Im Economist plädiert die italienische Politikwissenschaftlerin Nathalie Tocci dafür, Europa nicht nur militärisch, sondern auch mental auf den Krieg vorzubereiten. Ausgangspunkt ihrer Analyse ist die Überzeugung, dass Russland nicht nur die Ukraine bedroht, sondern langfristig die europäische Sicherheitsordnung insgesamt infrage stellt. Ihr zentraler Gedanke: Abschreckung funktioniere nur, wenn Gesellschaften bereit seien, Opfer zu bringen und militärische Gewalt als reale politische Option zu akzeptieren. Selbst europäische „boots on the ground“ in der Ukraine dürften deshalb kein Tabu mehr sein. Krieg sei für Europa nicht nur eine Bedrohung, sondern auch eine Chance, verlorene Tugenden wie Mut, Resilienz und gesellschaftlichen Zusammenhalt wiederzuentdecken.

Die Forderung nach europäischen Bodentruppen in der Ukraine ist das eine. Mindestens ebenso irritierend ist jedoch der Ton, in dem Tocci ihre Argumentation entfaltet. Krieg erscheint in Toccis Essay nicht in erster Linie als Synonym für unfassbares menschliches Leid, sondern als gesellschaftliche Bewährungsprobe. Es geht um Opferbereitschaft, Mut und sogar Kreativität. Der Essay liest sich über weite Strecken wie eine Gebrauchsanweisung für die psychologische Mobilmachung Europas.

Über den Preis des Krieges erfährt der Leser erstaunlich wenig. Die Autorin beschreibt vor allem die vermeintlich produktiven Seiten. Krieg als Schule des Charakters. Krieg als Katalysator gesellschaftlicher Erneuerung. Krieg als vermeintlich notwendiger Reifeprozess eines Kontinents, der es sich zu lange in der Illusion ewigen Friedens bequem gemacht habe.

Genau hier beginnt die Romantisierung militärischer Gewalt. Der Essay spricht in einer Sprache, der der Dreck des Schlachtfelds abhandengekommen ist. Er blendet aus, was an der Front geschieht, wo Drohnen und hochautomatisierte Waffensysteme in der sogenannten Todeszone Jagd auf alles machen, was sich bewegt.

„Boots on the ground“ klingt nach einer nüchternen Beschreibung aus einem NATO-Briefing. Was jedoch dahinter steckt, sind junge Menschen, die töten, verstümmelt werden oder sterben. Familien, die Angehörige verlieren. Traumata, die ein Leben lang bleiben.

Der Economist-Text ist kein Ausreißer. Er steht exemplarisch für einen sicherheitspolitischen Diskurs, der sich in bemerkenswerter Geschwindigkeit verändert hat. Wehrpflicht, Kriegstüchtigkeit, Einsatzbereitschaft, Abschreckung – über all das wird heute mit einer Selbstverständlichkeit gesprochen, die noch vor wenigen Jahren undenkbar gewesen wäre.

Es schreibt sich natürlich leicht über Opferbereitschaft und den Einsatz von Soldaten, wenn die eigenen Kinder nicht diejenigen sind, die eingezogen werden.

Klar, in einer Zeit, in der mitten in Europa Grenzen mit Waffengewalt verschoben werden, muss über Verteidigung gesprochen werden. Es braucht jedoch eine nüchterne sicherheitspolitische Debatte. Panik ist dabei sicherlich ein schlechter Ratgeber. Wer aus Angst beginnt, Krieg zum gesellschaftlichen Normalzustand zu erklären, läuft Gefahr, genau das zu verlieren, was verteidigt werden soll. Problematisch wird es insbesondere dort, wo der Krieg und seine Folgen aus dem Blick geraten. Es schreibt sich natürlich leicht über Opferbereitschaft und den Einsatz von Soldaten, wenn die eigenen Kinder nicht diejenigen sind, die eingezogen werden.

In Polen gehört Waffentraining inzwischen zum Pflichtunterricht in der Schule. Vierzehnjährige lernen nicht mehr nur Mathematik oder Geschichte, sondern auch, wie sie sich auf einen bewaffneten Konflikt vorbereiten. Offizielles Ziel des Unterrichts ist es, den Schülerinnen und Schülern Schießfertigkeiten zu vermitteln. Wer das für eine Selbstverständlichkeit hält, hat sich womöglich bereits weiter an den Krieg gewöhnt, als ihm bewusst ist.

Dass selbst ehemalige Kriegsdienstverweigerer der Grünen heute Reservisten werden und für einen allgemeinen Dienst werben, passt ins Bild. Die Rücknahme der Verweigerung durch den Abgeordneten Janosch Dahmen wirkt wie eine symbolische Inszenierung des neuen Zeitgeists. Den Preis eines Krieges wird er natürlich nicht selbst bezahlen müssen.

Während in Thinktanks und Leitartikeln über Abschreckung, Resilienz und militärische Optionen diskutiert wird, beschreibt die ukrainische Historikerin Marta Havryshko für UnHerd eine andere Wirklichkeit: junge Männer, die sich vor Einberufungskommandos verstecken und die gewaltsam in Kleinbusse gezerrt werden. Familien, die daran zerbrechen. Für Havryshko werden ukrainische Männer – auch aus Sicht westlicher Unterstützer – zunehmend weniger als Bürger denn als entbehrliche militärische Ressource behandelt. Zwischen dieser Wirklichkeit und den Forderungen westeuropäischer Experten aus der Behaglichkeit warmer Ledersessel liegen Welten.

Es gibt allerdings auch Gegenstimmen. Eine der deutlichsten stammt nicht aus einem Thinktank oder einer Universität, sondern aus dem Vatikan: Frieden, so die Botschaft von Papst Leo XIV., entsteht nicht durch einen immer neuen Wettlauf der Aufrüstung. Im Gegenteil: Wer Sicherheit allein militärisch denkt, produziert vor allem Angst, Misstrauen und neue Eskalationsspiralen. Abrüstung ist für ihn kein Ausdruck von Schwäche, sondern eine Voraussetzung für dauerhaften Frieden.

Vor über zweitausend Jahren schrieb der römische Dichter Horaz: Dulce et decorum est pro patria mori – süß und ehrenvoll sei es, für das Vaterland zu sterben. Der britische Dichter Wilfred Owen, der im Ersten Weltkrieg kämpfte, den qualvollen Tod von Soldaten mit eigenen Augen erlebte und im Alter von 25 Jahren an der Front sein Leben ließ, nannte diese Vorstellung in seinem berühmten Antikriegsgedicht schlicht „die alte Lüge“.

Wer Krieg vor allem als Quelle von Mut, Kreativität und gesellschaftlicher Erneuerung beschreibt, läuft Gefahr, ihn nicht mehr als das zu sehen, was er ist: eine der größten von Menschen verursachten Katastrophen überhaupt.