Die Fragen stellte Philipp Kauppert.

Indien stellt sich oft als autonome Macht dar. Kritiker hingegen argumentieren, Neu-Delhi versuche vor allem, gleichzeitig von Washington, Moskau und Peking zu profitieren. Ist Indiens „strategische Autonomie“ echt – oder schlicht Opportunismus?

Strategische Autonomie hat in Indien tiefe historische Wurzeln. Sie entstand aus der langen Tradition der Blockfreiheit und spiegelt die tief verankerte politische Überzeugung wider, dass Indien selbst über sein Schicksals bestimmen möchte. Dieses Selbstverständnis ist bis heute zentral für die politische Vorstellungskraft des Landes. Zugleich gibt es aber auch eine praktische Dimension. Indien ist ein Land mit fast 1,5 Milliarden Menschen und äußerst unterschiedlichen Bedürfnissen. Kein einzelnes Land und kein Bündnis kann all diese Bedürfnisse erfüllen. Rund 80 Prozent der indischen Energieversorgung stammen aus dem Ausland, große Teile der Industrieproduktion hängen von China ab, Spitzentechnologie kommt überwiegend aus den Vereinigten Staaten, während Rüstungsgüter aus Ländern wie Russland, Israel oder Frankreich bezogen werden. In diesem Sinne kann sich Indien keine Abhängigkeit von nur einem Block leisten.

Dennoch hat strategische Autonomie ihre Grenzen. Indiens externe Abhängigkeiten schränken den außenpolitischen Handlungsspielraum ein, und Multi-Alignment funktioniert weniger gut, wenn alle anderen dieselbe Strategie verfolgen – einschließlich der Vereinigten Staaten. Trotzdem hat Indien glaubwürdige Ansprüche darauf, künftig einen eigenen Pol in einer multipolaren Welt zu bilden. Das Land präsentiert sich als führende Stimme des Globalen Südens und fordert Reformen der globalen Ordnung, Schuldenerleichterungen und mehr Klimagerechtigkeit. Auch wenn dieser Ansatz teilweise strategisch motiviert ist, gibt es in Indien zugleich die genuine Überzeugung, dass die internationale Ordnung nicht stabil bleiben kann, wenn die Interessen des Globalen Südens ignoriert werden.

Die Vereinigten Staaten sehen Indien zunehmend als Gegengewicht zu China. Doch trotz Grenzzwischenfällen und Chinas wachsendem Einfluss in Asien vermeidet die Regierung Modi weiterhin die direkte Konfrontation mit Peking. Ist Indien letztlich nicht bereit, China herauszufordern?

China nimmt im strategischen Denken Indiens mehrere Rollen zugleich ein. Anders als die USA betrachtet Indien China nicht ausschließlich in Schwarz-Weiß-Kategorien. Einerseits ist China zweifellos Indiens wichtigste geopolitische Herausforderung. Der Unterschied in den materiellen Fähigkeiten ist enorm: Chinas wirtschaftliche und militärische Macht übersteigt die Indiens bei weitem. Andererseits ist China auch ein Partner in vielen globalen Fragen. Indien und China vertreten häufig ähnliche Positionen, etwa bei der Reform der internationalen Ordnung, bei der Ablehnung einseitiger Sanktionen oder beim Widerstand gegen ein aus ihrer Sicht eurozentrisches System. Sie kooperieren in Foren wie den BRICS oder der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit und arbeiten bei Themen wie dem Klimawandel zusammen.

Der strategische Wettbewerb zwischen Washington und Peking ist deren Konflikt – nicht unserer.

China ist zudem Indiens Nachbar und einer seiner wichtigsten Handelspartner. Geografie lässt sich nicht wegwünschen. Würde Indien plötzlich den Handel mit China einstellen, hätte das gravierende Folgen für die indische Wirtschaft. China ist daher zugleich Rivale, Partner und wirtschaftliche Notwendigkeit. Genau deshalb zögert Indien, zu einem klar anti-chinesischen Vorposten der USA zu werden. Aus indischer Sicht ist der strategische Wettbewerb zwischen Washington und Peking in erster Linie deren Konflikt – nicht unserer.

