Die Berichterstattung über das diesjährige Weltwirtschaftsforum in Davos war vom Gegensatz der viel beachteten Reden von Mark Carney und Donald Trump bestimmt. Deutlich wurde, dass die liberale Weltordnung definitiv der Vergangenheit angehört. Unter dem Radar blieb dabei, welcher Wandel sich auf einer fundamentaleren Ebene vollzogen hat. Denn Davos bildet stets wie in einem Brennglas den aktuellen Stand der weltwirtschaftlichen Entwicklungen und der Globalisierung ab. Während der Hochphase der neoliberalen Globalisierung in den 1990er und 2000er Jahren dominierte der sogenannte Davos Man. Im Gegensatz dazu war 2026 thematisch und personell noch stärker von den Tech-Bros, den CEOs der großen Tech-Konzerne aus den USA, und dem Thema KI geprägt.

Wenn man den aktuellen Stand der Globalisierung auf den Begriff bringen will, stößt man auf das Phänomen der „Tech-Brobalisierung“: des Herrschafts- und Gestaltungsanspruchs einer ultrareichen ökonomischen Elite aus den USA, die in einer Symbiose mit dem Staat (hier: der Trump-Administration) eine umfassende Umstrukturierung und eine globale Agenda verfolgt, die weit über die rein ökonomische Dimension hinausreicht. Was heißt das konkret, wie unterscheidet sich diese neue Etappe der Globalisierung von der vorherigen und welche Konsequenzen ergeben sich für Europa?

Als Samuel Huntington im Jahr 2000 die Bezeichnung vom Davos Man einführte, bezeichnete er damit die jährliche Kernklientel von Davos: die ökonomische Elite aus superreichen Unternehmern und Konzernchefs, die führende Politiker und ausgesuchte Wissenschaftler in die höchstgelegene Stadt Europas einlud. Die Davos Men begriffen sich selbst als „staatenlose Klasse“, die eher einem Weltbürgertum als dem eigenen Land verpflichtet war. Hier waren die Hyperglobalisierer am Werk, denen es im neoliberalen Verhältnis zum Staat um Privatisierung, Deregulierung und Eingrenzung der Staatsverschuldung ging. Die Politik sollte sich zurückhalten, der Markt entscheiden. Auch die führenden Vertreter der rasch expandierenden US-Softwarekonzerne waren längst in Davos präsent, standen jedoch noch im Schatten der Industrie-Bosse.

Diskutiert werden nicht die möglichen Gefahren für Arbeitsmärkte und demokratische Prozesse oder über Desinformation, sondern es wird vielmehr ein Bild inszeniert, das die Chancen auf Wachstumsgewinne in leuchtenden Farben zeichnet.

Ein Vierteljahrhundert später sind die Vertreter der „alten“ Industrie weiterhin in Davos, aber die Tech-Bros haben inzwischen das Kommando übernommen. Thematisch dominiert seit einigen Jahren die KI, und auf den Podien die Beiträge der CEOs der großen KI-Unternehmen wie Sadya Nadella und Jenson Huang. Erstmals in Davos dabei und direkt im Rampenlicht – Elon Musk. Diskutiert werden nicht die möglichen Gefahren für Arbeitsmärkte und demokratische Prozesse oder über Desinformation, sondern es wird vielmehr ein Bild inszeniert, das die Chancen auf Wachstumsgewinne in leuchtenden Farben zeichnet.

In der neoliberalen Globalisierung wurden ursprünglich militärische Anwendungen (GPS, Kommunikation per E-Mail) erfolgreich in die Wirtschaft integriert. Kombiniert mit den Innovationen der Informations- und Kommunikationstechnologie gelang es, den Transport zu verbilligen (Container), die Lagerhaltung zu minimieren (just-in-time-Lieferung), den Welthandel rasant auszuweiten, den Weltmarkt zu vertiefen und zu erweitern sowie komplexe Lieferketten mit steigender Interdependenz zu etablieren.

Das Platzen der US-Immobilienblase 2008 löste eine Finanzkrise aus, die die Grenzen der neoliberalen Globalisierung deutlich machte. Es folgte ein Jahrzehnt, in dem der Welthandel nicht mehr wie in den vorangegangenen Dekaden der Motor für globales Wirtschaftswachstum war. Die Corona-Pandemie und der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine offenbarten die Krise der neoliberalen Globalisierung noch deutlicher. Das ikonische Bild dieser Entwicklung war das Containerschiff Ever Given, das im März 2021 im Suezkanal auf Grund lief und damit eine zentrale Verbindungsader des Welthandels für eine Woche unterbrach. Spätestens seit Beginn der zweiten Trump-Administration sind die liberale Weltordnung und die neoliberale Globalisierung Geschichte.

Das definitive Ende der Globalisierung wurde ebenso ausgerufen wie – in der Beschreibung von Anpassungsstrategien – der Wandel zu friend- bzw. near-shoring, mit dem Ziel, die Verwundbarkeit globaler Lieferketten zu reduzieren. Auch die Konsequenz einer Stärkung interregionaler Zusammenarbeit, insbesondere durch die EU (Abkommen mit Mercosur und Indien), folgt dieser Logik. Eine gewisse Ratlosigkeit zeigt sich in der neuen Etikettierung als Globalisierung 3.0 oder in der Bezeichnung als Geoökonomie. Noch fehlt der zentrale Begriff, der diese neue Phase analytisch und inhaltlich fasst.

