
Als Albert Einstein im August 1939 einen Brief an Franklin Roosevelt schrieb, war noch nicht abzusehen, dass die Atombombe das 20. Jahrhundert radikal verändern würde. In diesem Brief erläuterte der weltberühmte Physiker dem Präsidenten des Landes, in dem er Zuflucht gefunden hatte, dass sich die Ergebnisse der Kernphysik mit hoher Wahrscheinlichkeit zu militärischen Zwecken nutzen ließen. Er wies darauf hin, dass die Deutschen den Verkauf von Uran bereits gestoppt hätten und längst an Experimenten zur atomaren Kettenreaktion arbeiten würden. Der Brief endete mit einer Aufforderung, die amerikanische Forschung in diesem Bereich massiv zu beschleunigen. Präsident Roosevelt handelte umgehend. Unter der Tarnbezeichnung Manhattan Engineer District entstand ein umfassendes militärisches Atomprogramm. Sechs Jahre später fand in New Mexico unter der Leitung von Robert Oppenheimer die erste erfolgreiche Zündung einer Atombombe statt. Im gleichen Jahr wurden die Atombomben Little Boy und Fat Man auf die japanischen Städte Hiroshima und Nagasaki abgeworfen. Seitdem ist keine derartige Nuklearwaffe mehr eingesetzt worden.
In ihrem Buch The Technological Republic sehen der Palantir-Mitgründer Alexander Karp und sein Co-Autor Nicholas Zamiska die Welt an einer ähnlichen technologischen Schwelle wie in den 1940er Jahren stehen. Die Kriege der Zukunft werden maßgeblich durch autonome Kampfsysteme bestimmt sein, was weit über den Einsatz von Drohnen in den gegenwärtigen Konflikten hinausgeht. Das bedeutet nicht nur, dass der globale Wettlauf um die besseren KI-Modelle ebenso im militärischen Bereich ausgetragen wird, sondern auch, dass die Friedenserwartungen, die mit der Atombombe verbunden waren, zunehmend verschwinden werden. Denn verglichen mit den nuklearen Massenvernichtungswaffen, deren verheerende Folgen die Kriegsgegner von ihrem Einsatz abhalten sollten, ist der Übergang von verdeckten Operationen zu einer offenen militärischen Auseinandersetzung hier sehr viel fließender. Autonome Systeme werden die Vorstellungen darüber, was ein Schlachtfeld ist, grundlegend verändern.
Selbstverständlich spricht Karp in seinem Buch nicht nur als Theoretiker, sondern auch als CEO des Softwareunternehmens Palantir, das sich auf die Analyse großer Datenmengen spezialisiert hat und zu dessen ersten Kunden die amerikanischen Nachrichtendienste gehörten. Der Unternehmensname bezieht sich auf die Kristallkugeln aus dem Roman Der Herr der Ringe von John Tolkien, die zukünftige Szenarien sichtbar machen können. Das Unternehmen sieht sein Ziel darin, die westlichen Staaten im Anti-Terror-Kampf und beim Aufbau einer digitalen Infrastruktur zu unterstützen. Zu den Gründern gehört auch der umstrittene deutschstämmige Investor Peter Thiel, der sich selbst als Anhänger der Libertären beschreibt und eine futuristische Vision einer postdemokratischen Gesellschaft propagiert. Aber es wäre trotzdem zu kurz gegriffen, das Buch als eine ideologische Werbeschrift abzutun. Denn Karp legt überzeugend dar, warum die technologische Schwelle und das Ringen um die globale Vorherrschaft bei der Künstlichen Intelligenz auch eine politische Schwelle bedeutet, die massive Auswirkungen haben wird.
Autonome Systeme werden die Vorstellungen darüber, was ein Schlachtfeld ist, grundlegend verändern.
Am Anfang seiner Argumentation steht eine Kritik an den Tech-Unternehmern des Silicon Valley, die sich von den einstigen Zielen einer Verbesserung der Gesellschaft abgewendet hätten und nur noch auf Unterhaltung, Werbung und Konsum ausgerichtet wären. Von den politischen Anfängen und den emanzipatorischen Versprechen sei bloß noch ein postmoderner Pluralismus übriggeblieben, dem das Ideal des Gemeinwohls fremd geworden sei. Die politische Dekadenz der technologischen Eliten und ihre kulturelle Orientierungslosigkeit würden sich nicht nur an ihrem Streben nach privater Bereicherung zeigen, sondern vor allem an ihrer Staatsferne, die das eigentliche Zentrum seiner Kritik ausmacht. Karp erinnert daran, dass die Vorherrschaft des Westens in den letzten Jahrzehnten auf einer technologischen Überlegenheit beruht habe, die aus einer engen Zusammenarbeit zwischen Staat, Militär und Wissenschaft hervorgegangen sei. Tatsächlich standen alle großen technologischen Durchbrüche des 20. Jahrhunderts von der Raumfahrt bis zum Internet immer auch in einem militärischen Zusammenhang.
