Xi Jinpings Besuch in Nordkorea ist kein nostalgischer Verweis auf die traditionelle Freundschaft beider Staaten. Er zeigt vielmehr, wie stark sich die Machtverhältnisse in Nordostasien verändert haben. Ausgerechnet Nordkorea, lange als isolierter Juniorpartner Chinas betrachtet, verfügt heute über größere außenpolitische Spielräume. Pjöngjang nutzt die Rivalität zwischen China, Russland und den USA zunehmend zu seinem eigenen Vorteil.
Gerade deshalb lohnt ein genauer Blick hinter die offiziellen Verlautbarungen. Chinesische Medien begründeten den Besuch mit dem 65-jährigen Jubiläum des chinesisch-nordkoreanischen Kooperationsvertrags. Xi selbst beschwor die „unerschütterliche Freundschaft“ beider Staaten und sprach von einer „neuen Ära“ der Beziehungen. Doch die eigentliche Bedeutung des Besuchs liegt weniger in der Vergangenheit als in den geopolitischen Verschiebungen der Gegenwart.
Seit Xis letztem Staatsbesuch im Jahr 2019 haben sich sowohl die geopolitische Lage als auch Nordkoreas strategische Position deutlich verändert. Entsprechend ist der Besuch für Xi weit mehr als Symbolik. Vielmehr verband China konkrete strategische Interessen mit dem Besuch. Das wohl zentralste Ziel Pekings war es, die eigene Rolle als wichtigster strategischer Partner Nordkoreas – seinem offiziell einzigen Bündnispartner – zu zementieren. Der Gipfel hatte damit auch eine geopolitische Signalwirkung gegenüber Moskau. Ungeachtet der zunehmend engen Beziehungen zwischen Russland und Nordkorea, so die symbolische Aussage des Besuchs, wird diese die traditionelle Vorrangstellung Chinas nicht infrage stellen. Mit dem Besuch sollte daher der Eindruck widerlegt werden, die Annäherung zwischen Russland und Nordkorea habe Pekings traditionellen Einfluss auf Pjöngjang geschwächt.
Die Handlungsspielräume Nordkoreas haben sich durch die Annäherung an Russland sukzessive erweitert.
Für Kim Jong Un war der Besuch ein enormer symbolischer und strategischer Erfolg. Dass Xi, einer der mächtigsten Staatsmänner der Welt, nach den Besuchen von Donald Trump und Wladimir Putin in Peking seine erste Auslandsreise des Jahres 2026 nach Nordkorea unternahm, stellte für Nordkorea einen erheblichen Prestigegewinn dar. Der Besuch stärkte das von Nordkorea gezielt vermittelte Bild Kim Jong Uns als Staatsführer, der auf Augenhöhe mit den Führern der Großmächte agiert. Über die symbolische Bedeutung hinaus unterstreicht der Gipfel die wachsende strategische und politische Bedeutung Nordkoreas – und signalisiert damit auch, dass das Land keineswegs außenpolitisch isoliert ist. Damit sendet der Besuch auch ein wichtiges Signal an die USA und ihre Verbündeten: Nordkorea verfügt weiterhin über die politische Rückendeckung Chinas. Selbst wenn Peking nicht jede nordkoreanische Position unterstützt, hat China kein Interesse an einer internationalen Isolation Pjöngjangs. Im Gegenteil: Die Handlungsspielräume Nordkoreas haben sich in der jüngeren Vergangenheit und insbesondere durch die Annäherung an Russland sukzessive erweitert. Je stärker China befürchtet, Einfluss an Russland zu verlieren, desto größer werden die Möglichkeiten Pjöngjangs, politische und wirtschaftliche Zugeständnisse auszuhandeln. Dadurch entsteht für Kim Jong Un eine Situation, die Nordkorea während des Kalten Krieges bereits unter Kim Il Sung effektiv ausgenutzt hat: die Möglichkeit, Großmächte gegeneinander auszubalancieren und dabei den eigenen Handlungsspielraum auszuweiten. Mit der engeren Anlehnung an Russland strebte Nordkorea auch eine zumindest punktuelle Verringerung der einseitigen Abhängigkeit von China an – und es wird versuchen, aus beiden Beziehungen größtmögliche Vorteile zu ziehen.
