Nachdem die Islamische Republik wochenlang von den USA und Israel bombardiert, von Präsident Trump wiederholt bedroht und ihre Führungsspitze ausgeschaltet wurde, wirkt sie nicht geschwächt. Der Krieg hat vielmehr ihre wahre Natur sichtbar gemacht. Durch den Krieg wurde der Vorhang zurückgezogen. Die Islamischen Revolutionsgarden, das Rückgrat des Regimes, sind mächtiger als zuvor und treten offener denn je in Erscheinung. Zugleich wird die iranische Bevölkerung noch unfreier und verliert in noch stärkerem Maß den Zugang zu Grundrechten. Mit der Blockade der Straße von Hormus hat das Regime demonstriert, was es bewirken kann, wenn es seine Muskeln spielen lässt und die Weltmärkte in Geiselhaft nimmt. Die USA dagegen wirkten viel weniger entschlossen, als zunächst erwartet. Beide Seiten haben sich zum Sieger erklärt, können aber nicht überzeugend darlegen, was sie gewonnen haben.
Was in der Berichterstattung über diesen Krieg am wenigstens thematisiert wurde, ist der Informationskrieg. Die Islamische Republik hat vielfach unter Beweis gestellt, dass sie ihn weitaus besser beherrscht. Die Seite, die den Informationsfluss kontrolliert, erreicht mehr als die Seite, die den größten Schaden anrichtet. Das wahre Vermächtnis dieses Krieges ist möglicherweise nicht die Vernichtung der Islamischen Republik, sondern die Frage, wer die Deutungshoheit darüber gewinnt, was geschehen ist.
Wenn ich mit Menschen im Iran spreche, fragen sie mich jedes Mal zuerst: „Was erzählen sie dort drüben? Was ist los?“ Es hat etwas zutiefst Beunruhigendes, wenn Menschen, die mitten in einem Krieg leben, Außenstehende wie mich fragen, was eigentlich vor sich geht.
In den vergangenen 90 Tagen war das Internet gesperrt, sodass es nur wenige Kontaktmöglichkeiten zu den Menschen im Land gab: Entweder durch Telefongespräche, die ein Vermögen kosten, oder eine App namens Bale, hinter der die Revolutionsgarden stehen und die vom Militär intensiv überwacht wird. Für alle, die nicht zu dem kleinen Kreis gehören, dem das Regime privilegierte SIM-Karten gewährt, ist echte Kommunikation nahezu unmöglich geworden. Ich kann mit Menschen im Iran seit Wochen kein offenes Gespräch führen. Sie haben Angst. Telefone werden abgehört. Die einzige sichere Sprache ist inzwischen das Schweigen. So stellt sich der Informationskrieg von innen dar: als Vakuum, das vom Regime ohne Gegenwehr mit seiner eigenen Version des Geschehens gefüllt wird.
Ich habe mit einer Freundin meiner Familie gesprochen, die mir in einer Sprachnachricht ein Bild von der Stimmung im Iran vermittelt hat: „Es ist, als hätten sie die Stadt mit Todesstaub zugedeckt. Alle sind niedergeschlagen. Die Menschen sind traurig und ausgebrannt. Zumal wenn sie sehen, dass die Anhänger der Islamischen Republik so viel Oberwasser bekommen haben.“
Die Menschen haben nicht mehr nur vor der Regierung Angst.
Die Menschen haben nicht mehr nur vor der Regierung Angst. Auch die Anhänger des Regimes treten selbstbewusster und entschlossener auf. Jede Nacht gehen sie auf die Straße, bewachen Wohnviertel und versammeln sich, um öffentlich ihre Unterstützung für das Regime zu bekunden. Einige tragen Pistolen bei sich, andere zeigt das Staatsfernsehen auf Hochzeitsfeiern mit Gewehren in den Händen. Meine Freundin sagt: „Das ist das, was sie immer wollten – für ihre Sache sterben. Genau das verschafft ihnen jetzt der Krieg.“
Seit fast 50 Jahren hält sich die Islamische Republik mit dem Narrativ von der Konfrontation mit dem Westen – speziell mit den USA und Israel – an der Macht. In der Schule, nach dem Freitagsgebet, bei nationalen Feierlichkeiten und im Staatsfernsehen wird mit Sprechchören, Slogans und Geschichten der Hass auf Israel und die Vereinigten Staaten propagiert. Das Regime stellt sich nicht bloß als Regierung, sondern als Teil eines kosmischen Kampfes zwischen Gut und Böse dar, der mit der nächsten Rückkehr des Imams Mahdi verknüpft ist – einer apokalyptischen Vision von Gericht und Erlösung. Für viele überzeugte Anhänger der Islamischen Republik ist der Konflikt mit dem Westen nicht nur politisch. Er hat eine existenzielle, ja heilige Dimension. Und als dieser Konflikt vor wenigen Monaten schließlich in Form von Luftangriffen Realität wurde, wurde das Narrativ dadurch nicht erschüttert, sondern bestätigt.
Das Informationsvakuum hat das Regime für sich genutzt. Da es vor Ort keine unabhängigen Journalisten gibt und die sozialen Medien mit konkurrierenden Narrativen und KI-generierten Inhalten überschwemmt werden, lässt sich die Grenze zwischen Wahrheit und Fiktion mittlerweile kaum noch erkennen. In diesem Durcheinander wird es immer schwieriger zu überprüfen, was mit der iranischen Bevölkerung geschieht.
