Der Nahe Osten steht am Beginn eines neuen Krieges – womöglich der folgenschwersten militärischen Auseinandersetzung im Nachgang des 7. Oktober 2023. Wie zwei Schnellzüge rasen die Vereinigten Staaten und der Iran aufeinander zu. Wann es kracht, entscheidet sich in Stunden, Tagen, maximal Wochen. Die Sterne stehen schlecht, dass sich der große Knall noch aufhalten ließe.

Dabei besteht keinerlei Notwendigkeit für diesen Krieg. Aus Sicht der Amerikaner handelt es sich nahezu um einen war of choice. Iran wird nicht angegriffen, weil das Land so gefährlich wäre. Im Gegenteil: Nie war die Islamische Republik schwächer als heute. Es geht darum, das waidwunde Tier, seit Jahrzehnten Erzfeind Washingtons und Tel Avivs, einen der kecksten Herausforderer der amerikanischen Weltordnung, zur Strecke zu bringen. Der Krieg ist eine Hochrisikowette auf eine geopolitische Wende im Herzen Eurasiens. Der Zusammenbruch der Islamischen Republik wäre für den Nahen Osten die größte geopolitische Zäsur seit dem Ende der Sowjetunion.

Kaum noch eine Rolle spielt die Legalität. Völkerrecht isch over. Während die Israelis ihrem Angriff im Juni immerhin noch das Gepränge eines halblegalen Präemptivschlags gaben, bemüht sich Washington nicht einmal im Ansatz um irgendeine legalistische Volte. Es ist ein Vorgeschmack auf die schöne neue Wolfswelt. Die Starken tun, was sie können, und die Schwachen erleiden, was sie müssen. Das Signal an die Staatengemeinschaft lautet: Legt euch nicht mit Großmächten an. Und wenn ihr es tut, so sorgt rechtzeitig für eure nukleare Überlebensversicherung. Eine 30-jährige atomare Hängepartie wie Teheran wird sich künftig kaum jemand leisten wollen.

Doch auch die Amerikaner sind Getriebene ihrer selbst. Die aufgebaute Drohkulisse – der größte Truppenaufmarsch der Weltmacht seit dem Irakkrieg 2003 – ist so gigantisch, dass selbst der maximal erratische Trump nun kaum noch zurückkann. In den weiterlaufenden Verhandlungen fordert Washington de facto die sicherheitspolitische Kapitulation der Iraner. Politikfähig ist das Regime, bereit zur Selbstaufgabe jedoch nicht. In der in Teheran vorherrschenden Denke führen Zugeständnisse zu immer weitergehenden Forderungen. Was Amerika anbietet, ist der Tod durch 1 000 Nadelstiche. Dann doch lieber der große Knall.

Entgegen dem Klischee von den irren Mullahs handelte der Iran in den letzten zweieinhalb Jahren  durchaus kalkuliert.

Entgegen dem Klischee von den irren Mullahs handelte der Iran in den letzten zweieinhalb Jahren nämlich durchaus kalkuliert. Zu kalkuliert womöglich. Gegenüber Israel war Teheran sorgsam um Deeskalation bemüht. Das Feuer sollte geschürt werden, die Israelis beschäftigt, aber bitte ohne unkontrollierbaren Großbrand. Vergeltungsschläge waren sorgsam choreografierte Showeinlagen, vorher dem Feind telegrafiert, damit möglichst wenige zu Schaden kommen. Gesichtswahrung bei gleichzeitiger Selbstdemontage der eigenen Abschreckungsdoktrin. Optimisten nannten das „strategische Geduld“, beim Gegner kam eher Furcht und Unfähigkeit an.

Zumindest die Signale sind diesmal andere. Das Regime wähnt sich im Endkampf um die eigene Existenz. Die Sicherheitskräfte sind im Alarmzustand, konkrete Szenarien bis hin zu Nachfolgeregelungen werden durchgespielt. Khamenei selbst bereitet sich auf den Märtyrertod vor. Anders als die entideologisierten arabischen Operettenkleptokratien bleibt die Islamische Republik auch im fünften Jahrzehnt ihrer Existenz eine im Kern hochideologische Unternehmung.