Bemerkenswert ist auch, worüber offenbar nicht gesprochen wurde – oder zumindest nicht in den chinesischen und den nordkoreanischen Berichten über das Gipfeltreffen: die Nuklearfrage. Über viele Jahre betonte China offiziell das Ziel einer atomwaffenfreien koreanischen Halbinsel und unterstützte in der Vergangenheit auch die internationalen Sanktionen gegen Nordkorea. Noch bei seinem letzten Staatsbesuch in Nordkorea im Jahr 2019 erklärte Xi, dass sich China weiterhin für die Denuklearisierung der koreanischen Halbinsel einsetze. Davon ist heute keine Rede mehr. Nicht zufällig besuchte Kim Jong Un kurz vor Xis Besuch eine neue Urananreicherungsanlage, während Kim Yo Jong, Kim Jong Uns Schwester, am Vortag des Gipfels die nukleare Bewaffnung Nordkoreas als „unumkehrbare Realität“ bezeichnete. Dass die Nuklearfrage in den öffentlichen Verlautbarungen beider Staaten keine Erwähnung fand, verdeutlicht einmal mehr Chinas Prioritäten gegenüber Nordkorea. Stabilität und Einfluss werden als wichtiger erachtet als Denuklearisierung. Auch dies kommt Nordkorea entgegen. Je stärker sich China mit dem Status quo arrangiert, desto geringer wird der Druck auf Kim Jong Un, substanzielle Zugeständnisse in der Nuklearfrage zu machen.
Es ist mehr als fraglich, dass sich Nordkorea auf einen auf Denuklearisierung ausgelegten Dialog mit den USA einlassen würde.
Im Vorfeld des Gipfels wurde viel darüber spekuliert, ob Xis Besuch neue Impulse für die Wiederaufnahme des Dialogs zwischen den USA und Nordkorea liefern könnte. Bereits vor dem ersten Gipfeltreffen zwischen Donald Trump und Kim Jong Un im Jahr 2018 hatten sich Xi Jinping und Kim Jong Un wiederholt zu direkten Gesprächen getroffen, um strategische Ansichten auszutauschen und ihre Politik abzustimmen. In der Tat hatte Donald Trump wiederholt seine Bereitschaft zu einem erneuten Treffen mit dem nordkoreanischen Machthaber bekräftigt. Vor diesem Hintergrund und nach dem jüngsten Gipfel zwischen Trump und Xi in Peking hat Xis Besuch Spekulationen darüber angeheizt, ob China neue Kontakte zwischen Washington und Pjöngjang vermitteln könnte. Zwar sind direkte Kontakte zwischen Trump und Kim nicht auszuschließen, doch ist es mehr als fraglich, dass sich Nordkorea auf einen auf Denuklearisierung ausgelegten Dialog mit den USA einlassen würde. Denn Nordkorea hat sein eigenes Überleben mittlerweile direkt an den Besitz von Nuklearwaffen geknüpft – und die Schicksale von Nicolás Maduro sowie Ajatollah Ali Chamenei haben Kim Jong Un in dieser Haltung weiter bestärkt.
Xi Jinpings Besuch in Nordkorea ist Ausdruck einer veränderten geopolitischen Landschaft. China versucht, seinen Einfluss auf einen strategisch wichtigen Nachbarn zu sichern, russische Ambitionen auszubalancieren und auf die verstärkte Bündnispolitik der USA zu reagieren. Kim Jong Un hingegen gewinnt internationale Legitimität, erhöht seinen außenpolitischen Handlungsspielraum, verbessert seine Position gegenüber China und Russland und erhofft sich zusätzliche wirtschaftliche sowie sicherheitspolitische Optionen. Die eigentliche Besonderheit des Besuchs liegt deshalb darin, dass beide Seiten ihn aus unterschiedlichen Gründen benötigen. China will verhindern, dass sich Nordkorea zu weit von Peking entfernt. Nordkorea wiederum nutzt die chinesischen Sorgen, um seine eigene strategische Autonomie auszubauen.
Nordkorea hat einen großen symbolischen und strategischen Erfolg erzielt. Während Peking verhindern will, Einfluss zu verlieren, kann Kim Jong Un erstmals seit Jahrzehnten zwischen mehreren strategischen Partnern balancieren. Xi Jinpings Besuch macht deutlich, dass Pjöngjang längst nicht mehr nur Objekt der Großmachtpolitik, sondern zunehmend selbst ihr Gestalter ist. Nordkorea ist wieder zu einem eigenständigen Akteur geworden, dessen geopolitischer Wert steigt, je stärker die Rivalität zwischen China, Russland und den USA zunimmt.