Die Veränderung erfasst auch Menschen, von denen ich nie erwartet hätte, dass sie der Propaganda des Regimes erliegen. Familienmitglieder, deren Angehörige in seinen Gefängnissen verschwanden. Freundinnen und Freunde, die inhaftiert waren. Bekannte, die wegen der Islamischen Republik jahrelang im Exil lebten. Durch die fremden Bomben hat sich etwas in ihnen verändert. Wo früher Opposition war, ist jetzt Nationalismus. In den vergangenen Wochen beobachtete ich, wie einige von ihnen in Social-Media-Posts die Islamische Republik verteidigten – nicht aus Überzeugung, sondern aus einem Impuls heraus, der älter ist und sich argumentativ schwerer entkräften lässt: Sie wollen als Patrioten ihr Land verteidigen. Das Regime musste nichts unternehmen, um sie umzustimmen. Es brauchte nur jemanden, der Bomben auf die Menschen wirft, die sie lieben.
Die Islamische Republik wird nicht nur auf eine Weise missverstanden, sondern von ganz unterschiedlichen Seiten. Die amerikanische Rechte betrachtet das Regime als irrational und inkompetent und meint, es sei aus der Luft leicht zu besiegen – daher der vor Kurzem begonnene Krieg. Von der Linken wird das Regime häufig als Underdog dargestellt, als Produkt westlicher Interventionen, das sich stärker durch Druck von außen als aus eigener Dynamik heraus entwickelt habe.
Bei einer Kundgebung standen neulich progressive Liberale um mich herum und bekundeten ihre Trauer um Vertreter der Islamischen Republik wie Ali Laridschani und Ali Schamchani, die bei Luftangriffen getötet worden waren. Diese führenden Mitglieder des Regimes hätten als „gemäßigte Stimmen“ Iran vielleicht zur Demokratie führen können. Dabei gerät scheinbar allzu leicht in Vergessenheit, dass dieselben Männer jahrzehntelang Iranerinnen und Iraner für eine Ideologie vereinnahmten, ihre Unterdrückung überwachten und Tausende Menschen töteten.
Der Krieg der USA und Israels kam für das Regime nicht überraschend.
Es gibt im Westen noch ein weiteres Missverständnis, bei dem eine wesentliche Eigenschaft des Regimes übersehen wird: seine Handlungsfähigkeit, Leistungsfähigkeit und Intelligenz. Die Islamische Republik ist ein System, das für einen bestimmten Zweck geschaffen wurde und mit aller Kraft um sein Überleben kämpft. Wenn es unter Druck gerät, zerfällt es nicht, sondern wird gestärkt.
Die Islamische Republik ist eine revolutionäre ideologische Ordnung, die im politischen Islam verwurzelt ist. Ihr Fundament ist nicht die Schaffung von Wohlstand, sondern die Bewahrung eines ideologischen Projekts. Dieses Projekt hat seine Wurzeln im Widerstand, in der Überzeugung, dass Druck von außen das Regime nicht in seiner Existenz bedroht, sondern seinen Sinn und Zweck bestätigt.
Der Krieg der USA und Israels kam für das Regime nicht überraschend. Es hatte sich strukturell darauf vorbereitet und die Situation auf vielfältige Weise für sich genutzt. Der Angriff hat zum einen die Hardliner gestärkt und zum anderen die Möglichkeit geschaffen, den Fortbestand des Regimes neu zu interpretieren und als Sieg darzustellen. Wenn es stimmt, dass dieser Krieg an zwei Fronten geführt wurde – militärisch und als Informationskrieg –, dann hat die Islamische Republik bewiesen, dass sie für Letzteren weitaus besser gerüstet war.
Jetzt warten alle auf eine Einigung. Dafür bräuchte es allerdings etwas, von dem bislang keine Seite gezeigt hat, dass sie dazu in der Lage ist: der Gegenseite ihren Fortbestand zuzugestehen. Für die Islamische Republik bedeutet das, mit dem Land zu verhandeln, das sie seit 47 Jahren an den Pranger stellt. Für Donald Trump heißt es, ein Ergebnis zu akzeptieren, das weniger einem Sieg gleicht als einem Kompromiss, der ihn teuer zu stehen kommt. Keine Seite will gedemütigt werden, und die Angst vor Demütigung ist vielleicht – mehr noch als Urananreicherung oder Sanktionen – das größte Hindernis für den Frieden.
Es gibt aber noch eine dritte Verhandlungspartei, die nicht mit am Tisch sitzt: die iranische Bevölkerung. Jede Einigung, die jetzt erzielt wird, wird im Dunkeln ausgehandelt. Das iranische Volk hat kein Mitspracherecht. Es erfährt nichts davon, und das Ergebnis läuft seinen Interessen möglicherweise zuwider. Der Informationskrieg hat nicht nur das militärische Ergebnis beeinflusst, sondern prägt nun auch die Bedingungen des Friedens.
Allmählich kehrt das Internet zurück. Möglicherweise zeichnet sich am Horizont eine Einigung ab. Doch mir geht die Sprachnachricht meiner Freundin nicht aus dem Sinn: „Ich werde diese Sprachnachricht löschen, aber du kannst sie behalten. Hör zu ... wenn es am Ende dieses Krieges kein echtes Ergebnis gibt, stecken wir noch tiefer in der Misere. Gott steh uns bei.“
Dieser Artikel erschien zuerst im US-Onlinemagazin Persuasion.
Aus dem Englischen von Andreas Bredenfeld




