Die anhaltenden politischen Unruhen im Iran sind nicht nur eine innenpolitische Krise, sie werden zunehmend auch zu einem strategischen Problem für die russische Führung: Sie könnten sich direkt auswirken auf die energie- und außenpolitische Position Moskaus, seine Fähigkeit, den westlichen Sanktionsdruck zu bewältigen, und letztlich auf die Möglichkeit, einen langwierigen Krieg in der Ukraine zu finanzieren.

Für Russland war der Iran lange Zeit ein unter Sanktionen leidender, aber stabiler Partner: politisch isoliert, strategisch auf einer Linie und ökonomisch eingeschränkt, sodass Teheran sich kaum dem Westen zuwenden konnte. Diese Stabilität droht nun in Frage gestellt zu werden. Aufgrund der anhaltenden Unruhen könnte ein für Russland nützlicher Partner zu einem Quell der Unsicherheit werden – und das zu einem Zeitpunkt, an dem sich der Kreml dies am wenigsten leisten kann.

Die Ende Dezember aufgeflammten Proteste gehen trotz harter Repressionen weiter. Menschenrechtsorganisationen und unabhängige Beobachtungsgruppen schätzen, dass inzwischen mehr als 5 000 Menschen getötet und Zehntausende festgenommen worden sind. Internetzugang, Satellitenverbindungen und sogar klassische Telefonleitungen wurden wiederholt tagelang unterbrochen. Im Iran sind viele überzeugt, dass technische und sicherheitspolitische Unterstützung aus Russland zu diesen landesweiten Kommunikationsausfällen beigetragen hat. Dabei wird auf Moskaus eigene Expertise in Sachen digitaler Kontrolle, Repression und Überwachung verwiesen.

Inwiefern solche Unterstützung tatsächlich nachgewiesen werden kann, dürfte letztendlich weniger wichtig sein als die politische Wirkung: Menschen, die gegen das politische System der Islamischen Republik protestieren, sehen Russland zunehmend als Unterstützer der Unterdrückung sowie als langjährigen Partner des Regimes. Somit wird Moskau direkt mit einer unpopulären politischen Ordnung verknüpft. Dementsprechend einschneidend könnten potenzielle Veränderungen in Teheran für die russischen Interessen sein.

Was als ökonomisch bedingte Unruhe begann, ausgelöst durch Inflation, Geldentwertung und sinkende Lebensstandards, hat schnell einen politischen Charakter angenommen. In den vergangenen zehn Jahren haben immer neue Protestwellen die iranische Gesellschaft in eine bewegungsorientierte Gesellschaft verwandelt, in der Proteste nicht mehr die Ausnahme, sondern zunehmend die Regel sind. Heute sind die meisten politischen Gruppen und Protestbewegungen der Ansicht, dass es für bedeutende Verbesserungen strukturelle Umwälzungen braucht, entweder in Form grundlegender Reformen innerhalb der bestehenden Ordnung oder durch eine Neukonfiguration der Machtverhältnisse, die reale ökonomische und politische Veränderungen möglich macht.

Der Druck von außen hat diese Dynamik noch verstärkt. Donald Trump hat nach seiner Rückkehr ins Weiße Haus neue Sanktionen auf den Weg gebracht und jede verbliebene Hoffnung auf eine baldige diplomatische Entspannung beerdigt. Gleichzeitig wurde die regionale Stellung des Iran geschwächt. Der Zwölftagekrieg mit Israel im vergangenen Sommer, in dessen Verlauf mehrere hochrangige iranische Kommandeure getötet wurden, markierte einen Wendepunkt. Gemeinsam mit dem Zusammenbruch der Herrschaft von Baschar al-Assad in Syrien und der Festnahme von Nicolás Maduro in Venezuela haben diese Entwicklungen das politische System des Iran in eine Phase erhöhter Spannungen und struktureller Instabilität gebracht.

