Die Fragen stellte Nikolaos Gavalakis.
In Mali haben Dschihadisten und Rebellen gemeinsam die Armee angegriffen. Wie ist die Lage vor Ort?
Die Situation in Mali scheint sich langsam zu beruhigen, das Wochenende war jedoch von einer präzedenzlos effektiv koordinierten Angriffswelle auf malische Armee- und Verwaltungsstrukturen geprägt. Am Samstagmorgen griffen Dschihadisten und die FLA, ein Bündnis separatistischer Rebellen, teils gemeinsam wichtige Städte in Mali an. Betroffen waren die Hauptstadt Bamako und der internationale Flughafen, Kati – eine Garnisonsstadt 15 Kilometer nördlich der Hauptstadt und Wohnort der meisten hochrangigen Militärs –, sowie Gao, Sévaré und Kidal.
Über das Wochenende hinweg kam es zu teils intensiven Kämpfen und Anschlägen. Das hochrangigste bestätigte Opfer ist der Verteidigungsminister Sadio Camara, der zum engsten Machtzirkel der seit 2021 militärisch geführten Regierung gehörte. Er kam bei einem Selbstmordattentat auf sein Haus in Kati ums Leben. Auch der Geheimdienstchef und der Generalstabschef der Armee sollen verletzt worden sein. Über ihr Schicksal wurde von staatlicher Seite bislang nicht berichtet.
Die malische Armee und ihre Verbündeten, wie das russische Africa Corps und vermutlich auch die AES, ein Militärbündnis von Mali, Niger und Burkina Faso, reagierten mit einer Boden- und Luftoffensive. Die Lage in Bamako ist mittlerweile ruhiger. Es wurde eine nächtliche Ausgangssperre von 21 bis 6 Uhr verhängt, der internationale Flughafen hat seinen Betrieb jedoch wieder aufgenommen. Auch in Gao haben die malischen Streitkräfte wieder die Oberhand gewonnen. In Sévaré und Kati dauern die Auseinandersetzungen vermutlich an. Kidal scheint von den Rebellen zurückerobert worden zu sein.
Die Stadt Kidal im Norden Malis gilt seit Jahren als Schlüsselort. Warum ist sie so wichtig?
Kidal ist für deutsche Verhältnisse zwar eine kleine Stadt, besitzt jedoch eine erhebliche politische Bedeutung. Sie steht sinnbildlich für die territoriale Integrität des Staates Mali und zugleich für den Anspruch der jeweiligen Regierung, ihre Autorität auch im abgelegenen Norden durchzusetzen. Für die separatistische Azawad-Bewegung hingegen verkörpert Kidal das Streben nach Selbstbestimmung und ethnischer Zugehörigkeit.
Als historisches Machtzentrum und wichtiger Knotenpunkt für Handel geriet die Stadt spätestens 2012 in den internationalen Fokus, als sie im Zuge der Separationsbemühungen von Rebellen und dschihadistischen Gruppen eingenommen wurde, die für einen unabhängigen Staat Azawad kämpften und heute unter anderem unter dem Namen FLA auftreten. Im Jahr 2013 wurde Kidal durch französische und malische Truppen zurückerobert, doch bereits 2014 fiel die Stadt nach erneuten Auseinandersetzungen – unter anderem im Zusammenhang mit einem Besuch des damaligen Premierministers Moussa Mara – wieder an separatistische Kräfte.
In der Folge wurde Kidal sowohl unter der zivilen Regierung von Ibrahim Boubacar Keïta als auch unter der späteren Militärregierung symbolisch stark aufgeladen. Die Rückeroberung der Stadt im Herbst 2023 galt als demonstrativer Erfolg der nach dem Putsch von 2021 etablierten Führung, die eine militärische Stabilisierung des Landes anstrebt. Die erneute Einnahme Kidals durch koordinierte Angriffe dschihadistischer und separatistischer Gruppen stellt daher einen erheblichen Rückschlag dar und wirft Zweifel an der Wirksamkeit dieser Strategie auf.
Eine internationale Friedensmission kann nur so lange in einem Land anwesend sein, wie das Gastland dies auch möchte.
Weder militärische Kapazitäten noch die nachrichtendienstliche Aufklärung scheinen auszureichen, um JNIM, ein Al-Qaida-nahes dschihadistisches Bündnis in der Sahelregion, und die FLA einzudämmen. Hinzu kommt, dass Kidal hauptsächlich von Kräften des Africa Corps eingenommen und gehalten wurde. Diese verhandelten am Wochenende ihren Abzug aus dem ehemaligen MINUSMA-Camp in Richtung Süden. Ihre Waffen verblieben dabei offenbar bei der FLA. Was mit den übrigen malischen Truppen vor Ort geschehen ist, ist bislang nicht abschließend geklärt.
Bis Ende 2023 war die UN-Mission MINUSMA in Mali im Einsatz, an der auch die Bundeswehr beteiligt war. Auf Wunsch der malischen Militärregierung wurde der Einsatz der internationalen Schutztruppe beendet. War dieser Schritt aus heutiger Sicht ein Fehler?
