Die Debatte über den Ukrainekrieg hat meist einen militärischen Fokus; es geht um Waffen und Waffenlieferungen, Truppenstärken, Frontverläufe und Verluste. Doch jenseits dieser Fragen und der Diskussion diplomatischer Bemühungen gibt es eine Dimension, die für das Durchhalten der Ukraine im Krieg entscheidend ist: gesellschaftliche Resilienz. Diese Fähigkeit, grundlegende Versorgungssysteme trotz anhaltender Angriffe und extremer Bedingungen aufrechtzuerhalten, bestimmt zunehmend, ob der Staat handlungsfähig bleibt oder in sich zusammenfällt.
Im Winter 2025/26 erreicht diese Frage eine neue Dringlichkeit. Bei Temperaturen von bis zu minus 25 Grad Celsius haben die unaufhörlichen russischen Angriffe mit Drohnen und Raketen die Strom- und Wärmeversorgung in weiten Teilen der Ukraine massiv gestört. Zerstörte Kraftwerke, beschädigte Fernwärmenetze und immer wieder unterbrochene Stromleitungen betreffen nicht nur einzelne Infrastrukturkomponenten. Sie treffen unmittelbar die Zivilgesellschaft. Die ständigen Stromausfälle bedeuten für die Menschen in der Ukraine nicht, dass ihnen Komfort fehlt, sondern sie sind eine existenzielle Belastung: Krankenhäuser arbeiten mit Notstrom, Wasserleitungen frieren ein, Heizsysteme versagen, Lieferketten geraten ins Stocken, Lebensmittel und Medikamente fehlen. Diese Realität ist kein bloßer Kollateralschaden der russischen Angriffe, sondern Ausdruck einer Kriegslogik, die gezielt die Grundlagen zivilen Lebens angreift.
Trotz der enormen Belastungen bricht die ukrainische Gesellschaft nicht auseinander.
Gleichzeitig offenbart sich in dieser dramatischen Situation eine paradoxe Stärke der Ukraine: Denn trotz dieser enormen Belastungen bricht die Gesellschaft nicht auseinander. Vielmehr entstehen sogar adaptive Praktiken, die die Verwundbarkeit reduzieren und Solidarität mobilisieren. Bei gesellschaftlicher Resilienz geht es dabei nicht einfach um technische Optimierung. Resilienz bezeichnet vielmehr die infrastrukturelle, organisatorische und gesellschaftliche Fähigkeit eines Systems, Störungen zu absorbieren und zugleich funktionsfähig zu bleiben. In der gegenwärtigen Phase des russischen Angriffskrieges wird deutlich, dass die Ukraine diesbezüglich bemerkenswerte Kapazitäten entwickelt hat.
Kommunale Verwaltungen richten sogenannte „Punkte der Unbeugsamkeit“ ein, beheizte Anlaufstellen mit Strom, Wasser und Internet. Lokale Initiativen beschaffen Generatoren, Solarbatterien und mobile Heizsysteme. Bürgerinnen und Bürger organisieren Brennstoffverteilungen, Nachbarschaftshilfe und Wärmestuben. Energieversorger reparieren beschädigte Netze oft innerhalb weniger Stunden, selbst unter Beschuss. Krankenhäuser und Schulen entwickeln Notfallpläne, verlegen Unterricht in digitale oder dezentrale Formate. Logistikunternehmen bauen alternative Routen auf, um Versorgungslücken zu schließen. All diese Praktiken sind kein symbolisches Beiwerk der militärischen Verteidigung; sie stellen die alltägliche Funktionsfähigkeit des Landes sicher.
Resilienz ist daher keine „weiche“, sondern eine strategische Ressource. Sie erweitert den Kriegsschauplatz: weg von einer rein militärischen Logik hin zu Fragen der Infrastruktur, der Versorgungssicherheit und der gesellschaftlichen Kohäsion. Bei Heizsystemen, Stromnetzen und Wasserleitungen – also dort, wo der Krieg im Alltag auf die Lebenswelt trifft – entscheidet sich, ob eine Gesellschaft weiter funktionieren kann.
Dieser Befund hat unmittelbare sicherheitspolitische Konsequenzen über die Ukraine hinaus. Denn hybride Kriegsführung, wie sie Russland längst schon gegen EU-Staaten betreibt, zielt nicht mehr nur auf militärische Ziele, sondern auf Energieversorgung, digitale Netze und kritische Infrastruktur sowie – mittels Desinformationskampagnen – auf den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Sabotageakte, Cyberangriffe oder Angriffe auf Unterseekabel zeigen, wie verwundbar hochgradig zentralisierte Systeme sind.
Entsprechend hat der russische Angriffskrieg die europäische Diskussion über die Zivilverteidigung neu belebt. Länder wie Finnland oder die baltischen Staaten setzen seit Jahren auf Schutzräume, Vorratshaltung, dezentrale Energieversorgung und regelmäßige Katastrophenübungen der Bevölkerung. Sicherheit wird dort nicht nur militärisch, sondern als gesamtgesellschaftliche Aufgabe verstanden. Resilienz bedeutet Vorbereitung im Alltag: robuste Netze, Redundanzen und lokale Selbsthilfestrukturen. Es gilt, Vertrauen zwischen Staat und Gesellschaft zu schaffen. Auch Deutschland und die EU insgesamt werden sich dieser Perspektive stellen müssen, wenn sie in Krisenlagen handlungsfähig bleiben wollen.
