegen für seine Theorie vom Ende der westlichen Hegemonie. In diesem Sinne kam die Reihenfolge der Besuche tatsächlich allen Beteiligten entgegen.
Es ist bekannt, dass in der chinesischen Diplomatie Symbole, Atmosphäre und Inszenierung eine große Rolle spielen. Wie hat Xi Jinping den russischen Gast empfangen? Und worin lagen im Vergleich zum Empfang Trumps die wichtigsten Unterschiede?
Der wichtigste Unterschied liegt im Format selbst. Der amerikanische Besuch war ein Staatsbesuch, der russische dagegen ein Arbeitsbesuch – und das ist eine völlig andere Kategorie. Außerdem trifft Putin Xi Jinping mit Ausnahme der Corona-Jahre jedes Jahr. Während seiner Amtszeit hat er den chinesischen Staatschef mehr als 40-mal getroffen. Weltweit gibt es keinen einzigen Politiker, mit dem Putin sich häufiger getroffen hat. Und auch in diesem Jahr planen beide, sich – ebenso wie mit Trump – noch fast drei weitere Male zu begegnen.
Deshalb sehe ich in der Symbolik nichts, das man als bewusstes oder zufälliges Ranking der Gäste nach ihrer Bedeutung interpretieren sollte. Alles war durch das offizielle Protokoll vorgegeben. Dass Putin am ersten Tag vom Außenminister empfangen wurde, ist ebenfalls völlig normale Praxis. Darin steckt keinerlei Intrige.
Ist Putin als Partner gekommen oder als Staatschef eines Landes, das heute besonders auf die Unterstützung Chinas angewiesen ist?
Die Beziehungen zwischen Russland und China sind nicht einfach nur asymmetrisch – ihre Dynamik verläuft in völlig unterschiedliche Richtungen. China ist ein Land im Aufstieg: Seine Ressourcen, seine wirtschaftliche und politische Bedeutung sowie seine Rolle in der internationalen Ordnung wachsen stetig. Russland dagegen versucht, den fortschreitenden Verlust seines Status aufzuhalten. Genau deshalb greift Moskau immer häufiger zu Gewalt. Andere Instrumente, um Einfluss auf die Nachbarn und die Welt zu nehmen – wirtschaftlicher, kultureller, institutioneller oder diplomatischer Art –, entsprechen schlicht nicht mehr den eigenen Ambitionen.
Russlands Abhängigkeit von China ist unter dem derzeitigen Kurs des Kremls, einschließlich des Krieges gegen die Ukraine, tatsächlich enorm.
Russlands Abhängigkeit von China ist unter dem derzeitigen Kurs des Kremls, einschließlich des Krieges gegen die Ukraine, tatsächlich enorm. Mehr noch: Der chinesische Faktor erscheint zentral für die Frage, welchen Platz Russland bis zur Mitte oder zum Ende des 21. Jahrhunderts überhaupt in der Welt einnehmen wird. Deshalb sind auch die Erwartungen beider Seiten an solche Gipfeltreffen natürlicherweise sehr unterschiedlich.
Während des Treffens wurden Fragen der Weltpolitik sowie der Ausbau der wirtschaftlichen Zusammenarbeit beider Länder besprochen. Worauf konnte man sich konkret einigen?
Im Wesentlichen gab es zwei Hauptpunkte im Programm des Besuchs: wirtschaftlich die Pipeline „Kraft Sibiriens 2“ und politisch die Erklärung zur Multipolarität. Alles andere gehört eher zum routinemäßigen Teil der russisch-chinesischen Diplomatie.
Die Pipeline soll Russlands Verlust westlicher Absatzmärkte zumindest teilweise kompensieren.
Die Pipeline soll Russlands Verlust westlicher Absatzmärkte zumindest teilweise kompensieren. Doch China braucht dieses Projekt angesichts seiner planvollen Energiepolitik im Grunde gar nicht. Zusätzlicher Energiebedarf könnte in Peking frühestens Mitte der 2030er Jahre entstehen. Deshalb ergibt es für China derzeit keinen Sinn, Verträge mit langfristigen Verpflichtungen zu unterzeichnen. Außerdem hat China seine Lieferquellen hervorragend diversifiziert: Das Land erhält zuverlässig Energieressourcen aus Katar, Australien, Turkmenistan und – bis zur Verschlechterung der Beziehungen – auch aus den Vereinigten Staaten selbst.
Für Wladimir Putin wäre es ein gewaltiger Triumph gewesen, nicht nur mit Erklärungen nach Hause zurückzukehren, dass „Kraft Sibiriens 2“ den gegenseitigen Interessen entspreche, sondern mit konkreten Zeitplänen und vor allem mit konkreten Preisen. Genau dieser Durchbruch ist jedoch ausgeblieben. Obwohl Dmitri Peskow und offizielle Quellen des Kremls noch im vergangenen Jahr behaupteten, die Seiten hätten konkrete Vereinbarungen erzielt, ist selbst jetzt nichts daraus geworden. Der Unterschied im Grad der Abhängigkeit beider Staaten ist offensichtlich.
