Sie nannten es das „Waterloo of the Tropics“ oder schlicht die „Götterdämmerung“ – jene Fußballniederlage, die ganz Brasilien in einen kollektiven Zustand der Depression stürzte, das brüchige Land weiter destabilisierte und seinen Weg in die Moderne und die Demokratie weit zurückwarf. Eine nationale Katastrophe.

Nein, nicht das 1:7 gegen Deutschland 2014 erschütterte das Land so tief. Das war nur ein verlorenes Spiel, wenn auch ein sehr schmerzhaftes. Es war vielmehr das entscheidende Spiel der Fußball-Weltmeisterschaft 1950: die völlig unerwartete Niederlage Brasiliens gegen Uruguay, die den sicher geglaubten WM-Titel kostete und das größte Land Südamerikas in einen Schock versetzte, den erst die drei Weltmeisterschaften der Pelé-Ära 1958, 1962 und 1970 heilen konnten.

Bildhaft und aus einem internationalen Blickwinkel beschreibt der britische Journalist Jonathan Wilson in seinem 2025 erschienenen Buch The Power and the Glory – einer Historie der FIFA-Fußballweltmeisterschaften – diese und viele andere große und kleine Dramen der Fußballgeschichte. Etwa die im nationalen Selbstverständnis ebenfalls lange nicht verarbeitete Niederlage Ungarns im Berner Endspiel von 1954. In rund sechs Jahren vor und nach dieser WM verlor die ungarische Mannschaft nur ein einziges Mal – eben jenes Endspiel gegen die Elf von Sepp Herberger und Fritz Walter, das als „Wunder von Bern“ in die Annalen einging.

Auch viele andere Aspekte, die der Kolumnist des Guardian mit großer Sympathie, aber eben auch mit einer typisch englischen Distanz zum Thema beschreibt, gehören dazu: jener Triumph Englands mit dem legendären „Wembley-Tor“ 1966 im eigenen Land, der wiederum die brasilianische Ära der Pelé-Zeit unterbrach; natürlich das „Spiel des Jahrhunderts“, Italiens 4:3 gegen Deutschland in Mexiko 1970; der Aufstieg Deutschlands und Argentiniens an die Weltspitze, später der Frankreichs und Spaniens. Und immer wieder auch die Stars und Eigenwilligkeiten des italienischen Fußballs – dessen Abwesenheit bei den letzten Weltmeisterschaften wohl nicht nur ich für einen großen Verlust halte.

Und an manches erinnert man sich, obwohl es schon vergessen schien: das völlig unnötige Scheitern der zerstrittenen deutschen Mannschaft bei der WM 1994 in den USA beispielsweise oder die vielen Turniere, bei denen Brasilien als Mitfavorit an-, aber ziemlich früh wieder abreiste.

Das alles kommt ohne die üblichen Rechenschieber, Mannschaftsaufstellungen und Statistiken aus – deren Kenntnis wird vorausgesetzt. Wer so ein Buch liest, braucht auch keine Erklärung, wer Cruyff, Beckenbauer, Zidane oder Iniesta ist oder dass das Finale 1974 2:1 für Deutschland ausging. Aber die Geschichten drumherum, die gewonnenen und verlorenen Spiele, die gescheiterten Träume – manchmal schon in der Qualifikation oder der WM-Gruppenphase – werden nachgezeichnet. Gelegentlich bis hinein in einzelne Szenen aus dem Trainingslager oder aus Pressekonferenzen.

Da liest man vieles, was man selbst als Fußballbegeisterter noch nicht kannte, vor allem weil Wilsons Buch nicht europa- und südamerikazentriert ist, sondern die ganze Fußballwelt betrachtet und die langen Linien nachzeichnet. So wird vom bitteren Scheitern Zaires bei der WM 1974 über die immer stärker werdenden Teams aus Kamerun bis hin zur mittlerweile deutlich gewachsenen Breite der Mannschaften aus vielen Teilen Afrikas eine Entwicklung sichtbar.

Neben diesen sportlichen Aspekten liegt eine Stärke von Wilsons Buch darin, dass es immer auch die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Voraussetzungen und Folgen des Fußballs in der Entwicklung der Weltmeisterschaften darstellt: von der intensiven politischen Nutzung des italienischen Triumphs von 1934 durch Mussolini über die Bedingungen des Fußballs in den wilden fünfziger, sechziger und siebziger Jahren in Südamerika, von der gesellschaftlichen Integrationsleistung des Fußballs und dem nationalen Selbstbewusstsein bis hin zu Korruption und dunklen Geschäften.

Die Empörung war zu Recht groß über die Hauruck-Aktion, mit der FIFA-Präsident Gianni Infantino den Weltfußball ganz offiziell in die Hände von Geschäftsleuten legen wollte.