Statt Choreografie soll diesmal auf maximale Eskalation gesetzt werden. Dass es sich nicht nur um blumige persische Rhetorik, sondern um den Ernstfall handelt, davon zeugt womöglich auch die gezielten Tötungen der Protestierenden. Gefangene wurden diesmal nicht gemacht. Weit über 30 000 Tote, so jedenfalls lauten die maximalen Schätzungen mancher Menschenrechtsaktivisten. Eine solche Zahl lässt sich nur erklären, wenn Massenmord und nicht allein Einschüchterung das Ziel war. Der Gesellschaftsvertrag ist damit endgültig zerbrochen. Ein Zurück zum Status quo ante ist verbaut.

Für das Regime ist all dies ein Spiel mit dem Feuer – wenn auch aus der Eigenperspektive zunehmend alternativlos. Militärisch ist die Angelegenheit fast schon grotesk unausgewogen. Sollte es schlecht laufen, dürften Teheran nach der Eröffnungssalve der amerikanischen Seite kaum mehr als ein, zwei Wellen der Vergeltung bleiben. Allerdings laufen Kriege in aller Regel nicht wie angenommen. Und wie gerade Washington wissen sollte, werden sie eben nicht allein militärisch entschieden, sondern politisch, gesellschaftlich und psychologisch.

Darin liegt Teherans Chance: Amerikas Schmerztoleranz ist viel geringer.

Die Achillesferse der Weltmacht besteht darin, dass sie über eine Armee verfügt, die fast alles kann – außer Verluste zu ertragen. Darin liegt Teherans Chance: Amerikas Schmerztoleranz ist viel geringer. Jeder tote Amerikaner geht auf das Konto des Erratikers-in-chief, der sich noch nicht einmal bequemt, seinem eigenen Volk die vermeintliche Notwendigkeit näherzubringen. Wofür sterben hier eigentlich Amerikaner? Umfragen zufolge sind rund 70 Prozent der US-Wähler gegen den Krieg. Selbst Experten sind sich unsicher, worum es Washington tatsächlich geht: Das angeblich bereits zerstörte Atomprogramm, die ballistischen Raketen oder doch Regime Change?

Als Erinnerung: Trump war eigentlich angetreten als Kritiker des Irakkrieges, die Forever Wars und die Regime Change-Fantastereien wollte er beenden. Viel war die Rede von der Hinwendung nach Asien, der Fokussierung auf die westliche Hemisphäre. In der erst kürzlich erschienenen Nationalen Sicherheitsstrategie wird dem Non-Interventionismus das Wort geredet. Das Leitprinzip scheint vielmehr Prinzipienlosigkeit zu sein – ein ideologisches Irrlichtern, bei dem alles möglich ist, solange es politisch opportun erscheint.

Die amerikanische Hochrisikowette findet in der Region jedoch kaum Mitspieler. Die geopolitische Gemengelage hat sich um fast 180 Grad gedreht. Der saudische Kronprinz läuft Sturm gegen die kaum noch abwendbare Konfrontation. Die Region sieht sich als Hauptleidtragende, in fast jedem Szenario bezahlt sie den höchsten Preis.

Da ist zum einen die Eskalationsproblematik. Die vier H: Hormoz, Huthis, Hisbollah, Hashd al-Shaabi. Wie weit ließe sich das iranische Milizen-Imperium noch mobilisieren? Zumal wenn das Mutterschiff in existenzielle Nöte geriete. Würde Iran gar die Samson-Option, eine Verminung der Straße von Hormoz, in Betracht ziehen – dieser für den globalen Seeölhandel womöglich wichtigsten Meerenge?

Chaos und Verwüstung sind jedoch längst nicht die einzigen Bedenken der sich herausbildenden pan-muslimischen Regionalallianz unter Führung von Riad und Ankara. Die Islamische Republik erfüllt für die muslimischen Regionalmächte eine Funktion: politisch schwach, eingehegt und vermeintlich kontrollierbar. Die neue Konfrontation findet nicht mehr primär zwischen Saudi-Arabien und dem Iran statt, sondern zwischen einer Achse der Stabilisierung – Riad, Ankara, Kairo, Islamabad, Doha und Damaskus – und einer Achse der Disruption, die Tel Aviv und Abu Dhabi eint.

