Fünf Jahre nach der Machtübernahme der Taliban ist Afghanistan eines der repressivsten Länder der Welt für Frauen und Mädchen. Ihre Rechte auf Bildung, Arbeit und Bewegungsfreiheit im öffentlichen Raum sind massiv eingeschränkt, zugleich ist die Armut im Land stark angestiegen. Und trotzdem ist Afghanistan ein Reiseziel.
Wie die neu erschienene Weltspiegel-Dokumentation und der Podcast Ferien bei den Taliban zeigen, zieht das Land Touristen an. Aber darf man bei den Taliban Urlaub machen? Viele Touristen denken offenbar: ja. Einige begründen ihre Entscheidung mit der Erwartung, sich ein eigenes, authentisches Bild vom Land zu machen, mit der Hoffnung auf Begegnungen mit Menschen vor Ort und dem Wunsch, hinter die Nachrichtenbilder zu schauen. Eine Touristin erklärt es so: „Ich möchte mich selbst davon überzeugen, ob das wirklich so negativ ist.“ Doch ist dieser Anspruch tatsächlich realisierbar? Und reicht er als Begründung aus, um ein Land zu bereisen, in dem Frauen und Mädchen systematisch unterdrückt werden?
Anders als bei Travel-Influencern ist der Fall dieser Touristen allerdings komplizierter. Influencer profitieren davon, ein repressives Regime wie die Taliban zu verharmlosen und Afghanistan gar als Traumreiseziel darzustellen. Sie liefern bewusst ein verzerrtes Bild der Realität, indem sie nur bestimmte Aspekte zeigen und systematische Unterdrückung und Krisen ausblenden. Die Touristen im Weltspiegel tun das nicht. Sie thematisieren durchaus die Ambivalenz einer Reise nach Afghanistan: beeindruckende Landschaften und ein reiches kulturelles Erbe auf der einen, massive Unterdrückung und Armut auf der anderen Seite. Sie wollen ja gerade ein eigenes, authentisches Bild bekommen.
Doch Anwesenheit in Afghanistan bedeutet nicht automatisch Erkenntnis. Im Gegenteil könnte ausgerechnet der Wunsch nach einer besonders authentischen Erfahrung dazu führen, dass man einer kuratierten Realität begegnet – und diese anschließend für authentischer hält als das Bild aus der Berichterstattung. Denn eine Reise durch Afghanistan findet innerhalb eines Rahmens statt, den die Touristen selbst nicht kontrollieren. Sie müssen mit einem Reiseunternehmen unterwegs sein, das ihnen die Verhaltensregeln erklärt, während Vertreter der De-facto-Autoritäten stets präsent sind. An Checkpoints entscheiden bewaffnete Taliban, wer passieren darf, und nehmen damit erheblichen Einfluss auf Reiserouten und Begegnungsmöglichkeiten. Wesentliche Teile der afghanischen Realität bleiben für Touristen dadurch unerreichbar – etwa die Unterdrückung von Frauen im Privaten oder die Flüchtlingslager mit Menschen, die aus Iran und Pakistan zurückkehren mussten.
Wesentliche Teile der afghanischen Realität bleiben für Touristen unerreichbar.
Besonders deutlich wird dieser Widerspruch bei westlichen Touristinnen. Gerade ihr privilegierter Status ermöglicht es ihnen, Afghanistan zu bereisen – und schützt sie gleichzeitig vor einem wesentlichen Teil jener Realität, die sie kennenlernen möchten. Sie verfügen über weit mehr Bewegungsfreiheit als afghanische Frauen. So erhalten sie etwa Zutritt zu einem Nationalpark, der einheimischen Frauen verwehrt bleibt. Auch müssen sie, anders als afghanische Frauen, ihr Gesicht nicht verhüllen. Sie bewegen sich im selben Land, erleben aber andere Freiheiten und damit eine andere Realität.