Auch die Fußball-WM 1974 in Deutschland mit ihren heute fast vergessenen gewaltigen Sicherheitsanforderungen nach dem palästinensischen Mordanschlag auf die israelische Delegation bei den Olympischen Spielen in München zwei Jahre zuvor taucht hier auf. Aber auch das neue Deutschland, das sich 2006 der Welt präsentierte – und zugleich seinen „Reformstau“ auflöste (Wilson verwendet das deutsche Wort). Und natürlich die Fußball-Weltmeisterschaften 2018 und 2022. Russland richtete das Turnier aus, obwohl es damals bereits einen Teil der Krim besetzt und im Kaukasus Kriege geführt hatte. Katar wiederum wollte sich als weltoffenes Land präsentieren – und wurde deshalb von den Berichten über sklavenähnliche Arbeitsverhältnisse und die Unterdrückung gesellschaftlicher Minderheiten umso härter getroffen.

Und das führt zum dritten Schwerpunkt des Buches, neben den sportlichen Erinnerungsmomenten der Fußball-Weltmeisterschaften seit 1930 und den gesellschaftlichen Bedingungen und Folgen von Sieg oder Niederlage bei den Turnieren: zur Rolle und zum Wandel der FIFA und ihrer kontinuierlichen Hinwendung zum großen Geld in den vergangenen 50 Jahren.

Ein Aspekt von großer Aktualität. Die Empörung war zu Recht groß über die Hauruck-Aktion, mit der FIFA-Präsident Gianni Infantino den Weltfußball ganz offiziell in die Hände von Geschäftsleuten legen wollte. Das Vorhaben ist zunächst einmal gescheitert, vielleicht jedoch weniger an der Idee an sich als am unseriösen Vorgehen und daran, dass es das Bild Infantinos als Diener der Politik des US-Präsidenten und seiner Geschäftsfreunde so eindeutig zu bestätigen schien.

Aber neu ist das alles nicht. Jonathan Wilson beschreibt in seiner Geschichte der Fußball-Weltmeisterschaften sehr detailliert und kenntnisreich, wie sich die FIFA seit der Wahl João Havelanges 1974 immer mehr von einer europäisch dominierten Honoratiorenvereinigung zu einem weltweit tätigen Konzern wandelte. Unter Havelanges Regie, später auch unter Sepp Blatter und heute unter Infantino, ging es immer stärker ums Geld. Und auch um Korruption und Bestechung bei der Vergabe und Durchführung von Weltmeisterschaften.

Man muss sich da gar nicht blauäugig geben: Der Spiegel hat später eine Geschichte veröffentlicht, nach der das ganze schöne Sommermärchen 2006 gekauft gewesen sei – wer hätte das damals gedacht? Außer denen vielleicht, die sehr genau beobachtet hatten, wie Franz Beckenbauer mit ausdrücklicher Unterstützung der Bundesregierung und begleitet von der deutschen Wirtschaft durch die Welt gezogen war und Beziehungen gestärkt hatte: hier eine Investition, dort eine Fußballschule für Jugendliche und so weiter. Wilson erinnert auch daran. Was immer Beckenbauer sonst noch getan hat, um den Erfolg und die Vergabe nach Deutschland zu sichern: Ich bekenne, dass ich ihm dafür ewig dankbar sein werde. Er hat viel für Deutschland getan.

Und auch in einem anderen Punkt, den Jonathan Wilson deutlich macht, sollten wir nicht einseitig sein: In den vergangenen Jahrzehnten ging es immer auch darum, die Fußballwelt zu erweitern und nicht nur die sportlichen Eliten aus Europa und Südamerika antreten zu lassen – auch wenn sich diese, wie die diesjährige WM erneut gezeigt hat, am Ende meist durchsetzen. Aber auch wenn die Weltmeisterschaften damit immer gigantischer werden, hat Infantino hier einen wichtigen Punkt: Afrika, Ozeanien und Asien sowie die reichen arabischen Staaten gehören auch zu den Weltmeisterschaften. Dass diese Ausweitung mit einer Entwicklung zum weltweit größten Medienereignis einherging – etwa durch Leo Kirchs Aufstieg und Scheitern, wie Wilson aufzeigt –, ist nur logisch.

Wilsons Buch erschien 2025, ein Jahr vor der WM dieses Sommers. Doch seine Geschichten und Einblicke machen es weit über das WM-Jahr hinaus lesenswert. Ich werde auch 2030 wieder danach greifen und mich an den Schilderungen von Pelés, Gerd Müllers, Ronaldos und Messis Toren erfreuen. Und wieder einschalten. Trotz Kommerz, Werbepausen und seltsamer Staatschefs, die bei Siegerehrungen herumstehen. Denn auch 2030 wird der Satz Sepp Herbergers gelten: „Warum gehen die Leute zum Fußball? Weil sie nicht wissen, wie’s ausgeht.“ Genau. Ich schalte jedenfalls wieder ein.