Von Napoleon ist überliefert, dass er seinen Außenminister, Fürst Talleyrand, als de la merde dans un bas de soie („Scheiße im Seidenstrumpf“) verspottete. Diese Bemerkung kam mir in den Sinn, als ich der Rede von Donald Trumps Außenminister Marco Rubio auf der diesjährigen Münchner Sicherheitskonferenz folgte.

Im vergangenen Jahr war US-Vizepräsident J. D. Vance nach München geflogen, um den europäischen Staats- und Regierungschefs ins Gesicht zu sagen, was er von ihnen hielt. Er griff dabei die Einwanderungspolitik der Europäischen Union, die Vorschriften zu Hassrede und die Bemühungen, die extreme Rechte von der Macht fernzuhalten, scharf an. Rubio ist Vance in Seidenstrümpfen. Er verkündete fast dieselbe Botschaft, nur diesmal diplomatisch verbrämt.

Im Jahr 2016 bezeichnete Rubio Trump als „Betrüger“, dem man die nuklearen Codes nicht anvertrauen könne. Jetzt ist er Trumps Chefdiplomat und hat gerade ohne Protest das Auslaufen des letzten verbliebenen Abkommens zur Begrenzung der russischen und der amerikanischen Atomwaffen mitverantwortet. Rubios Selbstverrat ist so gründlich, dass er schon fast eine Qualifikation für seinen Job darstellt. In Trumps Washington ist es ein zuverlässigerer Beweis für Unterwürfigkeit, einmal Prinzipien gehabt und diesen dann öffentlich abgeschworen zu haben, als nie Prinzipien gehabt zu haben.

In München füllte Rubio seine Rede mit theatralischen Beschwichtigungen. Die USA und Europa „gehören zusammen“. Ihre Schicksale seien „miteinander verflochten“. Amerika wolle ein „wiederbelebtes Bündnis“ und ein „starkes Europa“. Was den Westen jedoch zusammenhält, sind laut seiner Darstellung nicht gemeinsame Institutionen, ein gemeinsames Bekenntnis zur Rechtsstaatlichkeit oder die Nachkriegsarchitektur aus Verträgen und multilateraler Zusammenarbeit. Es sind vielmehr „eine gemeinsame Geschichte, der christliche Glaube, die Kultur, das Erbe, die Sprache, die Abstammung und die Opfer, die unsere Vorfahren gemeinsam gebracht haben“.

Rubio definierte die transatlantische Verbindung nicht als politisches Bündnis, sondern als zivilisatorische Blutlinie.

Die Schlüsselwörter hier sind „christlicher Glaube“ und „Abstammung“. Rubio definierte die transatlantische Verbindung nicht als politisches Bündnis, sondern als zivilisatorische Blutlinie – eine Verbundenheit, die in Religion und Blutsverwandtschaft verwurzelt sei. „Wir werden immer ein Kind Europas sein“, sagte er, eine Formulierung, die die Beziehung nicht als Vertrag zwischen gleichberechtigten Souveränen, sondern als familiäre Bindung darstellt – geerbt, nicht gewählt, mit Loyalität, die auf der Biologie beruht und nicht auf gemeinsamen Prinzipien und Zielen.

Das ist nicht die Sprache der NATO. Es ist die Sprache des verstorbenen Samuel Huntington und seines „Kampfes der Kulturen“ – der Idee, dass der Westen nicht durch das definiert ist, woran er glaubt, sondern durch das, was er ist; nicht durch seine Prinzipien, sondern durch Abstammung und Glauben. Es ist eine Formel, die eine imaginäre Mauer um das christliche Europa und seine Diaspora errichtet und die die muslimischen Bürger Europas, die säkularen Traditionen der Französischen Republik und die multikonfessionellen Realitäten des modernen europäischen Lebens ausschließt.

Rubios Versprechen einer Zukunft, die „so stolz, so souverän und so lebendig ist wie die Vergangenheit unserer Zivilisation“, ist entlarvend. Die Zukunft, die er beschreibt, ist keine Vision von etwas, das es aufzubauen gilt. Es ist die Vergangenheit, die in die Zukunft projiziert wird – Nostalgie, verpackt als Ziel.

Was also unter dem Seidenstoff lag, war dieselbe Litanei, die Vance im vergangenen Jahr vortrug, nun etwas höflicher formuliert: Europa habe seine Souveränität an multilaterale Institutionen abgegeben. Europa sei Gefangener eines „Klimakults“, der seine Bürger verarmen lasse. Durch Masseneinwanderung drohe die „zivilisatorische Auslöschung“. Natürlich ist „zivilisatorische Auslöschung“ keine neutrale Beschreibung des demografischen Wandels. Es ist das Vokabular der vom „großen Austausch“ der weißen Bevölkerung besessenen europäischen Rechtsextremen. In München verlieh Rubio einer Erzählung, die Einwanderung nicht als zu bewältigende politische Herausforderung darstellt, sondern als existenzielle Bedrohung für das Überleben der westlichen Zivilisation – eine Darstellung, die sie außerhalb des Bereichs von Kompromissen oder demokratischer Zurückhaltung ansiedelt –, die Legitimität der mächtigsten Regierung der Welt.

