Besser ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Aus dieser Perspektive sind die Bemühungen von US-Präsident Donald Trump, aus seinem selbstverschuldeten Desaster auszusteigen, zumindest lobenswert. Auch wenn die Details eines Deals noch nicht abschließend bekannt sind, ist doch klar, dass Amerika genug hat und Trump offensichtlich jener Eskalationsfalle entkommen will, die für alle Beteiligten, zuvorderst aber für die Weltwirtschaft, noch weitaus massivere Konsequenzen hätte.

Nur noch die ganz Loyalen würden bestreiten, dass dieser Krieg mit einer strategischen Niederlage der Weltmacht endet. Seit dem Abzug aus Vietnam ist Amerika nicht mehr so gedemütigt worden. Nahezu alle hochtrabenden Kriegsziele wurden verfehlt. Regime Change: Fehlanzeige. Das Atomproblem: ungelöst. Irans militärische Fähigkeiten: kaum ernsthaft eingeschränkt.

Es ist noch viel desaströser: Ein Staat, der geopolitisch vor den Trümmern jahrzehntelanger Strategie stand, ist nun als ernst zu nehmender Player in die Region zurückgekehrt. Womöglich sogar als Anwärter auf die Hegemonie am Golf. Ein eigentlich todgeweihtes Regime, das sich das eigene, aufbegehrende Volk nur noch mit nackter Gewalt vom Hals halten konnte, ist nun maximal revitalisiert und radikalisiert. Mit Hormus hat Iran eine „nukleare Option“ gefunden, die – anders als die Bombe – tatsächlich einsetzbar ist. Mit minimalem Einsatz kann das Regime hier sowohl den Golf als auch die gesamte Weltökonomie in Geiselhaft nehmen.

Damit hat sich die geopolitische Gleichung am Golf nachhaltig verändert. Anders als manche Amateurstrategen behaupten, kann Hormus auch nicht umgangen werden. Die Golfstaaten können zwar Pipelines bauen, doch ihre Öl- und Gasfelder bleiben im Visier des höchst effizienten iranischen Raketenarsenals. Eine anti-iranische Regionalordnung ist somit schlicht nicht mehr möglich, beziehungsweise nur um den Preis eines ganz großen Flächenbrandes. Die meisten Golfstaaten haben das längst verstanden und bemühen sich um Deeskalation. Ihre schlimmsten Vorkriegsbefürchtungen sind allesamt eingetreten. Ein maximal in die Enge gedrängter Iran hat wild um sich geschlagen.

Die amerikanischen Militärbasen, inzwischen zu großen Teilen Trümmerwüsten, haben sich entgegen aller Annahmen nicht als Schutz, sondern als Hypothek erwiesen. Washington war genauso unfähig, diese zu verteidigen, wie es seine Golfverbündeten im Stich gelassen hat. Die Desillusion über die strategische Inkompetenz der Amerikaner erreicht nie dagewesene Ausmaße. Dass Trump die Regionalstaaten nun auch noch auffordert, als Dank für dieses Desaster den Abraham Accords mit dem maximal isolierten Israel beizutreten, kann nur als Hohn aufgefasst werden. Für jede Regierung wäre das politischer Selbstmord.

Die Desillusion über die strategische Inkompetenz der Amerikaner erreicht nie dagewesene Ausmaße.

Der leichtsinnige Krieg hat Amerikas Abschreckung nachhaltig erodiert. Damit wird die Atomfrage gefährlich aktuell. Um den Krieg zu verhindern, war das Regime zu weitreichenden Zugeständnissen bereit. Nun hat es gelernt: Es kann einen Krieg nicht nur überleben, sondern es weiß auch, dass Amerika unfähig und unwillig ist, die Mittel einzusetzen, die einen Regimesturz überhaupt ermöglichen würden

Ayatollah Khamenei, ein alter, berechenbarer, risikoaverser Mann, hat seine Anti-Atom-Fatwa mit ins Grab genommen. Das sich nun konstituierende Regime ist deutlich radikaler und risikoaffiner, zugleich weniger theologisch und weitaus stärker militärisch geprägt. Mehr Nationalismus, etwas weniger Islamismus, so lautet die neue Formel. Und wenn es keine Angst mehr vor der US-Militärmacht hat, was sollte es dann eigentlich noch daran hindern, nach der Bombe zu greifen? Die Tatsache, dass sich sowohl Amerika als auch Israel völlig regellos gebärden, macht die Bombe nur noch attraktiver. Mithin wäre es aus Sicht des Regimes nahezu töricht, auf sie zu verzichten. Die Folgen allerdings reichen weit über Iran hinaus. Es droht nicht weniger als ein globaler Proliferationswettlauf.

Die Erosion amerikanischer Abschreckung hat Folgen für die ganze Welt. Wenn das US-Militär schon nach wenigen Wochen Krieg gegen eine maximal sanktionierte, global isolierte Mittelmacht an seine Grenzen stößt, wer glaubt dann noch, dass es Taiwan gegen eine mögliche Übernahme durch die Industriesupermacht China verteidigen kann? Peking konnte nun live und in Farbe studieren, wie die US-Streitkräfte Krieg führen. Es durfte sich daran ergötzen, wie massiv Gerät aus Ostasien abgezogen wurde, um in Nahost überhaupt noch einsatzfähig zu sein. Iran, bislang kein übermäßig geschätzter Partner, hat der Volksrepublik seinen Wert unter Beweis gestellt – für einen künftigen Wiederaufbau ist das alles andere als irrelevant. Peking sitzt auf den größten strategischen Ölreserven der Welt und ist daher nicht in Eile, was den Ausgang des Krieges angeht. Zumal Hormus für China nie vollständig geschlossen war.