Gleichzeitig wäre es verkürzt, die beeindruckende ukrainische Resilienz ausschließlich als Erfolgsgeschichte zu erzählen. Die ukrainische Gesellschaft steht unter enormem Druck. Kriegsmüdigkeit, ökonomische Erschöpfung, Migration und Berichte über Desertionen zeigen, dass Belastbarkeit Grenzen hat. Resilienz ist kein unerschöpflicher Vorrat, sondern ein Prozess, der gepflegt werden muss. Es gibt potenzielle Kipppunkte: anhaltende Energieausfälle, soziale Ungleichheiten oder der Verlust politischer Legitimität könnten Solidarität unterminieren.
Putins Strategie der Abnutzung zielt genau darauf. Die ständigen Angriffe schwächen nicht nur militärische Kapazitäten, sondern sollen den gesellschaftlichen Zusammenhalt zersetzen. Die entscheidende Frage lautet daher: Wie lange kann Alltagsresilienz diesem Druck standhalten? Bislang spricht vieles dafür, dass die ukrainische Gesellschaft über erhebliche Reserven verfügt. Gemeinsame Bedrohungserfahrungen stärken Solidarität, lokale Netzwerke wachsen, und die internationale Unterstützung stabilisiert die Versorgung. Gerade diese Kombination aus sozialer Kohäsion, institutioneller Anpassungsfähigkeit und externer Hilfe verhindert bislang ein systemisches Kippen.
Militärische Verteidigungsfähigkeit muss flankiert werden von infrastruktureller Flexibilität und sozialer Anpassungsfähigkeit.
Damit wird Resilienz zu einer normativen Frage politischer Ordnung: Woran bemisst sich die Stärke einer Gesellschaft im Krieg? Die Ukraine zeigt, dass beides zusammengehört: Es kommt nicht allein auf die Effizienz militärischer Systeme an, sondern auch auf die Fähigkeit, trotz massiver Störungen funktional zu bleiben, in Krankenhäusern, Schulen und kommunalen Versorgungssystemen. Militärische Verteidigungsfähigkeit muss flankiert werden von infrastruktureller Flexibilität und sozialer Anpassungsfähigkeit. Sicherheitspolitik darf daher nicht nur auf die Front schauen. Sie beginnt beim Aufbau von Redundanzen im Stromnetz, bei Katastrophenschutz, bei kommunalen Strukturen und bei der Schaffung von Vertrauen zwischen Staat und Bürgerinnen und Bürgern.
Gerade darin besteht eine zentrale Lehre des russischen Angriffskrieges für Deutschland und Europa: Sicherheit entscheidet sich nicht nur auf dem Schlachtfeld, sondern im Alltag – in funktionierenden Krankenhäusern, beheizten Wohnungen und stabilen Stromnetzen. Dort, wo Gesellschaft trotz Gewalt weiterlebt.
Resilienz ist also keine Ergänzung zur Verteidigungspolitik, sondern ihr Fundament. Sie bestimmt, ob militärische Erfolge politisch tragfähig bleiben und ob staatliche Handlungsfähigkeit über Monate und Jahre hinweg erhalten werden kann. Eine Armee kann Territorium verteidigen – doch nur eine funktionierende Gesellschaft kann einen langen Krieg durchstehen.
Für europäische Staaten bedeutet das eine Verschiebung des strategischen Fokus: Investitionen in Zivilschutz, Redundanzen in Energie- und Kommunikationsnetzen, robuste Kommunalstrukturen und soziale Kohäsion sind keine nachgelagerten Sozialausgaben, sondern sicherheitspolitische Kernaufgaben. Wer Resilienz stärkt, stärkt die Abschreckung, weil potenzielle Gegner wissen, dass selbst gezielte Störungen des Alltags nicht zum Zusammenbruch führen.
Die Ukraine zeigt damit über den konkreten Kriegsalltag hinaus ein Modell moderner Sicherheitspolitik: Widerstandsfähigkeit entsteht nicht allein durch Waffen, sondern durch funktionierende Institutionen und Nachbarschaften sowie durch gegenseitiges Vertrauen. Sicherheit ergibt sich nicht einfach aus militärischer Überlegenheit, sondern bedarf der Fähigkeit einer Gesellschaft, Krisen zu absorbieren, ohne ihre demokratische Ordnung und ihre Lebensweise preiszugeben.
Resilienz beschreibt letztlich genau diese Fähigkeit einer Gesellschaft, trotz Gewalt weiter zu funktionieren. Und vielleicht ist das die nachhaltigste Form von Stärke: nicht die spektakuläre Verteidigung an der Front, sondern die stille, alltägliche Stabilität einer Gesellschaft, die sich nicht zermürben lässt.




