Am 24. Februar 2026 sind vier Jahre seit Beginn der russischen Großinvasion der Ukraine vergangen – das sind 1 462 Tage. Um dies zu verdeutlichen: Russlands angeblich kurze „Sonderoperation“ dauert nun schon länger als der Kampf der sowjetischen Armee gegen Nazi-Deutschland im Zweiten Weltkrieg. Die menschlichen Kosten der russischen Gräueltaten in der Ukraine steigen täglich, doch die globale Wahrnehmung des Krieges wird zunehmend von Illusionen geprägt. Und diese Illusionen behindern politisches Handeln. Lassen Sie uns einige davon näher betrachten.
Was einst schockierend war, nämlich das tägliche Leben der Ukrainer unter Bombardements und Drohnenangriffen mitten in Europa, ist mittlerweile zur Routine geworden, zur Normalität. Manche sind vielleicht sogar überrascht davon, dass der Krieg noch immer andauert, weil sie inzwischen aufgehört haben, ihn in den Nachrichten zu verfolgen. Selbst rekordverdächtige Angriffe auf die Ukraine schockieren niemanden mehr. 20 russische Drohnen im polnischen Luftraum oder unbekannte Drohnen, die irgendwo in Europa über Anlagen kritischer Infrastruktur schweben – das sorgt für Schlagzeilen!
Aber die Rekordzahl von 91 ballistischen Raketen, die im Januar 2026 auf die Ukraine abgefeuert wurden, oder 24 ballistische Raketen und 200 Drohnen am 12. Februar; das blieb in den europäischen Medien weitgehend unbeachtet. Die Ukrainer gehen oft zu Bett, ohne zu wissen, ob sie oder ihre Angehörigen am nächsten Morgen wieder aufwachen werden. Für Außenstehende ist es schwer nachzuvollziehen, was 6 000 Kampfdrohnen, 5 500 gelenkte Luftbomben und 158 Raketen verschiedener Typen pro Monat bedeuten. Deshalb sind diese Zahlen zu nichts weiter als Statistiken geworden.
Russland verfolgt eine bewusste Strategie, nicht nur mit Raketen und Drohnen zu töten, sondern auch mit der Kälte.
Der aktuelle Winter war der härteste seit Kriegsbeginn: Wiederholte Angriffe auf die Energieinfrastruktur der Ukraine haben dazu geführt, dass Haushalte bei Temperaturen von minus 20 bis 25 Grad Celsius ohne Heizung und Strom auskommen müssen. Die Innentemperaturen in vielen Häusern fielen auf sieben bis zehn Grad. Und doch sind diese ungeheuerlichen russischen Angriffe, die Millionen Ukrainer in Dunkelheit und Kälte zurücklassen, außerhalb der Ukraine fast schon zu einem Hintergrundrauschen geworden. Es ist jedoch eine Illusion, zu glauben, die Ukrainer könnten sich einfach an dieses Leid gewöhnen – als ob die Normalisierung des Terrors tolerierbar wäre. Russland verfolgt eine bewusste Strategie, nicht nur mit Raketen und Drohnen zu töten, sondern auch mit der Kälte.
Einige Beobachter im Ausland scheinen kriegsmüder zu sein als die Ukrainer, die täglich Angriffe ausgesetzt sind. Während das menschliche Leid kontinuierlich zugenommen hat, ist die öffentliche Unterstützung für die Ukraine in einigen Ländern besorgniserregend zurückgegangen – beispielsweise in Polen, zu Beginn einer der wichtigsten Unterstützer der Ukraine. Glücklicherweise gibt es immer noch Momente der Solidarität. Nach schweren Angriffen auf die Energieinfrastruktur der Ukraine wurden in Polen, der Tschechischen Republik und vielen anderen Ländern Millionen Euro an Soforthilfe für die Ukraine gesammelt. Doch während die emotionale Solidarität mal zu- und mal abnimmt, bleibt das Ausmaß der strategischen Bedrohung unverändert. Russland weiß, wie es mit seinen hybriden Maßnahmen Reibungen und Schwachstellen schnell ausnutzen und verstärken kann.
Viele Regierungen stellen weiterhin humanitäre und militärische Hilfspakete bereit. Die Europäer engagieren sich stärker, seitdem die amerikanische Unterstützung nachlässt. Doch die Unterstützung wird nicht von den Erfordernissen vor Ort bestimmt, sondern von politischen Kompromissen und Beschränkungen. Trotz vieler Diskussionen hat die Ukraine weder Tomahawk- noch Taurus-Raketen erhalten. Darüber hinaus bestehen die Unterstützer der Ukraine auf Einschränkungen hinsichtlich des Einsatzes der von ihnen bereitgestellten Langstreckenwaffen. In Bezug auf die eingefrorenen russischen Vermögenswerte wurden kompromissbasierte Entscheidungen getroffen, die nur einen Teil von ihnen betreffen. Nach wie vor fehlt die politische Entschlossenheit, ein SkyShield über der Ukraine zu errichten; und die Schiffe der russischen „Schattenflotte“ werden weiterhin kaum an ihren Fahrten gehindert.