Eine internationale Friedensmission kann nur so lange in einem Land anwesend sein, wie das Gastland dies auch möchte. Dem Wunsch der malischen Regierung nach einem Abzug musste die MINUSMA entsprechen. Wer im eigenen Land aktiv ist, hat jeder souveräne Staat letztlich selbst zu entscheiden. Hinzu kommt, dass MINUSMA eine der teuersten UN-Missionen der Geschichte war, komplex strukturiert und nicht nur auf militärische Themen beschränkt. Viele sagen aus heutiger Sicht, dass sie mit Erwartungen und Aufgaben überfrachtet war. Dem würde ich zustimmen. Nichtsdestotrotz war sie ein Versuch der internationalen Gemeinschaft, auf die komplexe Lage in Mali in den 2010er Jahren zu reagieren. Letztlich wurde sie ihrem Anspruch aber nicht gerecht, und ein Ende der Mission war wahrscheinlich sinnvoll. Über die Art und Weise dieses Endes – relativ plötzlich und mit nur wenigen Ansätzen für eine geordnete Übergabe von Infrastruktur, Material und Personal an die malische Regierung – lässt sich allerdings streiten.
Die malische Regierung war 2023 gewillt, einen neuen Ansatz zu wählen und ihre Partnerschaften auszuweiten. Das ist ihr gutes Recht. Dazu suchte sie Unterstützung bei der russischen Wagner-Gruppe beziehungsweise dem Africa Corps Russlands, aber auch bei der Türkei und China, um ihre neue, stark militärisch geprägte Strategie zur Eindämmung dschihadistischer Gruppen und separatistischer Kräfte umzusetzen. Dieser Ansatz schien zunächst erfolgreich, da Kidal zurückerobert werden konnte. Spätestens nach diesem Wochenende ist jedoch deutlich geworden, dass diese Strategie nicht ausreicht. Rein militärische Ansätze können die Ursachen für die zunehmende Mobilisierung durch die Dschihadisten, etwa die gravierend schlechte Versorgung mit öffentlichen Gütern wie Wasser, Bildung, Arbeitsplätzen und Gesundheitsversorgung, nicht adressieren. Auch Menschenrechtsverletzungen durch Partner und die malischen Streitkräfte tragen zu einer weiteren Entfremdung vom Zentralstaat bei.
Die malische Regierung muss nun entscheiden, wie sie sich an die neue Situation anpasst, um erstens nicht selbst den Entwicklungen zum Opfer zu fallen und zweitens der Bevölkerung wieder Lebens- und Entwicklungsperspektiven zu eröffnen.
Welche Rolle spielt Russland aktuell im Konflikt – und wie hat sich sein Einfluss in Mali verändert?
Russland ist nicht erst seit dem Abzug der MINUSMA Partner Malis. Die historischen Beziehungen reichen bis in die Zeit des Kalten Krieges zurück und fußen auf Sprachaustausch, Studienaufenthalten und staatlicher Kooperation. Auch in jüngerer Zeit haben wichtige Persönlichkeiten Malis, unter anderem der verstorbene Verteidigungsminister, ihre weiterführende Ausbildung – sowohl militärisch als auch zivil – in Russland erhalten. Als die internationale Gemeinschaft die hohen Erwartungen der malischen Regierungen nicht erfüllen konnte, wandte man sich erneut einem alten Partner zu: Russland. Aus europäischer Sicht geschah dies zu einem geopolitisch sehr kritischen Zeitpunkt, als Russland gerade die Ukraine angegriffen hatte, und wurde daher als klare Abkehr von westlichen Werten interpretiert. Dieser Aspekt sollte nicht völlig ausgeblendet, aber auch nicht überbewertet werden. Mali öffnete sich nämlich nicht nur gegenüber Russland, sondern auch gegenüber anderen Partnern wie der Türkei, China und den Vereinigten Arabischen Emiraten. Diese Staaten waren bereit, die für die militärische Strategie Malis notwendigen Mittel zu liefern – etwas, wozu Europa aus nachvollziehbaren Gründen nie vollständig bereit war.
Mali öffnete sich nämlich nicht nur gegenüber Russland, sondern auch gegenüber anderen Partnern.
Was den aktuellen Einfluss Russlands in Mali betrifft, zeigt sich aus heutiger Sicht: Russland hat mehr Versprechen gemacht, als es letztlich einlösen konnte. Ob Wagner-Gruppe oder später das Africa Corps, die militärischen Erfolge Russlands sind eher gemischt. Dem Africa Corps wird vorgeworfen, Menschenrechtsverletzungen begangen zu haben und nicht ausreichend mit den malischen Streitkräften zu kooperieren. Zudem scheint der finanzielle Preis der Zusammenarbeit sehr hoch zu sein, sodass offenbleibt, ob die Kooperation Mali tatsächlich so viel hilft. Auch militärisches Material hat Mali in Russland beschafft. Eine Vereinbarung zum Bau eines Atomkraftwerks zur Verbesserung der ohnehin gravierend schlechten Stromversorgung ist bis heute jedoch nicht umgesetzt worden. Für beide Seiten wird nach den Ereignissen des vergangenen Wochenendes zu prüfen sein, ob sich die Partnerschaft sinnvoll und gewinnbringend fortsetzen lässt. Viele langfristige Erfolge sind bislang nicht erkennbar.
Gibt es aus Ihrer Sicht aktuell noch Handlungsmöglichkeiten für Deutschland oder die EU?
Die Handlungsmöglichkeiten für die EU und Deutschland sind aus meiner Sicht stark eingeschränkt. Dabei müssen sowohl der eigene Werte- und Interessenkompass berücksichtigt werden als auch die Kooperationsbereitschaft der militärisch geführten Regierung in Mali. Angebote von europäischer Seite sollten weiterhin gemacht werden. Ob diese angenommen oder gemeinsam diskutiert werden, muss letztlich die malische Seite entscheiden.