Die Frage nach der Kooperation mit dem amerikanischen Militär hat im Silicon Valley von Anfang an für heftige Kontroversen gesorgt. Sie ist für Karp allerdings nicht nur eine Frage patriotischer oder pazifistischer Gesinnung, sondern hängt unmittelbar mit seinem republikanischen Staatsverständnis zusammen. Nicht ohne Grund erinnert der Titel seines Buchs an die platonische Republik, in der den intellektuellen Eliten eine besondere Verantwortung aufgebürdet wird. Karp, der in Deutschland unter anderem Philosophie bei Jürgen Habermas studiert hat und an der Frankfurter Universität promoviert wurde, gehört zu den Firmengründern des Silicon Valley, die an ihr unternehmerisches Handeln einen intellektuellen Anspruch stellen und diesen auch formulieren. Die technologische Republik, die ihm vorschwebt, unterscheidet sich grundsätzlich von einem libertären Minimalstaat und ist im Gegenteil von Gemeinschaftsdenken und Opferbereitschaft geprägt. Dazu gehört auch eine Wehrpflicht, die den politischen Eliten mehr Verantwortung bei ihrer Entscheidung über Krieg und Frieden abverlangen würde.
Die technologische Republik, die ihm vorschwebt, unterscheidet sich grundsätzlich von einem libertären Minimalstaat.
Das republikanische Staatsverständnis, dem sich Karp verpflichtet sieht, hat seine Quellen in der neokonservativen Tradition. Zu seinen wichtigsten Referenzen gehört der Klassiker The Closing of the American Mind von Allan Bloom aus dem Jahr 1987. Im Mittelpunkt dieses Buchs stand der aufkommende Kulturrelativismus an den amerikanischen Universitäten im Zeitalter der Postmoderne. Auch Bloom ging es bereits um die Wiederbelebung einer republikanischen Haltung, angeleitet von seinem Lehrer Leo Strauss, dem wichtigsten Stichwortgeber der amerikanischen Neokonservativen. Vor den Nationalsozialisten nach Amerika geflohen, hatte sich Strauss vorgenommen, die philosophischen Grundlagen einer wehrhaften Demokratie auszuarbeiten. Ihm schwebte eine Geisteselite vor, die den Anspruch auf eine überzeitliche Wahrheit gegen jeden Relativismus verteidigen sollte. Das Zentrum der Demokratie sollte nicht bloß aus rechtlichen Verfahren und Machtwechseln bestehen, sondern ausgefüllt sein von intellektuellen Hütern der demokratischen Grundlagen.
Im Zeitalter der Künstlichen Intelligenz wird bei Karp aus der platonischen Republik nun eine technologische Republik. An die Stelle der Geisteseliten soll eine Softwarelösung für demokratische Staaten treten, um deren Wehrhaftigkeit in den kommenden Auseinandersetzungen sicherzustellen. Karp spricht auch von einem Betriebssystem für Staaten. Dabei geht es nicht nur um eine Digitalisierung staatlicher Verwaltung, sondern um die entscheidende Frage, welche Künstliche Intelligenz zur Steuerung staatlicher Prozesse eingesetzt wird. Sein Buch ist vor allem ein Aufruf an die technologischen Eliten des Westens, an diesem Programm mitzuwirken. Wie einst Einstein den amerikanischen Präsidenten vor der Entwicklung der deutschen Atombombe warnte, sieht sich Karp jetzt in der Rolle des Mahners. Im Vordergrund steht dabei keineswegs allein ein möglicher Kriegsfall. Denn Staaten, die kein eigenes Betriebssystem entwickeln, laufen Gefahr, schleichend von anderen Staaten übernommen zu werden. Die Zusammenarbeit zwischen Staat, Militär und Wissenschaft soll daher wie bei der Forschung zur Atombombe eine neue politische Kultur hervorbringen, die sich der technologischen Dramatik im globalen Wettbewerb bewusst ist. Die Kooperation mit dem Militär ist für Karp somit ein grundlegender Prüfstein. Wer sie prinzipiell verweigert, hat nicht verstanden, was auf dem Spiel steht.
Die Epoche des globalen Liberalismus, die mit dem weltweiten Aufbruch nach 1989 ihren Anfang genommen hat, neigt sich heute unumkehrbar ihrem Ende zu. Waren zu Beginn des neuen Jahrhunderts die Erwartungen an eine zukünftige Weltgesellschaft noch groß, ist inzwischen deutlich geworden, dass sich die globalen Gewichte zunehmend verschieben werden und die Vorherrschaft des Westens stetig erodieren wird. Der erbitterte Kampf um die technologische Vormachtstellung ist längst in vollem Gange. Wer nicht mithalten kann, wird auch keine politische Gestaltungsmacht haben. Das gilt in besonderem Maße für die Europäer, die sich unvorbereitet mit neuen geopolitischen Realitäten konfrontiert sehen und diese in Zukunft vermutlich ohne amerikanischen Beistand bewältigen werden müssen. Selbst wenn man Karp nicht in allen Punkten zustimmt, lässt sich kaum leugnen, dass er eine weitreichende Frage unserer Gegenwart aufgeworfen hat. Wer bei der Künstlichen Intelligenz vorne liegt, wird nicht nur einen militärischen Vorteil haben, sondern wie im Atomzeitalter die Weltordnung zu seinen Gunsten und auf lange Sicht bestimmen können.




