Als im Vorfeld der amerikanischen Präsidentschaftswahlen von 2016 ein Essay mit dem Titel The Flight 93 Election die Runde machte, war der Radiomoderator Rush Limbaugh derart begeistert, dass er einen großen Teil seiner Sendung mit Zitaten daraus gestaltete. Die Wirkung war enorm, zumal die rechtsgerichtete Rush Limbaugh Show ein Millionenpublikum erreichte. Erschienen war der Essay im Claremont Review of Books, einem Journal des Claremont Institute in Kalifornien. Anstelle des Autornamens war das Pseudonym „Publius Decius Mus“ angegeben, der Name eines römischen Konsuls, der sich selbst geopfert hatte, um das Imperium zu retten.
Die Verbindung zwischen Flight 93 und den bevorstehenden Präsidentschaftswahlen bestand in der Erinnerung an das vierte Flugzeug, das am 11. September 2001 von islamistischen Terroristen entführt worden war und nicht als Waffe eingesetzt werden konnte, weil sich die Passagiere aufgelehnt hatten und dafür mit ihrem Leben bezahlten. Wie die patriotischen Passagiere das Cockpit gestürmt hatten, sollten die Republikaner nun die politische Macht erkämpfen, um das Land, in dem die liberale Elite die einfachen Leute verraten habe, vor dem Schlimmsten zu bewahren und wieder auf den richtigen Kurs zu bringen.
Für die Politikwissenschaftlerin Laura Field und ihre Rekonstruktion der intellektuellen Quellen der MAGA-Bewegung gehört dieses Ereignis zu den entscheidenden Durchbrüchen des Trumpismus. Denn mit dem Essay, als dessen tatsächlicher Autor wenige Monate nach dem überraschenden republikanischen Wahlsieg der Philosoph und Kommunikationsexperte Michael Anton enttarnt wurde, war nicht nur erstmals das Programm der neuen Bewegung klar ausformuliert, sondern auch ein neuer Ton gesetzt.
Michael Anton sah in Donald Trump die letzte Chance, das Land vor einer möglichen Präsidentin Hillary Clinton zu bewahren.
Zu einem Zeitpunkt, als die republikanische Partei ihren Kandidaten Donald Trump noch keineswegs rückhaltlos unterstützte und dieser kaum intellektuellen Zuspruch erhielt, zeichnete Anton ein dramatisches Bild der Lage der Nation. Weit davon entfernt, Trump als idealen Kandidaten darzustellen, sah er in ihm dennoch die letzte Chance, das Land vor einer möglichen Präsidentin Hillary Clinton zu bewahren. War für die Neokonservativen in der republikanischen Partei der Anschlag vom 11. September 2001 noch das prägende politische Ereignis, stilisierte Anton die Folgen einer weiteren demokratischen Präsidentschaft nun zu einer weit größeren Gefahr und legte damit den Grundstein für die Neue Rechte.
Obwohl die Vorgeschichte, die Field in ihrem Buch Furious Minds nachzeichnet, bis in die 1970er Jahre zurückreicht, konzentriert sich ihre Analyse der MAGA-Bewegung vorwiegend auf deren intellektuelle Erfolge in der jüngeren Vergangenheit. Dazu passt, dass ihr Buch wie ein Theaterstück angelegt ist: Der Reihe nach treten die handelnden Personen auf die Bühne, die im vorangestellten Verzeichnis unter dem genretypischen Titel Dramatis Personae mit einem kurzen Kommentar zu ihrer spezifischen Rolle in der MAGA-Bewegung aufgeführt sind. Das macht dem Leser gleich zu Beginn deutlich, dass es sich im Folgenden um ein Drama oder eine Komödie handelt oder um beides zugleich.
In diesem politischen Schauspiel sind drei Gruppen von intellektuellen Akteuren besonders prominent vertreten, die laut Field zusammengenommen die Neue Rechte in Amerika ausmachen. Dazu gehören erstens das Umfeld des Claremont Institute, eines konservativen Thinktanks in der Tradition des deutsch-amerikanischen Philosophen Leo Strauss, zweitens die Postliberalen, vertreten durch Patrick Deneen und Adrian Vermeule, die den Liberalismus für gescheitert halten, und drittens die Nationalkonservativen, zu deren wichtigsten Vorbildern der ehemalige ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán zählt.
Allen drei Gruppen ist laut Field eine reaktionäre Grundhaltung gemeinsam, wie sie insbesondere in dem 2019 von Russell Ronald Reno veröffentlichten Buch Return of the Strong Gods: Nationalism, Populism, and the Future of the West zum Ausdruck kommt. Viele der von Reno behandelten Themen, speziell das Bedürfnis nach stärkeren Bindungen, erscheinen wie ein verzerrtes Echo der kommunitaristischen Debatte aus den 1980er Jahren, nun allerdings wesentlich schriller und mit einem durchgängigen religiösen Ton versehen. Waren es früher noch gemeinsame Tugenden wie Nachbarschaftshilfe und zivilgesellschaftliches Engagement, die der Gesellschaft aus dem Dilemma zunehmender Vereinzelung heraushelfen sollten, sind es nun vorwiegend christliche Überzeugungen, denen angesichts diversifizierter Lebenswelten allein noch zugetraut wird, ein »allgemeines Gutes« zu verwirklichen.