Bei der Konzentration auf den Warenhandel gerät der markante Boom der Dienstleistungen in den vergangenen Dekaden leicht aus dem Blick. Übersehen wird, dass Software, Soziale Plattformen, Large Language Models (LLMs) und KI dabei sind, die Gesellschaften tief zu durchdringen und mit der voranschreitenden Automatisierung neben der Verwaltung auch die Produktion rasant zu verändern. Vorangetrieben wurden diese Entwicklungen von einer kleinen Gruppe im Silicon Valley. Die zehn größten Tech-Gründer und CEOs haben ihr Vermögen im vergangenen Jahr um 550 Milliarden US-Dollar vergrößert und verfügen inzwischen über etwa 2,5 Billionen US-Dollar in Investitionen, Aktien und Barvermögen. Einige Wenige werden in rasanter Geschwindigkeit immer reicher und treiben die Entwicklung von KI immer weiter voran. Sie investieren hunderte Milliarden US-Dollar in leistungsfähigere Chips und Rechenzentren. Das Platzen der Blase ist jederzeit möglich, wird jedoch vorerst durch massive finanzielle Ressourcen sowie mit immer neuen Anwendungsversprechen und Initiativen verhindert.

Es geht um die grenzenlose Konzentration wirtschaftlicher Macht, die Ausschaltung von Konkurrenz auf freien Märkten sowie um die Schwächung von Recht und demokratischen Institutionen.

Gleichzeitig verfolgen die Tech-Bros eine politische Agenda. Im Verhältnis zum Staat unterscheiden sie sich fundamental vom Davos Man. Ihr Ziel: die Verschmelzung von Wirtschaft, Technologie, Militär und Politik, um durch die Entfesselung des Kapitalismus Technologien zu etablieren, die – so das Versprechen – alle Probleme der Menschheit lösen und sogar den Weltraum erobern sollen. Sie sind dabei eine Symbiose mit der Trump-Administration eingegangen. Trumps Wahlkampf wurde massiv unterstützt. Der Präsident hat prompt sämtliche Versuche der Biden-Administration rückgängig gemacht, den Tech-Konzernen strengere regulatorische Grenzen zu setzen und die Machtkonzentration einzuhegen. Zusätzlich senkte er die Unternehmenssteuern massiv. Zur Aushöhlung der checks and balances der amerikanischen Verfassung und zur Durchsetzung autoritärer, illiberaler und imperialer Ziele bedient sich die Trump-Administration der umfangreichen Datenbestände und Analysemöglichkeiten der Tech-Konzerne. Es geht um die grenzenlose Konzentration wirtschaftlicher Macht, die Ausschaltung von Konkurrenz auf freien Märkten sowie um die Schwächung von Recht und demokratischen Institutionen. Nicht alle Tech-Bros teilen dieselben Überzeugungen, aber mit dem Amtsantritt der zweiten Trump-Administration haben sie sich geschlossen hinter Trump und seine Agenda gestellt.

Die Tech-Brobalisierung trifft Europa hart. Der Kontinent ist von einer digitalen Souveränität weit entfernt. Bei Betriebssystemen auf PCs und Smartphones, bei Software-Anwendungen, Sozialen Plattformen und bei den Cloud-Zentren dominieren die US-Konzerne. Bei der KI stammen etwa 70 Prozent der Basismodelle aus den USA. Die Tech-Brobalisierung definiert damit auch die nächste Etappe der industriellen Entwicklung in Europa. Als ernst zu nehmender Rivale der amerikanischen Tech-Bros bleibt China, das technologische Parallelentwicklungen ebenfalls massiv vorangetrieben hat (Alibaba, Baidu, Tencent und Deep Seek).

Die EU schützt die digitale Selbstbestimmung und hat mit der Datenschutzgrundverordnung (DSGVO) sowie mit den neuen Regeln zu den Sozialen Netzwerken (Digital Services Act), zu den Online-Marktplätzen (Digital Markets Act) und mit dem AI Act einen rechtlichen Rahmen geschaffen, um die Macht der Tech-Konzerne einzudämmen. Marktmissbrauch, Machtkonzentration, Datenklau und Steuervermeidung sollen so bekämpft werden – zum Leidwesen der US-amerikanischen Tech-Bros, die bis zu einem Drittel ihres Umsatzes in Europa erzielen. Auf Strafzahlungen reagierten die Tech-Konzerne mit Klagen bis in die höchsten Instanzen, mit dem Ausreizen rechtlicher Schlupflöcher und mit Empörung: Die EU verletze elementare Regeln des freien Marktes und die Meinungsfreiheit.

Die Tech-Brobalisierung kann sich auf Trumps Rückendeckung verlassen, der mit Zollpolitik, der impliziten Drohung, den militärischen Schutz der NATO abzuziehen und in enger Arbeitsteilung mit den Tech-Bros die rechtsextremen Parteien in Europa offen stärkt. Aus Trumps Sicht sei die EU nur gegründet worden, um die USA „abzuzocken“, und gehöre demnach abgeschafft. Europa muss diesen Weckruf ernst nehmen und darf nicht einknicken. Der bestehende gesetzliche Rahmen sollte konsequent angewendet werden, denn Trump akzeptiert nur Stärke. Will Europa nicht endgültig zum Vasallen der USA werden, braucht es auch im Feld der digitalen Souveränität schleunigst ein abgestimmtes und entschlossenes Gegenhalten.