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Asiatische Aktivistinnen kämpfen für einen Feminismus, der allen Frauen nützt, nicht nur der Mittelschicht. Ein Beispiel auch für den Westen.

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Tausende verwitwete Frauen feiern das indische Holi-Fest und verstoßen damit gegen gängige religiöse Regeln.

Feministische Bewegungen haben in den vergangenen Jahrzehnten erhebliche Erfolge errungen. Aber diese hart erkämpften Fortschritte werden durch die zunehmenden Muster der Entdemokratisierung, des Neoliberalismus und der rechtsnationalistischen politischen Machthaber ernsthaft bedroht. 

In dieser Hinsicht stehen die feministischen Bewegungen des Südens und des Nordens vor einer gemeinsamen Herausforderung. Gleichzeitig geht der Feminismus in Asien tiefer. Er versucht, sowohl die universelle Bedeutung der Menschenrechte der Frauen als auch spezifische soziale, kulturelle und religiöse Gegebenheiten einzubeziehen. Dadurch wird der Kampf für die Geschlechtergleichheit effektiver und inklusiver. Die Corona-Krise führt uns vor, was es bedeutet, wenn die schwächsten Mitglieder einer Gesellschaft nicht mitbedacht werden. Sie zeigt deutlich, wie abhängig unsere modernen Gesellschaften von der unbezahlten Sorgearbeit von Frauen, Arbeitsmigranten und prekär Beschäftigten sind.

Der Prozess der Globalisierung und der Vormarsch der Kommunikationstechnologie hat den Graben zwischen dem Norden und dem Süden verkleinert und die schnelle Verbreitung feministischer Programme gefördert. Besonders sichtbar ist dieses Phänomen an der #MeToo-Bewegung, die im Globalen Norden entstanden ist und von asiatischen Feministinnen aufgegriffen wurde – vor allem in Verbindung mit Gewalt gegen Frauen und der sexuellen Belästigung am Arbeitsplatz oder online. 

Asiatische Feministinnen müssen ihre feministische Arbeit sowohl auf die englischsprachige urbane Elite mit Twitter-Kanälen ausrichten, als auch auf die armen, ländlichen Farmarbeiterinnen der unteren Kasten, die kein Telefon besitzen.

Allerdings besteht in Asien immer noch eine erhebliche Gerechtigkeitslücke zwischen Geschlechtern, wenn es um die Digitalisierung geht. Aufgrund traditioneller patriarchalischer Sozialnormen und wirtschaftlicher Einschränkungen haben Frauen dort deutlich weniger Zugang zum Internet und zu digitalen Endgeräten als Männer. In Bangladesch nutzen Fabrikarbeiterinnen, die sich kollektiv gegen Missbrauch wehren wollen, keine Hashtags. Sie greifen auf Hungerstreiks und traditionellere Methoden der Mobilisierung zurück. 

Dies bringt asiatische Feministinnen in eine schwierige Lage: Sie müssen ihre feministische Arbeit sowohl auf die englischsprachige urbane Elite mit Twitter-Kanälen ausrichten, als auch auf die armen, ländlichen Farmarbeiterinnen der unteren Kasten, die kein Telefon besitzen. Der „Aurat-Marsch“ (Frauenmarsch) in Pakistan ist ein gutes Beispiel dafür, wie eine Bewegung zur Wiederaneignung des öffentlichen Raums nicht nur städtische, gebildete Feministinnen, sondern auch marginalisierte arme Stadtbewohnerinnen und Arbeiterinnen in der Landwirtschaft auf einer gemeinsamen Plattform zusammenbringen kann. Hier wurden visuelle Kunst, Straßentheater und Musik genutzt, um universelle feministische Belange auf die örtlichen Gegebenheiten zu übertragen. 

Weitere Beispiele für inklusive Bündnisse, in denen Feministinnen und politische Aktivistinnen aller Altersgruppen, Klassen und Geschlechter vertreten sind, sind die ‚Dhabas’-Mädchenbewegung in Pakistan sowie die indischen Initiativen ‚Pinjra Tod’ (Zerbrich den Käfig) und ‚Ich gehe hinaus’. In solchen kleinen, informellen Initiativen kümmerten sich die Frauen zunächst um die dringlichsten Themen – wie die restriktiven Hausordnungen für Studentinnen oder den Mut, nachts allein oder in Gruppen das Haus zu verlassen. Zu solchen relativ niedrigschwelligen Möglichkeiten kam schnell die gezielte Verwendung sozialer Medien, über die die Frauen ihre Aktionen einem größeren Publikum zugänglich machen konnten. Dabei ist es wichtig, dass sie sich mit Klassen- und Kastenfragen auseinandersetzen. Inzwischen beschäftigt sich die Bewegung auch mit größeren Themen der sozialen Gerechtigkeit wie der häuslichen Gewalt oder dem Klimawandel. 

Feministinnen in Europa und den USA fordern häufig eine größere Präsenz von Frauen in den Vorständen und Aufsichtsräten von Unternehmen. In der asiatischen Kultur scheint dieses Thema weniger wichtig zu sein.

So können die Frauen die Grenzen des feministischen politischen Aktivismus erweitern und ihre Forderung äußern, öffentliche Orte wieder für sich beanspruchen zu können. Außerdem kämpfen sie gegen patriarchalische Strukturen, repressive kulturelle Praktiken und diskriminierende Gesetze – also gegen Phänomene, welche die Rechte und Freiheiten der Frauen einschränken und innerhalb der Haushalte und am Arbeitsplatz die Ungleichheit zwischen den Geschlechtern verstärken. 