Das Ergebnis ist nicht der unmittelbar bevorstehende Zusammenbruch, aber eine anhaltende Unsicherheit. Wenn die USA von direkten militärischen Aktionen absehen und keine größeren externen Schocks dazwischenkommen, wird es im Iran wahrscheinlich zu internen Anpassungen sowie Spannungen innerhalb der Elite kommen. Genau diese Unwägbarkeit macht Moskau nervös.

Seit der Invasion der Ukraine setzt Russland im Rahmen seiner Überlebensstrategie in Sanktionszeiten auf den Iran. Die Beziehung ist eher pragmatisch als ideologisch geprägt und basiert auf militärischer Zusammenarbeit, diplomatischer Abstimmung sowie Koordination angesichts des westlichen Drucks. Der Iran war für Moskau gerade deshalb so wichtig, weil er berechenbar war: ein Partner mit wenigen Alternativen und mit der Bereitschaft zur Kooperation in politischen, wirtschaftlichen und in Sicherheitsfragen. Diese Konstellation dürfte geschwächt werden, sobald der Iran nicht mehr von großen Teilen der Welt abgeschnitten ist.

Aus Sicht des Kremls ist fast jede denkbare politische Entwicklung im Iran problematisch. Ein plötzlicher Führungswechsel oder ein System-Umbruch in Teheran würde vermutlich dazu führen, dass die Beziehungen zu Europa wieder aufgebaut werden und das Land auf die globalen Märkte zurückkehrt. Selbst wenn das aktuelle System weiterbestünde, würden wahrscheinlich pragmatischere Akteure gestärkt, die sich mehr auf wirtschaftliche Stabilisierung denn auf geopolitische Konfrontation konzentrieren. In beiden Fällen verliert Russland an Einfluss.

Steigende iranische Öl- und Gasexporte würden die Preise drücken und Russlands Fähigkeit einschränken, Energieknappheit als Druckmittel gegenüber Europa einzusetzen.

Von zentraler Bedeutung sind auch die möglichen Auswirkungen auf den Bereich Energie. Der Iran verfügt über einige der größten Öl- und Gasreserven der Welt, aber aufgrund von Sanktionen und Isolation blieb ein Großteil dieses Potenzials bisher ungenutzt. Dies hat indirekt Russland genützt, da der Wettbewerb auf den ohnehin schon angespannten globalen Märkten eingeschränkt wurde – insbesondere seit der Krieg in der Ukraine die Energieflüsse in Europa verändert hat.

Wenn eine zukünftige iranische Führung westlichen Energieunternehmen Tür und Tor öffnen würde – selbst, wenn dies nur schrittweise geschähe –, würde sich die regionale Versorgungsdynamik verändern. Steigende iranische Öl- und Gasexporte würden die Preise drücken und Russlands Fähigkeit einschränken, Energieknappheit als Druckmittel gegenüber Europa einzusetzen. Für Moskau geht es also nicht nur um Marktanteile, sondern um Macht und Kontrolle.

Russlands Kriegsfinanzierung hängt stark von den Energieeinnahmen ab. Jede Entwicklung, die das Angebot erhöht und damit die Preise senkt oder eine Diversifizierung der langfristigen Energieversorgungsoptionen Europas begünstigt, würde die finanzielle Basis des Kremls direkt untergraben. Ein wieder in die Weltwirtschaft integrierter Iran könnte alle drei Punkte erfüllen. Selbst ohne vollständige Reintegration würde ein weniger isolierter Iran Russlands informelle Netzwerke zur Umgehung von Sanktionen beeinträchtigen und den Wert Teherans als strategischer Wirtschaftspartner Moskaus mindern.

Aus russischer Sicht gibt es ein weiteres strukturelles Problem: Die engsten Beziehungen bestehen nicht zur iranischen Zivilgesellschaft oder zu Wirtschaftsakteuren, sondern zu Sicherheitsinstitutionen und politischen Hardlinern, von denen viele mit der Revolutionsgarde oder dem Büro des Obersten Führers verbandelt sind. Genau diese Akteure sind von den aktuellen Unruhen am unmittelbarsten betroffen. Wenn ihr Einfluss durch politische Reformen, Machtverschiebungen in der Elite oder durch einen Generationswechsel schwächer würde, würde dies auch Russlands Einfluss im Iran schwächen. Moskau unterhält nur wenige bedeutende Beziehungen zu den gesellschaftlichen oder politischen Kräften, die die Zukunft des Iran prägen dürften.