Die Unterstützung der Ukraine ist nicht großzügig, sondern eine Investition in die gemeinsame europäische Sicherheit.
Kurz gesagt, es ist eine Illusion, zu glauben, dass Solidarität allein einen strukturellen, bedarfsorientierten Ansatz und echte politische Entschlossenheit ersetzen könnte. Fakt ist: Die Unterstützung der Ukraine ist nicht einfach großzügig, sondern eine Investition in die gemeinsame europäische Sicherheit. Das ganze letzte Jahr über rechnete die internationale Gemeinschaft damit, dass der Krieg bald beendet sein würde. Doch nun befinden wir uns im Jahr 2026, und ein Waffenstillstand ist nicht in Sicht. Die Verhandlungen sind zu einem Ritual geworden. Es wird zwar regelmäßig über Fortschritte berichtet, doch vor Ort in der Ukraine hat niemand das Gefühl, dass man dem Frieden auch nur einen Schritt nähergekommen ist. Die kaum greifbaren „Friedensgespräche“ dominierten die Diskussionen, doch es gibt immer noch keine klare Strategie, wie man die strategischen Überlegungen Russlands beeinflussen könnte.
Gleichzeitig ist der Begriff „Sieg“ aus dem Diskurs über die Ukraine weitgehend verschwunden, ebenso wie das Wort „Verantwortlichkeit“, wenn es um den Aggressor geht. Da sich der Fokus der Gespräche auf den Donbass verengt hat, wird die Krim fast vollständig ausgeklammert. Solange die Krim jedoch unter russischer Besatzung steht, kann es keine nachhaltige langfristige Sicherheit für die Schwarzmeerregion geben – unabhängig von einer vorläufigen Vereinbarung.
Russland nutzt die Illusion von Verhandlungen als Deckmantel für die Eskalation des Krieges.
Der Druck auf die Ukraine wächst, Teile der Region Donezk an Russland abzutreten, als würde dies den Krieg beenden. Dabei wird gerne vergessen, dass Russland diese Gebiete nicht seit vier, sondern seit zwölf Jahren nicht militärisch einnehmen konnte. Mit jeder Drohne und jeder Rakete, mit denen der russische Terror die Ukrainer trifft, wird immer deutlicher, dass Russland keinen Frieden anstrebt. Stattdessen nutzt es die Illusion von Verhandlungen als Deckmantel für die Eskalation des Krieges. Es ist nichts weiter als der Versuch, diplomatisch zu erreichen, was es militärisch nicht sichern kann.
In einem Land, das sich im Krieg befindet, vergeht die Zeit anders. Einige europäische Staats- und Regierungschefs sprechen hoffnungsvoll davon, dass Russlands Wirtschaft schwächle und dass das Land im Inneren erschöpft sei. Aber auch das ist eine Illusion. Es ist Wunschdenken, dass Russland irgendwann von selbst an seine Grenzen stoßen werde. Druck baut sich nicht automatisch auf – er muss kontinuierlich ausgeübt werden. Wie Präsident Wolodymyr Selenskyj auf der Münchner Sicherheitskonferenz anmerkte, entwickeln sich neue technologische Möglichkeiten für den Aggressor schnell, während die politischen Entscheidungen, ihnen entgegenzuwirken, zu viel Zeit in Anspruch nehmen. Schlimmer noch, US-Präsident Donald Trump nutzt sogar die Zeit als Druckmittel gegen die Ukraine, indem er Selenskyj zu schnellem Handeln drängt, da sich sonst „das Zeitfenster“ für Verhandlungen schließen könnte.
Illusionen von Normalität, Solidarität, Diplomatie oder Zeit werden die Ukrainer nicht schützen; nur entschlossenes Handeln, das dem Ausmaß der Bedrohung entspricht, kann dies. Sicherlich braucht die Ukraine die Unterstützung Europas. Aber Europa braucht auch die Ukraine. Weil es tragischerweise notwendig ist, gegen die Aggression Russlands zu kämpfen, ist die ukrainische Armee zur einzigen Streitkraft in Europa – und vielleicht sogar weltweit – geworden, die über umfassende Kampferfahrung in hochintensiven modernen Kriegen verfügt. Jüngste Manöver wie die NATO-Übung Hedgehog in Estland haben gezeigt, wie viel die europäischen Armeen von der ukrainischen Expertise lernen können. Taktiken zur Abwehr von Drohnen, mehrschichtige Luftabwehr und schnelle Innovationen auf dem Schlachtfeld sind für die Ukraine keine theoretischen Konzepte, sondern blutig erkämpfte Praxis.
Europa braucht eine intensivere Zusammenarbeit mit der Ukraine bei Innovationen im Bereich der Verteidigung. Es muss bereit sein, von den Ukrainern am Boden und in der Luft zu lernen, und sogar dazu, gemeinsam zu handeln. Das ist keine Wohltätigkeit, sondern die Herstellung gegenseitiger Sicherheit. Wir müssen zusammenarbeiten, um heute die Ukraine und morgen Europa zu schützen.