Feministinnen und Feministen in Europa und den USA fordern häufig eine größere Präsenz von Frauen in den Vorständen und Aufsichtsräten von Unternehmen. Diese massive gläserne Decke können sogar gut ausgebildete Frauen aus der Oberklasse kaum durchdringen. In der asiatischen Kultur scheint dieses Thema allerdings weniger wichtig zu sein: Dort wird die Erfahrung gemacht, dass Frauen in Führungspositionen – die wie Indira Gandhi, Corazon Aquino, Benazir Bhutto, Sheikh Hasina und Megawati Sukarnoputri häufig aus politischen Dynastien stammen – nicht unbedingt mehr Gleichheit in die Politik oder Arbeitswelt bringen. Inklusivere Reaktionen auf feministische Forderungen scheinen nachhaltiger zu sein, als sich ausschließlich auf eine Frau oder eine Klasse von Frauen an der Spitze zu verlassen. 

Auch wenn man den Feminismus in Asien nicht über einen Kamm scheren kann, gibt es doch Kernthemen, welche die ganze Region gemeinsam hat: Traditionelle und patriarchalische Ansichten, Sicherheitsbedenken und die ungleiche Verteilung der Pflegearbeit stehen der Gleichberechtigung im Weg und machen Arbeit unsichtbar. Es bleibt zudem eine enorme Herausforderung, Frauen, die im informellen Bereich tätig sind, wirtschaftlich, sozial und arbeitsrechtlich abzusichern. 

Die Diskussion über die Zukunft der Arbeit wird von Institutionen und Unternehmen des globalen Nordens dominiert. Doch Asien kann vielfältigere Perspektiven und andere Prioritäten ins Spiel bringen.

Damit ist ihre Fähigkeit, Krisen zu bewältigen, stark eingeschränkt. Auch in Asien verschärft die Corona-Krise Ungleichheiten und gefährdet die Lebensgrundlage von Millionen von Menschen. Mädchen und Frauen haben schlechteren Zugang zu Bildung und Internet. Durch Online-Lernen und Fernarbeit drohen sie ausgeschlossen zu werden und wieder stärker in traditionelle Rollen und zu mehr Hausarbeit gedrängt zu werden. Auch reproduktive Gesundheit wird eingeschränkt, wenn, wie in Indien, Verhütung, Abtreibung und Menstruationshygiene im Lockdown nicht als essentiell eingestuft werden. Während der Pandemie schießen die Fälle von häuslicher Gewalt in die Höhe. In China hat sich die Zahl verdreifacht. In den meisten Ländern sind Frauenhäuser nicht darauf vorbereitet oder durch Ausgangssperren unerreichbar.

Auch in Asien wird umfassend über die Zukunft der Arbeit und die Auswirkungen der Industrie 4.0 diskutiert. Die meisten Regierungen bereiten sich mit staatlichen Maßnahmen auf die Herausforderungen in diesem Bereich vor. Aber es ist ziemlich offensichtlich, dass es im Hinblick auf die zukünftige Arbeitspolitik in der Region an einer weiblichen Perspektive mangelt. 

Diese Themen müssen erst noch Teil der feministischen Agenda werden. In der enorm heterogenen Asien-Pazifik-Region, wo die Vergangenheit eines Landes die Zukunft eines anderen ist, sind entsprechende Kenntnisse sehr unterschiedlich verteilt. Dies liegt teilweise an der unterschiedlichen Geschwindigkeit, mit der sich die Vierte Industrielle Revolution verbreitet. Zudem wird bislang die Diskussion über die Zukunft der Arbeit immer noch von Institutionen und Unternehmen des globalen Nordens dominiert. Doch Asien kann vielfältigere Perspektiven und andere Prioritäten ins Spiel bringen. 

Prekäre und informelle Arbeitsverhältnisse sind auch im Globalen Norden längst ein besorgniserregender Trend; für die meisten Menschen in Asien sind sie nicht erst seit der immer stärkeren Dominanz von Plattformen und der Gig-Economy allgegenwärtig.

Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bei IT for Change, dem Centre for Internet & Society in Indien und der Digital Rights Foundation in Pakistan leisten in diesem Zusammenhang wichtige Forschung und politische Beratung. Organisationen wie Geek Girls in Myanmar versuchen, den technologischen Zugang der Frauen zu verbessern. Prekäre und informelle Arbeitsverhältnisse sind auch im Globalen Norden längst ein besorgniserregender Trend; für die meisten Menschen in Asien sind sie jedoch nicht erst seit der immer stärkeren Dominanz von Plattformen und der Gig-Economy allgegenwärtig. Hier, wo es mangels sozialen Schutzes um das tägliche Überleben geht, ist nicht die Zukunft das Problem, sondern die Gegenwart. 

Mit der Corona-Krise wird der Druck, Lösungen zu finden für die geschlechterspezifischen Auswirkungen der Digitalisierung, den Zugang zu Informations- und Kommunikationstechnologie und die gerechte Teilhabe am Arbeitsmarkt, weiter verstärkt. Aktivistinnen und Aktivisten in Asien fordern daher noch dringender ein feministisches Wirtschaftsmodell, in dem unbezahlte Sorgearbeit anerkannt wird und marginalisierte Gruppen in Entscheidungen mit einbezogen werden.

Von den unterschiedlichen Erfahrungen in Asien kann auch die Debatte im globalen Norden profitieren. Der neoliberale Kapitalismus verstärkt die Marginalisierung vulnerabler Gruppen aller Geschlechter. Feministische Solidarität und umfassende strukturelle Veränderungen, die sich gegen die wirtschaftlichen und sozialen Ungleichheiten des aktuellen Systems richten, sind die Antwort.

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