Die Fragen stellte Olga Vasyltsova.
Wie bewerten Sie die Entwicklung der Zusammenarbeit zwischen Russland und dem Iran seit dem Kriegsbeginn in der Ukraine? Handelt es sich eher um eine taktische Allianz oder um eine langfristige strategische Partnerschaft?
Russland und der Iran sind strategische Partner, die ihre Kooperation seit 2022 deutlich ausgebaut und vertieft haben. Sie bauen dabei auf langjährige Erfahrungen seit den 1990er Jahren auf, auch in Rüstungs- und Nuklearfragen. Ein qualitativ neues Niveau erreichte die militärische Zusammenarbeit 2015 in Syrien, sodass bereits vor der Vollinvasion der Ukraine ein robustes Fundament bestand.
Seit 2022 hat sich die Partnerschaft weiter vertieft und qualitativ verschoben: Zum ersten Mal brauchte Russland etwas vom Iran. Teheran lieferte nicht nur Shahed-Drohnen, sondern auch Technologien zu deren Produktion, wodurch Russland diese inzwischen selbst in hoher Stückzahl herstellen kann. Dies stellt einen zentralen Beitrag zur Kriegsführung gegen die Ukraine dar.
Können Sie das konkretisieren?
Russland hat die Effektivität dieser Waffen gesteigert, sie zum Beispiel resistenter gegen elektronische Kampfführung gemacht. Und nun profitiert auch der Iran von diesen Entwicklungen. Im jüngsten Iran-Krieg gab es Berichte über den Austausch von Zieldaten, also von Koordinaten, sowie über russische operative Unterstützung, um Drohnen effektiver einzusetzen. Der Iran hat auch wirtschaftlich und politisch von der engeren Partnerschaft profitiert, etwa durch russische Unterstützung bei den BRICS und in der Shanghai Cooperation Organisation.
Es gibt aber auch Grenzen bei der militärischen Kooperation. Das hat zwei Gründe: Russland hat nicht die Fähigkeit, bestimmte Systeme – etwa Kampfjets vom Typ Su-35 oder Luftabwehrsysteme – zu liefern, und es geht auch um politisches Kalkül, nämlich um Russlands Gratwanderung gegenüber anderen Partnern wie Israel oder den Golfstaaten. Vor allem ist Russland nicht bereit, militärisch zum Schutz Irans zu intervenieren. Es gibt keine Beistandsklausel, und Moskau betont dies auch ausdrücklich.
Wie sieht die Gratwanderung in Russlands Beziehungen zu Israel sowie zu seinen weiteren Partnern im Nahen Osten aus?
Wladimir Putin muss einen delikaten Balanceakt vollziehen: Der Iran ist ein strategischer Partner, den man nicht isoliert und geschwächt sehen will. Gleichzeitig unterhält Russland wichtige Beziehungen zu den Golfstaaten, zu Saudi-Arabien, den Vereinigten Arabischen Emiraten, zu Katar, aber auch zu Israel. Eine zu starke Unterstützung des Iran würde diese Beziehungen gefährden.
Wir sehen bereits jetzt Irritationen im russisch-israelischen Verhältnis.
Wir sehen bereits jetzt Irritationen im russisch-israelischen Verhältnis: Moskau hat die israelischen Angriffe nahe des Kernkraftwerks Buschehr im Iran scharf kritisiert, auch wegen russischer Spezialisten vor Ort. Zudem gab es Berichte über israelische Angriffe auf russische Lieferungen an den Iran im Kaspischen Meer. Beide Seiten vermeiden jedoch eine weitere Eskalation der Rhetorik, um einen Bruch zu verhindern.
Meine Prognose lautet: Wir werden weiterhin russische Unterstützung für den Iran sehen, vor allem diplomatisch und begrenzt militärisch, aber keine direkte Intervention und keine Lieferung hochentwickelter Waffensysteme.
Kann man sagen, dass Russland vom Iran-Konflikt profitiert? Und falls ja, inwiefern?
Kurz- bis mittelfristig überwiegen für Russland die Vorteile. Der wichtigste ist der gestiegene Ölpreis und die teilweise Lockerung der Sanktionen, was zu deutlich höheren Einnahmen geführt hat. Laut Internationaler Energieagentur haben sich die Öleinnahmen im März gegenüber Februar verdoppelt. Das verschafft dem russischen Staatshaushalt eine Art Atempause, auch wenn unklar bleibt, wie nachhaltig dieser Effekt ist.
Ein weiterer Vorteil ist die Umleitung von Patriot-Flugabwehrsystemen in die Golfstaaten, die der Ukraine fehlen. Der dritte, weniger materielle Vorteil liegt in zunehmenden Spannungen im transatlantischen Verhältnis sowie in der allgemein entstehenden Wahrnehmung einer schwachen und inkonsistenten US-Politik – eine Sichtweise, die in Moskau begrüßt wird.
Gibt es auch Risiken für Russland?
Ja, zugleich bestehen mittel- bis langfristige Risiken. Wirtschaftlich könnte eine weitere Eskalation in diesem Krieg eine globale Rezession auslösen, die dann die allgemeine Nachfrage nach Energieressourcen senken und damit auch Russland schaden würde. Zudem besteht das Risiko, dass der Iran weiter geschwächt wird oder es zu Instabilität oder sogar einem Regimewechsel kommt. Aus russischer Sicht wären dies sehr ungünstige Szenarien. Der Iran mag bisweilen sehr resilient erscheinen, aber wir wissen nicht, wo wir in ein paar Monaten stehen.