Rubios sprachliche Gewandtheit machte den Ausdruck noch gefährlicher: In die Sprache der gemeinsamen Sorge um die Zukunft Europas gekleidet, klang er fast schon besorgt, als würde die Trump-Regierung lediglich versuchen, ihre Freunde vor einer Gefahr zu retten, die sie aus Höflichkeit nicht beim Namen nennen wolle. Die Folge ist jedoch, dass der Spielraum für eine pragmatische Zusammenarbeit in den Bereichen Asyl, Arbeitskräftemobilität und Integration – also Bereichen, in denen die europäischen Regierungen tatsächlich tätig werden müssen – eingeschränkt wird, während die nationalistischen Parteien in Europa eine Unterstützung erhalten, die sie sich vor Trump kaum hätten vorstellen können.

Auch Rubios beiläufige Verwendung des abwertenden Ausdrucks „Klimakult“ verdient Beachtung – nicht wegen seiner Aussage zur Klimapolitik, sondern weil er die Hohlheit von Rubios Verweisen auf die glorreiche Zukunft beleuchtet, die sein Chef angeblich aufbaut. Klimapolitik ist per Definition eine Investition in die Zukunft, und zwar vielleicht die folgenreichste, die eine Generation tätigen kann. Sie als Kult zu bezeichnen und Klimaschutzbemühungen als religiöse Wahnvorstellung abzutun, ist eine spektakuläre Art, zu sagen, dass es sich nicht lohnt, in die künftige Bewohnbarkeit des Planeten zu investieren.

Nach seiner Rede flog er nach Bratislava und nach Budapest, um den slowakischen Ministerpräsidenten Robert Fico und den ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán zu besuchen.

Darüber hinaus erzählte Rubios Terminkalender eine andere Geschichte als seine Rhetorik. Am Freitag, dem Tag vor seiner Rede, schwänzte er das Treffen im Berliner Format zur Ukraine – eine Zusammenkunft, an der der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj, der französische Präsident Emmanuel Macron, Bundeskanzler Friedrich Merz und die Chefs der Europäischen Kommission, des Europäischen Rates und der NATO teilnahmen. Nach seiner Rede flog er nach Bratislava und nach Budapest, um den slowakischen Ministerpräsidenten Robert Fico und den ungarischen Ministerpräsidenten Viktor Orbán zu besuchen – die beiden russlandfreundlichsten EU-Staatschefs, die Trump als ideologische Verbündete umwirbt und kürzlich in Mar-a-Lago empfangen hat.

Während Rubio seinem Münchner Publikum also erzählte, die USA wollten ein „starkes Europa“, unterstützt er öffentlich Politiker, die ihre Karriere darauf aufgebaut haben, europäische Institutionen von innen heraus anzugreifen, kollektive Maßnahmen zu blockieren und Beziehungen zu Russlands Präsident Wladimir Putin zu pflegen. Als er nach seiner Rede in einem Interview auf die Ukraine angesprochen wurde, ließ Rubio eine vielsagende Formulierung fallen: Die USA wollten ein Abkommen, mit dem die Ukraine „leben kann“ und das Russland „akzeptieren kann“. Die Asymmetrie ist der springende Punkt. Von der Ukraine wird erwartet, dass sie sich fügt; von Russland wird erwartet, dass es zufrieden ist.

Rubio flog nicht von München nach Bratislava und nach Budapest, um das transatlantische Bündnis zu stärken. Er wollte zeigen, welches Europa die USA bevorzugen: nicht ein Europa der kollektiven Verteidigung und der geteilten Souveränität, sondern ein Europa der Regierungen, die sich der EU widersetzen, den Kreml hofieren und dies als Souveränität bezeichnen.

Russland und China kamen in Rubios Rede nicht vor. Die Feinde, die er identifizierte, waren nicht autoritäre Großmächte, sondern Einwanderung, Klimapolitik und der Multilateralismus, der seit 1945 das westliche Bündnis bestimmt. Wang Yi, Chinas Außenminister, ergriff freudig die Gelegenheit und argumentierte, die Hauptverantwortung für die heutige globale Dysfunktion trügen „bestimmte Länder“, die die multilaterale Zusammenarbeit untergraben und eine Mentalität des Kalten Krieges wiederbeleben – eine Zurechtweisung, die zu äußern schwieriger gewesen wäre, hätte Rubio nicht gerade auf derselben Bühne seine Ablehnung der institutionellen Nachkriegsordnung bekundet.

Rubio ist kein Talleyrand. Während Talleyrand den Interessen Frankreichs diente und zugleich das Machtgleichgewicht in Europa neu gestaltete, dient Rubio einem Präsidenten, der Zerstörung mit Stärke und Nostalgie mit Erneuerung verwechselt. Die Seidenstrümpfe milderten den Ton und schmeichelten dem Publikum. Aber darunter lag dieselbe Botschaft, die Vance letztes Jahr so unverblümt verkündet hatte: Europa ist nur dann nützlich, wenn es sich unterwirft. Die westliche Zivilisation definiert sich durch Ausgrenzung. Und eine gemeinsame Zukunft ist nur unter Bedingungen möglich, die garantieren, dass es sie niemals geben wird.

© Project Syndicate

Aus dem Englischen von Jan Doolan