Lesen Sie diesen Artikel auch auf Englisch.

Bernie Sanders hat seinen Wahlkampf um die Präsidentschaftskandidatur der Demokraten beendet und unterstützt mittlerweile seinen einstigen Rivalen Joe Biden. Das Ende von Sanders' Kampagne ist eine Tragödie, weil er in praktisch allen Punkten Recht hatte. Er hatte schon in den 1970er Jahren Recht, als er von Anfang an eine komplette Umstrukturierung des amerikanischen Gesundheitssystems forderte. Er hat noch heute Recht, denn die Pandemie strapaziert die mageren Reserven von vielen Millionen Bürgerinnen und Bürgern bis zur Belastungsgrenze, womöglich bis zu ihrem Tod. Er hatte Recht, als er in einem politischen Klima der Selbstzufriedenheit der einzige Schwarzmaler war. Er hat heute Recht, wenn es ihn als einzigen Politiker nicht weiter überrascht, wenn Pharmafirmen mit Hilfe des Kongresses aus einer tödlichen Krankheit Profit schlagen. In der Politik wie im Leben wird nicht unbedingt belohnt, wer Recht behält, aber zumindest hat es eine gewisse Würde.

Und um Würde ging es Bernie Sanders in beiden seiner Wahlkämpfe um die Präsidentschaftskandidatur. Ihm lag nicht nur die menschliche Würde im Allgemeinen am Herzen – und Sanders‘ hartnäckige Fokussierung auf das trostlose Leben der Armen, Kranken und Entrechteten in den USA ist der vielleicht größte Tribut an die Menschenwürde in der modernen politischen Geschichte –, sondern auch die tägliche, persönliche Würde, die wir einander zugestehen, jedes Mal, wenn wir die Wahrheit sagen. Bernie Sanders ist kein Lügner, ist es nie gewesen. Seine bemerkenswerte Beständigkeit über die Jahrzehnte, seine berühmt-berüchtigte Direktheit und seine offene Verachtung für Speichellecker in der Politik sind lediglich Ausdruck dieses wichtigen Tatbestands. Mit seinen Eigenschaften passte er nie so richtig nach Washington; sie verhalfen ihm aber zu seiner Bewegung.

Seit fast dreißig Jahren, so lange ist er schon im Kongress, findet Sanders deutliche Worte dafür, dass Geld die amerikanische Demokratie abwürgt. Reiche Einzelpersonen, die stark an der Aushebelung egalitärer Politik interessiert sind, spenden für Wahlkämpfe, Lobbygruppen, Universitäten und Think Tanks, um die Loyalität der Volksvertreter zu kaufen und den Gesetzgebungsprozess zu ihren Gunsten zu beeinflussen. Diese Oligarchen – die Koch-Brüder, die Mercers, Michael Bloomberg und andere mehr – üben eine Kontrolle über unsere Politik aus, die über die Macht der einzelnen Wählerstimme weit hinausgeht.

Bernie Sanders zufolge ist dieser Leviathan nur mit der Macht der Masse zu bekämpfen. Im Jahr 2019 überwiesen Einzelspender aus allen fünfzig Bundesstaaten der Sanders-Kampagne um die 96 Millionen Dollar, ohne exklusive Spendenveranstaltungen, ohne Kungelei in den Hamptons oder Katzbuckelei vor Milliardären. Sanders weiß besser als jeder andere auf dem Capitol Hill, dass man sich gegen Menschen, die einem Schecks ausstellen, nicht zur Wehr setzen kann. Er war nur der Einzige, der bereit war, das auszusprechen und seine Schlüsse daraus zu ziehen.

Sanders weiß besser als jeder andere auf dem Capitol Hill, dass man sich gegen Menschen, die einem Schecks ausstellen, nicht zur Wehr setzen kann.

Auch was die ungeschminkten Fakten des amerikanischen Lebens in einer Epoche anging, in der sich Liberale mit ungewohnter Nostalgie nach der Vergangenheit sehnten, war Sanders ehrlich. Als Hillary Clinton 2016 im Gegensatz zu Donald Trump von der Prämisse ausging, dass Amerika schon groß ist, widersprach er ihr. In Amerika, erklärte er, plünderten die Starken die Schwachen ungestraft aus, besonders, wenn es gegen die Arbeiterschaft gehe und erst recht, wenn die Arbeitskräfte Einwanderer ohne Papiere, weiblich, arm, krank oder in einer prekären Situation seien.

Und während Joe Biden einen Wahlkampf vorbereitet, der weitgehend auf der Illusion einer Rückkehr zum Normalzustand beruht (also in die Obama-Jahre), sieht Sanders die letzte Regierung weiterhin kritisch. Die Rettungsmaßnahmen der Bundesregierung für die Wall Street in der Finanzkrise 2008 seien eine Katastrophe gewesen, die die Übeltäter im Finanzsystem belohnten, und die Nachwehen der Rezession belasteten Durchschnittsamerikaner bis heute mit Schulden, Armut und stagnierenden Löhnen.

Nichts davon hört man gern. Und Sanders tat sich ja auch nie als besonders einschmeichelnder Redner hervor. Oft wurde in den vergangenen Jahren seine Lautstärke, seine Wut, seine undiplomatische Direktheit kommentiert. Aber auch sie sind lediglich ein Beleg für seinen Respekt vor den Wählerinnen und Wählern.

Es gibt so wenig Freiheit in der Welt. Sogar hier und heute, in unserer gefeierten liberalen Demokratie, ist verglichen mit ähnlich hoch entwickelten Ländern die soziale Mobilität massiv eingeschränkt, und wir können offenbar wenig dagegen ausrichten. Eine Freiheit aber, die einem niemand nehmen kann, ist die Freiheit, den Status quo nicht zu mögen, die Freiheit, wütend, unzufrieden, unbeeindruckt zu sein, die Weigerung, sich mit kleinen Zugeständnissen ohne wirkliche Einflussmöglichkeit bequatschen, trösten oder aufmuntern zu lassen. Bernie Sanders, übellaunig und ohne Geduld für Höflichkeitsfloskeln, verkörperte diese Freiheit und machte sie uns zum Angebot.

Das soll nicht heißen, dass man in der Politik oder im Leben bekommt, was man will: Bernie Sanders hat nicht gewonnen. Aber er hat nie gelogen, tat nie so, als gefiele ihm dieser so offenkundig perfide Zustand, überredete niemanden dazu, sich damit zu abzufinden. Bis zum Ende hatte er Recht, lehnte es ab, sich mit den Kräften zu arrangieren, die ihn schließlich überholten. Es fällt schwer, ihn gehen zu sehen. Aber zumindest geht er mit erhobenem Kopf.

Aus dem Englischen von Anne Emmert

(c) The New York Times