Sechs Monate sind vergangen seit dem gemeinsamen Luftschlag der USA und Israels, der am 28. Februar 2026 zum Tod Ali Khameneis führte. Keine zwei Wochen später wurde sein Sohn Mojtaba Khamenei zum neuen Obersten Führer der Islamischen Republik gewählt.
Doch die entscheidende Frage ist heute nicht die Nachfolge selbst, sondern: In welchem Maße hat der neue Führer jene Macht bereits in seinen Händen, die sein Vater über Jahrzehnte aufgebaut hatte? Die Antwort ist bislang eindeutig: noch nicht vollständig. Genau darin liegt eine diplomatische Chance – auch für Europa.
Ali Khamenei hatte Jahrzehnte Zeit, ein weitverzweigtes Netzwerk politischer, militärischer und sicherheitspolitischer Loyalitäten aufzubauen. Mojtaba Khamenei hingegen kam unter völlig anderen Bedingungen an die Macht: während des Krieges mit den USA und Israel, unter massivem wirtschaftlichem Druck und in einer Situation, in der sich die Machtstruktur der Islamischen Republik neu ordnet.
Genau diese Übergangsphase hat ein diplomatisches Fenster geöffnet, das es so zuvor nicht gab – und das Europa nutzen sollte, bevor sich die neue Machtordnung in Teheran verfestigt. In den ersten Monaten nach dem Führungswechsel verteilte sich die Entscheidungsfindung stärker als zuvor auf mehrere Machtzentren: die Regierung von Massud Pezeshkian, das Parlament unter Mohammad Bagher Ghalibaf, das Außenministerium und den Obersten Nationalen Sicherheitsrat – neben den weiterhin einflussreichen Revolutionsgarden und Sicherheitsapparaten.
Das bedeutet nicht, dass Pezeshkian und Ghalibaf die Kontrolle über die iranische Außenpolitik innegehabt hätten. Die Revolutionsgarden und Sicherheitsapparate verfügen weiterhin über entscheidenden Einfluss. Doch solange die neue Führung noch nicht vollständig gefestigt war, besaß kein einzelnes Machtzentrum jenes Gewicht und jene letztgültige Entscheidungsmacht, die Ali Khamenei über Jahrzehnte aufgebaut hatte.
Innerhalb der Machtstruktur der Islamischen Republik war ein Konsens für Verhandlungen möglich, aber fragil.
Genau dieser Umstand verschaffte den dialogorientierten Kräften mehr Handlungsspielraum. Der Annäherungsprozess zwischen Iran und den USA war ein deutliches Beispiel dafür. Berichten zufolge gehörte Mohammad Bagher Zolghadr, der damalige Sekretär des Obersten Nationalen Sicherheitsrats, zu jenen Verantwortlichen, die die Verständigung mit den USA unterstützten. Das deutet darauf hin, dass selbst innerhalb der Machtstruktur der Islamischen Republik zu diesem Zeitpunkt ein Konsens für Verhandlungen möglich war.
Doch dieser Konsens war fragil. Der Rücktritt Zolghadrs als Sekretär des Obersten Nationalen Sicherheitsrats und seine Ablösung durch Mohsen Rezaei, den früheren Kommandeur der Revolutionsgarden, sind Anzeichen für eine Verschiebung im Machtgefüge. Offiziell wurde Zolghadrs Ausscheiden als Rücktritt bezeichnet. Anschließend wurde er zum politischen Berater des Führers ernannt. Ein direkter Zusammenhang zwischen seinem Ausscheiden und seiner Haltung zum Abkommen mit den USA ist daher nicht belegt.
Dennoch ist der Zeitpunkt des Wechsels, mitten in den Kontroversen um die Verständigung mit Washington, bemerkenswert. Entscheidend ist weniger die Personalie selbst als der größere Trend, der sich darin abzeichnet: Die Sicherheitskräfte gewinnen innerhalb der neuen Machtstruktur an Gewicht. Für Europa besteht das Problem nicht nur darin, dass Teheran künftig eine härtere Haltung einnehmen könnte. Entscheidender ist, dass sich jene Machtkonstellation, die Verhandlungen überhaupt ermöglicht hat, selbst im Wandel befindet.