Hinzu kommt eine zweite Grenze vermeintlicher Authentizität: Nicht nur die Taliban bestimmen, was Touristen sehen können. Auch die eigene Perspektive bestimmt, was sie wahrnehmen. Besonders deutlich zeigt sich das am Begriff „Sicherheit“, der im Weltspiegel mehrfach fällt. Aus touristischer Sicht bedeutet Sicherheit zunächst, gefahrlos durch das Land reisen zu können. In diesem Zusammenhang wird vor allem das geringe Risiko von Terroranschlägen erwähnt, das auch damit zusammenhängt, dass die Taliban, die früher selbst Anschläge verübten, heute an der Macht sind.
Für eine afghanische Frau bedeutet Sicherheit dagegen etwas völlig anderes: Bewegungsfreiheit, Zugang zu Bildung und Arbeit oder Schutz vor staatlicher und familiärer Willkür. In diesem Sinne ist das Leben für die meisten afghanischen Mädchen und Frauen gerade nicht sicher. Besonders drastisch zeigt sich dieser Gegensatz, als eine Touristin erklärt, die bewaffneten Taliban gäben ihr ein Gefühl von Sicherheit. Ausgerechnet jene Männer, die ihr als Touristin Schutz vermitteln, sind Teil des Systems, das die Freiheit afghanischer Frauen massiv beschränkt.
Die touristische Perspektive muss deshalb nicht zwangsläufig falsch sein – aber sie ist hochgradig selektiv.
Die touristische Perspektive muss deshalb nicht zwangsläufig falsch sein – aber sie ist hochgradig selektiv. Wer Afghanistan als „sicher“ erlebt, sagt damit zunächst etwas über die eigene Reiseerfahrung aus, nicht über die Lebensrealität der afghanischen Bevölkerung. Wird diese Perspektive anschließend nach außen getragen, kann sie zugleich das Narrativ der Taliban stützen, sie hätten nach Jahrzehnten des Krieges Sicherheit und Ordnung geschaffen.
Noch deutlicher wird das in einer anderen Szene: Die Touristen machen ein Souvenirfoto mit einem Taliban für die Freunde zu Hause. Der Vertreter eines repressiven Regimes wird damit beinahe zur touristischen Attraktion. Herrschaft wird Teil einer konsumierbaren Reiseerfahrung – und dadurch ein Stück weit banalisiert.
Genau diese Normalisierung kommt den Taliban entgegen. Das Regime wirbt inzwischen selbst um Touristen: Afghanistan sei sicher, biete unberührte Natur, herzliche Menschen und günstige Reisekosten. Dahinter stehen wirtschaftliche Interessen, denn Tourismus bringt Geld ins Land. Zugleich kann ein wachsender Strom ausländischer Besucher den Taliban dabei helfen, ein anderes Bild Afghanistans nach außen zu vermitteln: weniger als Land systematischer Unterdrückung, sondern zunehmend als gewöhnliches Reiseziel.
Darf man also bei den Taliban Urlaub machen? Dagegen sprechen vor allem zwei Dinge. Das erste Problem liegt ausgerechnet im Versprechen von Authentizität. Im Afghanistan der Taliban bewegen sich Touristen durch eine kontrollierte Wirklichkeit. Ein wirklich umfassendes Verständnis für die Menschen vor Ort lässt sich auf einer Reise nur schwer entwickeln, wenn sowohl das Regime als auch die eigene privilegierte Perspektive bestimmen, was man sehen und erleben kann.
Das zweite Problem sind die Folgen des Tourismus selbst. Reisen nach Afghanistan können dazu beitragen, den Umgang mit den Taliban zu normalisieren und ihre Herrschaft als Teil des gewöhnlichen Alltags erscheinen zu lassen. Wer heute nach Afghanistan reist, gewinnt deshalb zweifellos einen anderen Blick auf das Land – aber nicht unbedingt einen authentischeren. Und er bleibt dabei nicht bloß Beobachter einer politischen Realität, sondern wird unweigerlich auch Teil von ihr.