Aus diesem Grund haben Berichte und Gerüchte über russische Unterstützung bei der Überwachung, der Abschaltung des Internets und der Kontrolle von Menschenmengen auch eine politisch-strategische Komponente. Sie mögen zwar dazu beitragen, kurzfristig Stabilität zu wahren, verstärken jedoch langfristig die feindseligen Gefühle – gegenüber Russland. Mit Repression erkauft man sich vielleicht Zeit, aber man erkauft sich sicherlich keine Loyalität.

Anders als in Venezuela Anfang 2026, wo die US-amerikanische Entführung von Präsident Nicolás Maduro die Grenzen des russischen Einflusses deutlich machte, hat Moskau penibel darauf geachtet, Teheran in der anhaltenden Krise nicht im Stich zu lassen. In einer auf Antrag der USA einberufenen Dringlichkeitssitzung des UN-Sicherheitsrates am 15. Januar, bei der es um die Proteste im Iran und „mögliche Militärschläge“ ging, lehnte die russische Delegation eine Einmischung in die inneren Angelegenheiten des Iran entschieden ab und kritisierte die Vereinigten Staaten, diese wollten die Situation für eigene politische Zwecke ausnutzen.

Aus europäischer Sicht würde ein politischer Wandel im Iran den Druck auf die Energiemärkte verringern und die Kriegswirtschaft Russlands schwächen.

Die Auswirkungen sind auch für Europa erheblich. Die Unruhen im Iran überschneiden sich mit Debatten über Sanktionen, Energiesicherheit und die Tragfähigkeit der russischen Kriegswirtschaft. Aus europäischer Sicht würde ein politischer Wandel im Iran den Druck auf die Energiemärkte verringern und die Kriegswirtschaft Russlands schwächen. Dies erklärt, warum Moskau in den vergangenen Wochen seine Unterstützung für die Islamische Republik in den Bereichen Geheimdienste, Sicherheit und Information intensiviert hat, von der Unterstützung bei Repression und Überwachung bis hin zu massiver Hilfe bei der Propaganda und im Informationskrieg, auch auf internationaler Bühne.

Die Proteste im Iran werden weitgehend als eine Infragestellung des politischen Systems der Islamischen Republik verstanden. Doch sie sind auch eine Bewährungsprobe für Russlands Annahmen darüber, wie viel Kontrolle Partnerschaften mit sanktionierten Staaten tatsächlich bieten können. Die Entwicklungen wirken sich unmittelbar auf Russlands Energieberechnungen, auf seine Fähigkeit zur Finanzierung des Krieges in der Ukraine und auf seine Widerstandsfähigkeit gegenüber westlichem Druck aus. Die Unruhen im Iran offenbaren somit eine Schwachstelle in Moskaus grundsätzlichen strategischen Ansätzen, die Russland wahrscheinlich nur schwer ausgleichen kann.

Sollte sich die politische Richtung im Iran in den kommenden Monaten oder Jahren verändern, ist es unwahrscheinlich, dass das Ergebnis für Moskau günstig ausfällt. Eine solche Veränderung würde die Position Russlands nicht nur im Nahen Osten, sondern auch im Zusammenhang mit dem Krieg in der Ukraine schwächen. Schließlich würde eine Veränderung im Iran eine der wenigen verbleibenden strategischen, unter Sanktionen und Isolation entstandenen Partnerschaften Russlands untergraben. Dementsprechend verwundert es kaum, dass der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj die internationale Gemeinschaft öffentlich dazu aufruft, die Demonstrationen im Iran zu unterstützen und einen politischen Wandel im Iran zu begrüßen.

Für Russland sind die Ereignisse im Iran kein Randthema. Sie stehen in direktem Zusammenhang mit dem künftigen Machtgleichgewicht in Europa und auch mit dem weiteren Verlauf des Ukraine-Krieges.