Für die muslimischen Regionalstaaten ist Israels militärische Vorherrschaft längst die größere Sicherheitsbedrohung als der Iran. Ein pro-westlich gewendeter Iran würde weder Türken noch Saudis freuen. Zugleich wäre der 90-Millionen-Koloss Iran, einmal frei von Sanktionen, selbst ein natürlicherer Hegemon als die angeknackste Islamische Republik – mit eigenen Ambitionen, die nicht zwingend kompatibel mit den Interessen der Region wären.

Revolutionäre Umsturzregime neigen seit jeher zu politischen Übersprungshandlungen. Ein Iran, der nach Jahrzehnten der islamistischen Verelendung seinen Platz an der Sonne einforderte, wäre nicht per se ein friedlicher Staat. Die Ressentiments, die Teile der Diaspora gegenüber Arabern, Türken und Kurden artikulieren, lassen wenig Anlass zur Hoffnung, dass eine Rückkehr etwa zur Pahlavi-Dynastie in der Region auf Begeisterung stoßen würde.

Dass es infolge eines Krieges zu einem reibungslosen Übergang hin zu einer pro-westlichen Monarchie oder Demokratie käme – daran glauben nur die wenigsten.

Dass es infolge eines Krieges zu einem reibungslosen Übergang hin zu einer pro-westlichen Monarchie oder Demokratie käme – daran glauben nur die wenigsten. Wahrscheinlicher ist ein Szenario, das sich als „Super-Syrien“ beschreiben lässt. Also zumindest teilweiser und temporärer Staatszerfall und bürgerkriegsartige Zustände im multiethnischsten Staat der Region. Dabei ist es äußerst unwahrscheinlich, dass den Iranern das Privileg vergönnt wäre, ihre politischen Händel selbst auszufechten. Iran ist als natürlicher Hegemon viel zu wichtig, um hier die Dinge laufen zu lassen. Vielmehr würden sich die Regionalmächte – schon allein aus Selbsterhaltungstrieb – auf den Kadaver der Islamischen Republik stürzen. Das Ergebnis könnten Jahre, wenn nicht Jahrzehnte des Bürgerkriegs, zumindest der extremen Instabilität sein. Mit massenhaft Opfern und Flüchtlingsströmen, die dann auch die Nachbarstaaten destabilisieren und Europa erreichen würden.

Ein Alptraumszenario. Das freilich nicht so kommen muss. Verantwortliche Politik sollte sich allerdings nicht von Wunschdenken leiten lassen, sondern solche Risiken miteinkalkulieren. Wenig deutet darauf hin, dass dies in Washington geschieht. Hier spielen Hasardeure mit dem Feuer. Wiederholungstäter noch dazu. Sie würden die „Drecksarbeit“ besorgen, für die auch Europa, wenn es schiefgeht, einen Preis zahlen wird. Die Folgen der letzten Flüchtlingskrise sind bis heute nicht verdaut. Was könnte schon schiefgehen?

Zur Wahrheit gehört: Die Islamische Republik ist ein im Niedergang begriffenes Staatswesen. Sie ist dabei, ihr eigenes Volk vollends zu verlieren. Sicherheitspolitisch kann dieser Niedergang jedoch gemanagt werden. Es gibt keinerlei Gefahr, die sich nicht auf dem Verhandlungswege eindämmen ließe. Für die Hochrisikowette eines sich jetzt anbahnenden Krieges besteht insofern keine zwingende Veranlassung.

Die intelligenteren Teile der islamistischen Eliten werden begriffen haben, dass ein Weiter-so spätestens nach dem Ableben des Obersten Revolutionsführers keine Option ist. Der Krieg, der nun auszubrechen droht, ist ein Vabanquespiel mit extrem hohen Einsatz.