Der amerikanisch-israelische Angriff auf den Iran bringt Russland in eine äußerst schwierige Lage. Zwar verurteilte das russische Außenministerium das Vorgehen der USA und Israels verbal als „geplanten und unprovozierten Akt bewaffneter Aggression“. Aber auf die Ermordung des iranischen Obersten Führers, Ayatollah Ali Chamenei, reagierte Wladimir Putin nur privat, in einem Beileidstelegramm an seinen iranischen Amtskollegen Masoud Pezeshkian. Der russische Präsident bezeichnete sie als „zynischen Verstoß gegen alle Normen der menschlichen Moral und des Völkerrechts“. Die Attentäter und deren Drahtzieher nannte er jedoch nicht. Warum so zahm?
Einerseits hat Moskau innerhalb von fünfzehn Monaten seinen dritten Verbündeten verloren. Zunächst wurde in Syrien Baschar al-Assad gestürzt, dann folgte die Entführung von Nicolás Maduro in Venezuela und nun der Angriff auf den Iran und die Ermordung von Chamenei. In den beiden letzteren Fällen waren die USA der Hauptakteur.
Donald Trumps Rückkehr ins Weiße Haus war für Putin ein wahrer Glücksfall, denn er fährt einen wesentlich kremlfreundlicheren Kurs als die Vorgängerregierungen.
Andererseits will der Kreml seine Beziehungen mit den USA ausbauen. Moskau verhandelt aktiv mit Washington, auch über die Ukraine. Donald Trumps Rückkehr ins Weiße Haus im Jahr 2025 war für Putin ein wahrer Glücksfall, denn er fährt einen wesentlich kremlfreundlicheren Kurs als die Vorgängerregierungen. Deshalb kann es sich der Kremlchef nicht leisten, die USA so scharf zu kritisieren wie 2011, als Putin – damals russischer Ministerpräsident – die von Barack Obama verantwortete Militäroperation in Libyen zur Entmachtung des langjährigen Diktators Muammar Gaddafi einen „neuen Kreuzzug“ nannte.
Heute befindet sich der Kremlchef in einer deutlich angreifbareren Position. Mit Maduro hatte er noch im vergangenen Mai ein Abkommen über eine strategische Partnerschaft unterzeichnet. Doch Putin verzichtete darauf, die Entführung Maduros selbst zu kommentieren.
Zweifellos wird Putin im Konflikt im Nahen Osten am Ende gezwungen sein, Partei zu ergreifen. Doch für Russland, das trotz verschiedener Meinungsverschiedenheiten normale Beziehungen sowohl zum Iran als auch zu den Vereinigten Staaten und Israel unterhält, wäre es wünschenswert, dies möglichst lange zu vermeiden.
Der Kreml hat auch kein Interesse an einer weiteren Eskalation zwischen der Islamischen Republik und den arabischen Staaten des Persischen Golfs. Denn Moskau hat seit Beginn des Krieges gegen die Ukraine aufgrund seiner Isolation durch westliche Sanktionen seine Beziehungen zur arabischen Welt weiter gestärkt. Insbesondere der Handel zwischen Russland und den Vereinigten Arabischen Emiraten wuchs bereits 2022 um 68 Prozent auf neun Milliarden US-Dollar. 2025 wird er voraussichtlich zwölf Milliarden US-Dollar übersteigen. Die Emirate sind zu einem der zehn größten Handelspartner Moskaus avanciert.
Das Volumen der russisch-iranischen Wirtschaftsbeziehungen liegt lediglich bei vier bis fünf Milliarden US-Dollar, doch Iran wurde unmittelbar nach dem Einmarsch in die Ukraine zu Russlands wichtigstem Waffenlieferanten. Der Kreml hat unter anderem mit dem Erwerb iranischer Shahed-136-Drohnen begonnen. Im Gegenzug begnügte sich Teheran mit russischer diplomatischer Unterstützung in verschiedenen internationalen Foren, etwa im UN-Sicherheitsrat und bei der Internationalen Atomenergie-Organisation.
Moskau hat gegenüber Teheran keine militärischen Verpflichtungen. Die russisch-iranische Zusammenarbeit hat sich nicht zu einem Militärbündnis entwickelt. Laut dem im Januar 2025 unterzeichneten umfassenden strategischen Partnerschaftsvertrag zwischen Russland und Iran besteht die einzige Verpflichtung der Vertragspartner im Kriegsfall darin, nicht Partei für den Feind des jeweils anderen zu ergreifen. Anders als Nordkorea hat Iran keine Truppen in den Ukrainekrieg entsandt. Tatsächlich hat Iran bisher nicht einmal offiziell bestätigt, Moskau mit Waffen für dessen Krieg gegen Kiew zu beliefern, und betont immer wieder sein Bekenntnis zur territorialen Integrität der Ukraine.
Teheran weiß seit dem Krieg zwischen Iran und Israel im vergangenen Jahr, dass es bestenfalls auf diplomatische Unterstützung Russlands hoffen kann.
Umgekehrt weiß auch Teheran seit dem Krieg zwischen Iran und Israel im vergangenen Jahr, dass es bestenfalls auf diplomatische Unterstützung Russlands hoffen kann. Die Waffenlieferungen an Iran sind begrenzt, da Moskau selbst moderne Waffensysteme benötigt, um seine Ziele in der Ukraine zu erreichen. Und die russischen Waffen, die der Iran erhält, sind nicht geeignet, den Verlauf der militärischen Auseinandersetzung zwischen der Islamischen Republik und ihren Gegnern zu beeinflussen.
Im letzten Jahr warfen iranische Offizielle Russland sogar vor, die Lieferungen gezielt einzuschränken oder seine Verpflichtungen überhaupt nicht zu erfüllen. Sie wollten beweisen, dass der Kreml Israel und nicht den Iran unterstütze. Diese Behauptungen waren teilweise berechtigt, da Moskau in der Tat verhindern wollte, dass russische Waffen nennenswerten Schaden an der israelischen oder der amerikanischen Infrastruktur anrichten.
In den letzten Jahren hat Russland in verschiedenen Foren, denen auch der Iran angehört – von BRICS bis zur Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit –, die Bildung einer neuen internationalen Ordnung verkündet, in der dem sogenannten Globalen Süden eine besondere Rolle zukommen soll. Tatsächlich zeigt sich jedoch, dass die USA Führer von Ländern des Globalen Südens ungestraft eliminieren können, während Moskau, das eine Führungsrolle in diesem Teil der Welt anstrebt, tatenlos zusieht. Weder im Fall der Entführung Maduros noch bei der Ermordung Chameneis gab es eine einheitliche Linie der Länder des Globalen Südens.
Im Nahen Osten sind Stärkedemonstrationen das Einzige, was wirklich respektiert wird. Noch vor zehn Jahren präsentierte Putin stolz die Erfolge russischer Waffen in Syrien, als er seinem Verbündeten Assad zu Hilfe kam. Damals bestimmten Moskau und Washington gemeinsam die Zukunft Syriens und der gesamten Region. Heute demonstriert Putin Schwäche. Er ist nicht mehr in der Lage, seinen Verbündeten beizustehen oder auf Augenhöhe mit den USA zu verhandeln. Das beharrliche Schweigen des Kremls gegenüber Trump und Putins Unfähigkeit, sich offen gegen das Weiße Haus zu stellen, bedeuten für Moskau einen schweren Gesichtsverlust. Und je länger der bewaffnete Konflikt zwischen Iran, den USA und Israel andauert, je vernichtender er mit einer Niederlage der Mullahs enden wird, desto schwerwiegender wird der Imageschaden für den Kreml sein.