Unter der Biden-Regierung drängten die Vereinigten Staaten Indien dazu, bei der Eindämmung Chinas mitzuwirken. Doch was passiert, wenn eine zukünftige US-Regierung ihren Kurs ändert und sich direkt mit Peking arrangiert? Indien stünde dann exponiert da. Insofern hat der vorsichtige Kurs Indiens den eigenen Interessen bislang durchaus gedient. Natürlich profitiert Indien indirekt davon, wenn die USA China Grenzen setzen. Aber Indien möchte nicht direkt in eine Konfrontation zwischen den beiden größten Mächten der Welt hineingezogen werden. Es zieht es vor, am Rand zu bleiben und seine strategische Flexibilität zu bewahren.

Indien hat seine Partnerschaften mit dem Westen ausgebaut und ist zugleich weiterhin auf russische Energie angewiesen sowie mit Iran verbunden. Werden die Spannungen am Golf und die Instabilität rund um die Straße von Hormus zu einer Belastungsprobe für diesen Balanceakt?

Es wird sicherlich schwieriger, aber weiterhin notwendig. Indiens geopolitische Lage zwingt das Land dazu, zwischen konkurrierenden Akteuren zu balancieren. Iran ist wichtig wegen der Energieversorgung und weil das Land Zugang zu Zentralasien und potenziell zu Landrouten Richtung Europa bietet. Auch die Golfstaaten sind essenzielle Energiepartner. Gleichzeitig ist Indien bei Verteidigungskooperation, Geheimdienstinformationen und moderner Militärtechnologie stark auf die USA und Israel angewiesen.

Kein einzelnes Land und kein Bündnis kann alle strategischen und wirtschaftlichen Bedürfnisse Indiens erfüllen. Diese Realität drängt Indien dazu, mehrere Partnerschaften parallel aufrechtzuerhalten. Hinzu kommt ein weiterer wichtiger Punkt: Indien versteht sich selbst als künftiger Pol in einer multipolaren Welt. Ein Staat mit diesem Selbstbild wird sich kaum dauerhaft an einen einzigen Block binden. Das ist nicht bloß taktisches Kalkül. Es spiegelt ein tieferes historisches und politisches Selbstverständnis wider. Handlungsspielräume zu bewahren gilt als zentraler Bestandteil indischer Identität und langfristiger Strategie.

Die Instabilität rund um die Straße von Hormus trifft Indien bereits durch steigende Energiepreise, Inflation und Störungen der Lieferketten. Hat die indische Regierung die Widerstandsfähigkeit des Landes überschätzt?

Ich würde die Frage anders formulieren. Indien hat diese Krise nicht verursacht. Das Land ist – wie weite Teile des internationalen Systems – von Konflikten betroffen, die anderswo ausgelöst wurden. Unter diesen Umständen hat die Regierung die Situation vergleichsweise gut bewältigt. Dennoch ist Indiens Verwundbarkeit bei der Energiesicherheit real. Wir haben immer wieder erlebt, dass externe Mächte unsere Handlungsmöglichkeiten eingeschränkt haben. Als Indien Öl aus Venezuela importierte, widersprachen die Vereinigten Staaten. Als wir uns Iran zuwandten, folgten erneut Sanktionsdrohungen. Danach wurde Russland zur Alternative. Diese ständige Unsicherheit verweist auf ein strukturelles Problem: Indiens Energiesicherheit hängt stark von externen Akteuren ab.

In Indien wird inzwischen ernsthaft darüber diskutiert, Energiesicherheit als Frage der nationalen Sicherheit zu begreifen.

Deshalb wird in Indien inzwischen ernsthaft darüber diskutiert, Energiesicherheit als Frage der nationalen Sicherheit zu begreifen. Dabei wird etwa gefragt, warum Indiens strategische Ölreserven nur für rund 70 Tage reichen, während Länder wie Japan Reserven für ungefähr 200 Tage vorhalten. Gleichzeitig treibt Indien den Ausbau alternativer Energiequellen massiv voran. Das Land gehört inzwischen zu den weltweit führenden Staaten bei der Nutzung von Solarenergie, und das Interesse an kleinen modularen Atomreaktoren wächst. Erneuerbare Energien und Kernkraft werden zunehmend nicht nur als wirtschaftliche Prioritäten betrachtet, sondern als Säulen nationaler Sicherheitsstrategie.