Der Krieg erodiert auch das, was von Amerikas Soft Power übrig geblieben ist. Das war stets der große Vorteil der Weltmacht: Trotz aller Vorbehalte galt sie vielen als Sehnsuchtsort. Nun muss sie sich selbst im globalen Propagandakrieg einem eigentlich verknöcherten islamistischen Regime geschlagen geben. Galt Medienkompetenz doch lange als letzter Trumpf der Dilettantentruppe in Washington. Auch das Bild vom gutmütigen Hegemonen ist passé. Wer blind die ökonomische Wohlfahrt ganzer Kontinente aufs Spiel setzt, hat die hearts and minds der globalen Öffentlichkeit längst verloren.

Innenpolitisch dürfte das Iran-Desaster das Ende des Trumpismus einläuten. Iran hätte damit das Kunststück vollbracht, nach Jimmy Carter einen zweiten US-Präsidenten politisch zur Strecke zu bringen. Trumps Beliebtheitswerte befinden sich auf einem historischen Tiefstand. Millionen US-Bürger blicken ökonomisch in den Abgrund. Sollte das clintonsche Bonmot „It’s the economy, stupid“ noch irgendeinen Bestand haben, eilen die Trump-Republikaner bei den Kongresswahlen im November einer erdrutschartigen Niederlage entgegen. Danach dürfte der US-Präsident als Lame Duck in innenpolitischen Strudeln um sein Überleben kämpfen.

Mit dem unbedarften Angriff auf Iran hat Trump seine MAGA-Koalition gesprengt. Auch das hat nachhaltige Auswirkungen auf die geopolitische Gesamtlage im Nahen Osten. Es war Israels Premierminister Netanjahu, der den sich nach Venezuela im Siegesrausch befindenden Trump in diesen Krieg hineinzog. Sich zum Erfüllungsgehilfen neokonservativer Fantastereien zu machen, widerspricht eigentlich dem Instinkt des Populisten aus New York. War er doch einst als einsamer Streiter gegen das republikanische Kriegsestablishment angetreten.

Mit dem unbedarften Angriff auf Iran hat Trump seine MAGA-Koalition gesprengt.

Maßgebliche Verbündete mit millionenfacher Reichweite wenden sich nun von einem Präsidenten ab, der sein Wahlversprechen gebrochen hat, die Forever Wars zu beenden. Noch die kürzlich veröffentlichte Nationale Sicherheitsstrategie sprach davon, sich aus den Händeln dieser so krisenbehafteten Region zurückzuziehen. Allerdings kollabiert jede Strategie vor einem Präsidenten, der bei allem ideologischen Sanewashing seiner Apologeten eigentlich nur zwei politische Grundkonstanten kennt: Selbstsucht und Größenwahn.

Auf Amerikas Rechter tobt nun ein Bürgerkrieg zwischen dem neokonservativen Establishment, das Trump verführt hat, und der antiglobalistischen Internet-Rechten, wohl durch niemanden besser verkörpert als durch den Meinungsjournalisten Tucker Carlson. Die Gretchenfrage lautet: Wie hältst du’s mit Israel? Die Tendenz geht dabei in Richtung des Carlsonismus, einer Art Trumpismus nach Trump, allerdings ideologisch weitaus konsistenter als das Original.

Benjamin Netanjahu dürfte nach Trump damit ein weiterer Kollateralschaden dieses Krieges werden. Das wäre ein Novum für diesen Politiker mit seinen eigentlich sieben Leben. Bereits ein Dead Man Walking, kam er nach dem 7. Oktober zurück und sah lange aus wie der große geopolitische Gewinner, der Iran ausmanövriert hatte. Nun könnte er allerdings in die Geschichte eingehen – nicht nur als Totengräber des einstigen Bipartisan Consensus zur bedingungslosen amerikanischen Unterstützung des jüdischen Staates. Sondern auch als derjenige, der das verlor, was er selbst als „the woke Right“ bezeichnete.

Netanjahus Strategie nach dem 7. Oktober bestand darin, den gesamten Nahen Osten umzugestalten, ihn mithin in ein souveränitätsloses Chaos zu verwandeln, in ein nach Belieben bombardierbares Terrain, beherrscht von der militärisch-technologischen Überlegenheit eines kleinen Zehn-Millionen-Staats. Diese Hybris kollidiert nun mit der Wirklichkeit. Die Illusion einer dem Nahen Osten aufgezwungenen Pax Judaica konnte nämlich nur funktionieren, solange die Weltmacht USA Tel Aviv bedingungslosen militärischen Geleitschutz gewährte. Sollte dieser zeitnah entfallen, müsste Israel wohl in die politische Ausnüchterungszelle. Ob Netanjahus potenzieller Nachfolger Naftali Bennett – selbst ein pures Produkt der Siedlerbewegung, der unlängst die Türkei zum „neuen Iran“ erklärte – dort zur Besinnung kommt, steht freilich auf einem anderen Blatt.

Die Region ist derweil nicht untätig geblieben. Immer enger koordinieren sich die großen sunnitischen Regionalmächte. Das sich neu konstituierende Quartett aus Saudi-Arabien, der Türkei, Ägypten und Pakistan eint bei allen weltanschaulichen und strategischen Differenzen der Wunsch nach Stabilität und Respekt vor staatlicher Souveränität. Der Krieg mit Iran soll unbedingt beendet werden. Die gemeinsame Formel lautet: militärisch nicht mehr allein auf Amerika setzen, Iran einhegen statt isolieren sowie Israels Expansionsdrang Grenzen aufzeigen. Eine solche regionale Koordinierung – womöglich als Embryo einer künftigen Sicherheitsordnung – wäre eine erstaunlich positive Folge des amerikanischen Kriegsdesasters. Der Weg dorthin freilich wird noch steinig sein.