Dass Anton ausgerechnet von einem neokonservativen Magazin enttarnt wurde, macht den Riss besonders deutlich, der sich seit gut einem Jahrzehnt durch das rechte Lager zieht. Waren viele Neokonservative bislang aus dem Umfeld des Claremont Institute gekommen, gehörte Anton zu den ersten, die den offenen Bruch mit der neokonservativen Agenda wagten und sich deutlich von dem missionarischen Eifer distanzierten, mit dem diese die Ausbreitung eines globalen Liberalismus in den letzten Jahrzehnten vorangetrieben hatten. Entsprechend bestehen die Kernthemen der Neuen Rechten, mit denen sie sich vom Neokonservativismus abgrenzt, in einer radikalen Abkehr von der bisherigen Migrationspolitik, vom internationalen Freihandel und von interventionistischen Militäreinsätzen.
Das Claremont Institute hatte schon länger argumentiert, dass die Gründungsväter keineswegs allein dem modernen Liberalismus und dem Ideal der Selbstverwirklichung verpflichtet waren, sondern die Vereinigten Staaten von Amerika als ideale Republik im antiken Sinne konzipiert hatten. Für diese Gruppe sind Minderheitenpolitik und Multikulturalismus daher ein liberaler Irrweg, dem sich nur durch eine Rückbesinnung auf die gemeinschaftsstiftenden Ideale aus der Gründungszeit abhelfen lasse.
Auch die Postliberalen, die zweite Gruppe der Neuen Rechten, greifen für ihre Kritik am Liberalismus auf vormoderne Quellen zurück, insbesondere auf die antike Philosophie und ihre Aneignung im Christentum. Die Kritik am Liberalismus ist dabei so alt wie der Liberalismus selbst: Die zunehmende gesellschaftliche Individualisierung löse nicht nur alle starken Bindungen auf, sondern zehre auch jene moralische Substanz auf, der sich der Gedanke der Freiheit überhaupt erst verdanke. In seinem Buch Why Liberalism Failed von 2018 stellt Deneen daher die gesamte liberale Kultur infrage. Der Rückbezug auf antike Tugenden und die integrative christliche Moral, der in amerikanischen Diskursen grundsätzlich ausgeprägter ist als in europäischen, dient dabei auch als Gegenentwurf zur sogenannten „woken Kultur“. In seinem Buch Regime Change: Toward a Postliberal Future von 2023 wird Deneen in dieser Hinsicht deutlicher. Für diese Gruppe ist der Trumpismus nur ein Übergangsphänomen, das die bestehende liberale Kultur zerstört. Ihre Hoffnungen auf eine kulturelle Erneuerung beruhen auf Vizepräsident J. D. Vance, der sich explizit als überzeugter Anhänger Deneens versteht.
Die dritte Gruppe, die Nationalkonservativen, rekonstruiert Field anhand der National Conservatism Conference, die seit 2019 jährlich mindestens einmal stattfindet und die von der Edmund Burke Foundation organisiert wird. Ihre Themen sind die Bewahrung religiöser und kultureller Traditionen im Rahmen des souveränen Nationalstaats, der von supranationalen Institutionen und globalen Handelsverflechtungen zunehmend bedroht werde. Als besonders einflussreich gilt das 2018 erschienene Buch The Virtue of Nationalism von Yoram Hazony, einem israelischen Philosophen und nachdrücklichen Anhänger des Zionismus.
Der Übergang zur Hard Right, für die exemplarisch Steve Bannon steht, und zu rassistischen Vertretern der White Supremacy ist fließend. In dieser Gruppe, die sich für einen isolationistischen Kurs in der Außenpolitik starkgemacht hat, ist die Enttäuschung über Donald Trump und den Krieg mit dem Iran besonders groß.
Wer MAGA politisch verstehen will, muss sich auch mit den Problemen auseinandersetzen, auf die ihre Antworten reagieren.
Die Bedeutung dieser Denker liegt weniger darin, dass sie den Trumpismus geschaffen hätten. Sie haben ihm eine intellektuelle Sprache gegeben – und arbeiten inzwischen an einem politischen Projekt, das über Trump hinausweist.
Auch wenn Field keine Ideengeschichte schreibt, ist ihr Überblick über die MAGA-Bewegung die erste Gesamtdarstellung der intellektuellen Protagonisten der Neuen Rechten in Amerika. Deren Überzeugungen sind weit konsistenter, als es die zuweilen ziemlich erratischen Entscheidungen des amerikanischen Präsidenten erahnen lassen. In einer wütenden Rezension des Buchs hat Anton der Autorin vorgeworfen, sie habe zwar alles beschrieben, aber nichts verstanden: „Field simply cannot understand others as they understand themselves.“ Sicherlich ist es nicht überraschend, dass sich Anton falsch dargestellt fühlt. Aber in einem Punkt lässt sich seiner Kritik sehr wohl zustimmen: Eine wirkliche Auseinandersetzung mit den politischen Idealen der Neuen Rechten steht noch aus.
Fields große Stärke liegt darin, die intellektuellen Netzwerke und Traditionslinien der Neuen Rechten sichtbar zu machen. Weniger überzeugend erklärt sie, warum deren Kritik am Liberalismus für Teile der amerikanischen Gesellschaft so attraktiv geworden ist. Wer MAGA politisch verstehen will, darf seine Vordenker deshalb nicht nur als reaktionäre Außenseiter beschreiben, sondern muss sich auch mit den Problemen auseinandersetzen, auf die ihre Antworten reagieren.