Ja, Indien ist verwundbar. Doch diese Verwundbarkeiten sind vor allem das Ergebnis struktureller äußerer Abhängigkeiten und nicht allein politischer Fehlentscheidungen. Die entscheidende Frage lautet nun, wie diese Abhängigkeiten langfristig reduziert werden können.

Viele im Westen sehen in Indien die nächste große Supermacht. Blickt man jedoch auf Infrastrukturdefizite, Ungleichheit, Arbeitslosigkeit und Energieabhängigkeit, wirkt Indien zugleich erstaunlich fragil. Welches Bild trifft eher zu?

Beides ist richtig. Indien ist zugleich ein reiches und ein armes Land. In mancher Hinsicht ist es hochmodern, in anderen tief unterentwickelt. Es ist gleichzeitig Kontinental- und Seemacht. Einerseits ist Indien bereits eine der größten Volkswirtschaften der Welt, eine Atommacht mit einer der größten stehenden Armeen und ein Land mit enormem demografischem und geopolitischem Gewicht. Schon allein aufgrund seiner Größe gehört Indien zweifellos zu den wichtigsten Mächten des internationalen Systems. Andererseits lebt ein großer Teil der Bevölkerung weiterhin ohne den Lebensstandard, der mit entwickelten Staaten verbunden wird. Armut, Ungleichheit, Arbeitslosigkeit und mangelhafte Infrastruktur bleiben gravierende Herausforderungen. Indien ist noch keine Gesellschaft mit hohem Einkommen.

Die Antwort hängt also von der Frage ab. Wenn es darum geht, ob Indien geopolitische Entwicklungen beeinflussen kann, dann lautet die Antwort eindeutig ja. Wenn die Frage hingegen ist, ob Indien allen Bürgerinnen und Bürgern Wohlstand und Chancen bieten kann, dann bleibt noch viel zu tun. Deshalb wäre ich vorsichtig damit, Indien schon bald als Supermacht zu bezeichnen. Das halte ich für übertrieben. Aber Indien entwickelt sich klar zu einer der vier oder fünf wichtigsten Mächte der Welt. Daran besteht kaum Zweifel.

Philosophisch betrachtet: Ist Indien eine revisionistische Macht, die die internationale Ordnung umstürzen will – oder eine konservative Macht, die lediglich eine größere Rolle innerhalb dieser Ordnung anstrebt?

Indien ist weder eine reine Status-quo-Macht noch eine revolutionär revisionistische Macht. Im Kern ist es eine reformorientierte Macht. Als frühere internationale Ordnungen geschaffen wurden, war Indien ausgeschlossen. Während des europäischen Konzerts zählten nur die europäischen Mächte. Als nach dem Ersten Weltkrieg der Völkerbund entstand, war Indien noch kolonisiert. Selbst 1945, beim Aufbau der Nachkriegsordnung, nahm Indien nicht als souveräne Macht teil. Diese historische Erfahrung prägte das indische Denken über Jahrzehnte hinweg. In den 1950er- und 1960er-Jahren sprachen indische Politiker häufig in stark revisionistischen Begriffen von einer „neuen internationalen Wirtschaftsordnung“. Doch nach den Wirtschaftsreformen der 1990er-Jahre und der schrittweisen Integration Indiens in den globalen Mainstream änderte sich dies.

Heute profitiert Indien von der bestehenden Ordnung, auch wenn das Land mit wichtigen Aspekten weiterhin unzufrieden ist. Indien will sich weder China noch Russland anschließen, um das System grundsätzlich umzustürzen. Zugleich lehnt es aber auch ab, den Status quo einfach hinzunehmen. Was Indien will, sind Reformen: eine demokratischere internationale Ordnung, die die Realitäten des 21. Jahrhunderts besser widerspiegelt. In diesem Sinne tritt Indien Europa und den USA nicht mit dem Argument entgegen, das System müsse zerstört werden, sondern mit der Forderung, es anzupassen und zu verbessern. Im Kern strebt Indien einen reformierten Status quo an – keine revolutionäre Alternative.