Ein weiteres Risiko ist, dass die Ukraine für die arabischen Staaten als Partner an Bedeutung gewinnt, etwa im Bereich der Drohnenabwehr. Präsident Selenskyj hat die Kontakte in der Region bereits intensiviert. Das eröffnet der Ukraine neue Möglichkeiten, während Russland diese Entwicklung kritisch sieht und sogar versucht, in arabischen Medien dagegenzuhalten.
Welcher Aspekt der Zusammenarbeit zwischen Russland und dem Iran wird am meisten unterschätzt? Was wird im Westen falsch verstanden?
Ich würde nicht sagen, dass der Westen grundsätzlich etwas falsch versteht, aber ein Aspekt erhält weniger Aufmerksamkeit. Der Fokus liegt insgesamt stark auf den Shahed-Drohnen und deren Bedeutung im Ukraine-Krieg. Weniger beachtet wird die Zusammenarbeit im Bereich der inneren Repression, also der Kontrolle des Informationsraums und der Fähigkeit zum Shutdown des Internets. Beide Staaten haben ihre Fähigkeiten in diesem Bereich ausgebaut und sie kooperieren auch hier.
Für Russlands Krieg gegen die Ukraine ist die iranische Unterstützung heute weniger entscheidend als etwa die nordkoreanische oder die chinesische.
Bei den Protesten im Iran im Winter, wenige Monate vor dem Krieg, leistete Russland dem Regime in Teheran Unterstützung bei der Kontrolle des Internets. Hinzu kam weitere Unterstützung bei der Niederschlagung von Protesten, zum Beispiel durch die Lieferung von Helikoptern und gepanzerten Fahrzeugen.
Mit Blick auf die nächsten drei bis fünf Jahre: Was stellt das größere Risiko für Europa dar: eine Vertiefung der russisch-iranischen Partnerschaft oder die Instabilität des Iran selbst?
Beide Szenarien sind mit Risiken verbunden. Eine weitere Vertiefung der militärischen Zusammenarbeit hätte vermutlich begrenzte zusätzliche Auswirkungen, da Russland bereits die wichtigsten iranischen Technologien – insbesondere die Shahed-Drohnen – übernommen und weiterentwickelt hat. Für Russlands Krieg gegen die Ukraine ist die iranische Unterstützung heute weniger entscheidend als etwa die nordkoreanische oder die chinesische. Gleichzeitig wird der Iran aus diesem Krieg militärisch geschwächt hervorgehen und sich zunächst intern konsolidieren müssen.
Das zweite Risiko liegt in einer möglichen Destabilisierung des Iran selbst: interne Fragmentierung, ein Regimewechsel oder größere Fluchtbewegungen, die auch den Südkaukasus und Europa betreffen könnten. Diese Szenarien sind zum jetzigen Zeitpunkt jedoch rein spekulativ; ob sie realistisch sind, hängt vom weiteren Verlauf des Krieges beziehungsweise der Verhandlungen ab.
Was wären die schlimmsten Szenarien für Europa?
Die Worst-Case-Szenarien für Europa wären eine Entwicklung, in der der Iran zu dem Schluss kommt, dass er Nuklearwaffen braucht und diesen Schritt tatsächlich erfolgreich geht. Dies könnte eine regionale nukleare Kettenreaktion auslösen – etwa in Saudi-Arabien oder langfristig möglicherweise auch in der Türkei.
Wie realistisch ist dieses Atomwaffen-Szenario?
Das ist schwer einzuschätzen. Das iranische Atomprogramm wurde bereits durch die israelisch-amerikanischen Angriffe im letzten Sommer und nun auch durch den jüngsten Konflikt deutlich zurückgeworfen – insbesondere durch Angriffe auf Infrastruktur, Wissenschaftler und Anlagen. Gleichzeitig bleibt unklar, in welchem Zustand Zentrifugen und hoch angereichertes Uran sind.
Die Entwicklung einer Atombombe wäre für den Iran nicht einfach, auch wegen der starken Infiltration durch israelische Geheimdienste und der Gefahr weiterer Sabotage. Gleichzeitig ist das Programm nicht vollständig zerstörbar, da Wissen und Expertise weiterhin vorhanden sind.
Viel hängt davon ab, wie der Konflikt endet und ob es zu Verhandlungen kommt. Das Nuklearprogramm wird dabei zentral sein, aber die Positionen der USA und des Iran liegen bisweilen weit auseinander, etwa in der Frage, für wie viele Jahre der Iran die Uran-Anreicherung einfrieren soll.
Wenn wir all diese Entwicklungen betrachten: Können wir von einer neuen Weltordnung sprechen?
Ich bin nicht überzeugt, dass wir bereits eine neue Weltordnung mit klaren Machtzentren sehen. Einfache Einteilungen – etwa in demokratische und autoritäre Blöcke oder eine feste CRINK-Allianz – greifen zu kurz. Diese Staaten kooperieren zwar, bilden aber keine stabile Allianz und verfolgen in manchen Bereichen unterschiedliche Interessen.
Russland arbeitet gleichzeitig mit sehr unterschiedlichen Partnern, etwa im Rahmen der BRICS, wo es sich als Vorreiter einer multipolaren Ordnung stilisiert. Auch viele Staaten im Nahen Osten betreiben Hedging: Sie vermeiden feste Bündnisse und pflegen parallele Beziehungen zu den USA, Russland und China.
Wir befinden uns weder in einer unipolaren Welt noch in einer stabilen Bipolarität, die die Welt in ein prowestliches sowie ein prorussisches und prochinesisches Camp teilt. Vielmehr entsteht eine „unordentliche Multipolarität“, in der flexible, interessengeleitete Koalitionen dominieren.