Dennoch wirken die heutigen Beziehungen zwischen Moskau und Peking tatsächlich stabil. In den gesamten vier Jahrhunderten ihrer gemeinsamen Geschichte waren sie vermutlich nie so eng, und vieles davon beruht auf der persönlichen Nähe der beiden Staatschefs. Natürlich werden auf solchen Gipfeln auch praktische Schritte besprochen: etwa die Zusammenarbeit im Finanz- und Technologiesektor, mögliche Lieferungen von Mikroelektronik sowie Themen wie Tourismus und Kultur. Allerdings ist allein die Tatsache, dass Vereinbarungen unterzeichnet werden – jene berühmten 40 Dokumente –, noch kein Beleg für einen realen wirtschaftlichen Durchbruch. Die meisten davon sind lediglich Absichtserklärungen, hinter denen bislang keine konkrete wirtschaftliche Realität steht.
Und in welchen Fragen bestehen weiterhin Differenzen?
Differenzen gibt es durchaus, nur spricht man darüber nicht offen. Zunächst einmal setzt die chinesische Vorstellung von der Rückkehr zu alter Größe keineswegs einen revolutionären Bruch mit der bestehenden Weltordnung voraus. Peking ist vielmehr daran interessiert, internationale Institutionen und Regeln zu erhalten, sie aber im eigenen Sinne umzubauen, damit sie chinesische Interessen und die neue Kräfteverteilung berücksichtigen.
Es gibt keine gegenseitigen Verteidigungsverpflichtungen und keine gemeinsamen Koordinierungsorgane.
Darüber hinaus ist China grundsätzlich nicht an harten Bündnissen und Allianzen interessiert. Deshalb ist es auch nicht ganz korrekt, Moskau und Peking als Verbündete zu bezeichnen. Es gibt keine gegenseitigen Verteidigungsverpflichtungen und keine gemeinsamen Koordinierungsorgane. In diesem Sinne sind die Aussagen der russischen Seite über ein „einheitliches Lager, das den Westen herausfordert“, nur teilweise zutreffend.
Es gibt außerdem Meinungsverschiedenheiten bei der Wahl der Mittel – insbesondere militärischer Mittel. Und auch der grundsätzliche Ansatz unterscheidet sich: Moskau möchte sich gegen jemanden verbünden, während es Peking genügt, sich in zentralen Fragen gegenseitig zu unterstützen.
Man sollte außerdem den Pragmatismus der Volksrepublik nicht vergessen. Chinesische Experten haben wiederholt betont, dass Peking eine „strategische Niederlage“ Russlands, von der so oft die Rede ist, nicht zulassen könne. Aber ausschließlich deshalb, weil China keinen riesigen nördlichen Nachbarn gebrauchen kann, der im Chaos und in inneren Problemen versinkt. Denn das würde direkte Risiken für die Stabilität und den Wohlstand der Volksrepublik selbst schaffen.
Sie haben die persönliche Nähe zwischen Xi Jinping und Wladimir Putin erwähnt. Bedeutet das, dass Russland und China tatsächlich auf allen Ebenen strategische Partner geworden sind – und dass dieses Bündnis ernsthaft und dauerhaft ist?
Die engen Beziehungen der Staatschefs sollten nicht darüber hinwegtäuschen, dass Russland und China gewissermaßen Pyramiden sind, die sich nur an den Spitzen berühren. Ja, zwischen Xi und Putin gibt es eine persönliche Chemie und eine gemeinsame Vorstellung von sich selbst als „großen Führern“. Ihnen hilft sogar das Fehlen einer gemeinsamen Ideologie: Anders als in der Zeit von Stalin und Mao müssen sie nicht um die ideologische Vorrangstellung kämpfen. Doch auf der Ebene der Regierungen, Geheimdienste und Streitkräfte gibt es kein tiefes Vertrauen. In den Militärdoktrinen lebt die Erinnerung an frühere Grenzkonflikte fort, und Moskau verfügt derzeit schlicht nicht über die Ressourcen, um die Risiken chinesischer Spionage umfassend einzuschätzen.
Im wirtschaftlichen Bereich gab es in Russland bis 2022 überhaupt keinen Konsens darüber, welches Maß an Abhängigkeit von China akzeptabel ist. Heute hilft Peking Moskau dabei, seinen Kurs fortzusetzen, doch geoökonomisch bleibt Russland ein europäisch orientiertes System. Der Umbau der gesamten Infrastruktur nach Osten ist eine Aufgabe für Generationen. Dafür bräuchte es gigantische Investitionen und eine entsprechende Nachfrage seitens Chinas – und beides fehlt bislang. Hinzu kommt, dass im gesamten russischen Fernen Osten weniger Menschen leben als in einer einzigen großen chinesischen Metropole.
Schließlich kennen sich auch die Gesellschaften beider Länder bis heute nur schlecht. Trotz Visafreiheit und millionenfacher Touristenströme besteht zwischen den Bürgern weiterhin eine über Generationen gewachsene Xenophobie, die auf Stereotypen beruht. Deshalb könnten diese Beziehungen, sobald die heutigen Staatschefs abtreten, vor enormen Risiken stehen.