Sollte Mojtaba Khamenei seine Macht vor allem mit Unterstützung der Revolutionsgarden und Sicherheitsapparate konsolidieren, wird deren Gewicht in der iranischen Außenpolitik weiter wachsen. Das bedeutet nicht, dass Verhandlungen künftig unmöglich sind. Die Islamische Republik steht weiterhin unter massivem wirtschaftlichem Druck und trägt die hohen Kosten des Krieges. Sie hat daher weiterhin ein Interesse an einer Übereinkunft.
Doch der Bedarf an Verhandlungen ist nicht gleichbedeutend mit Kompromissbereitschaft. Würde der wirtschaftliche und sicherheitspolitische Druck ohne greifbares Ergebnis anhalten, würde dies eher jene Kräfte stärken, die argumentieren, die USA verstünden nur die Sprache der Stärke und jede Konzession führe zu weiteren Forderungen. Zeit allein führt also nicht zwangsläufig zu Krieg oder Eskalation. Aber je länger die neue Machtstruktur braucht, um sich zu konsolidieren, desto höher wird der politische Preis eines Kompromisses.
Entscheidend ist deshalb weniger, welchen außenpolitischen Kurs die neue Führung heute bevorzugt, als vielmehr, wie sich die innenpolitischen Kräfteverhältnisse verändern. Je stärker sich die neue Machtordnung konsolidiert und je mehr Gewicht dabei die Sicherheitsapparate gewinnen, desto schwieriger wird es für dialogorientierte Akteure, Zugeständnisse gegenüber Washington innenpolitisch durchzusetzen. Das diplomatische Fenster schließt sich also nicht zwangsläufig, weil Teheran Verhandlungen grundsätzlich ablehnt, sondern weil der politische Preis eines Kompromisses steigt.
Die Europäische Union sollte gerade in dieser Übergangsphase ihre Kommunikationskanäle ausbauen.
Für Europa ist die Konsequenz klar: Es sollte nicht warten, bis sich die neue Machtstruktur in Teheran vollständig gefestigt hat, bevor es diplomatisch handelt. Die Europäische Union sollte gerade jetzt, in dieser Übergangsphase, ihre Kommunikationskanäle zur Regierung Pezeshkian, zum Parlament und zu anderen einflussreichen Entscheidungszentren aufrechterhalten und ausbauen.
Dabei sollte es nicht nur um eine kurzfristige Übereinkunft zur Deeskalation gehen. Europa sollte versuchen, einen Rahmen zu schaffen, in dem die iranischen wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Interessen mit einem berechenbareren Verhältnis zum Westen verbunden werden können. Dazu braucht es neben politischen Gesprächskanälen auch konkrete Anreize, die den verhandlungsbereiten Kräften in Teheran zeigen, dass Kompromisse einen politischen und wirtschaftlichen Ertrag bringen können.
Das bedeutet nicht, die Augen vor dem iranischen Raketenprogramm, der regionalen Politik Teherans oder anderen sicherheitspolitischen Bedenken zu verschließen. Im Gegenteil: Diplomatie gewinnt gerade dann an Bedeutung, wenn die Differenzen größer werden. Die gegenwärtige Gelegenheit ist das Ergebnis einer Übergangssituation: Die neue Führung ist noch nicht vollständig konsolidiert, mehrere Machtzentren konkurrieren weiterhin um Einfluss, und zumindest ein Teil der politischen Elite sieht Verhandlungen noch als möglichen Ausweg aus der Krise.
Doch diese Situation ist nicht von Dauer. Jeder Monat, der ohne konkrete diplomatische Fortschritte verstreicht, begünstigt die Festigung einer Machtstruktur, in der Kompromisse einen höheren politischen Preis haben und sicherheitspolitische Akteure mehr Gewicht bei der Entscheidungsfindung gewinnen.
Europa kann diesen Prozess noch beeinflussen. Wer jedoch wartet, bis sich die neue Ordnung in Teheran vollständig herausgebildet hat, findet möglicherweise kein offenes Fenster mehr vor. Noch ist das Fenster offen. Aber es schließt sich.




