Die Zusammenarbeit hätte nicht besser sein können. Der Sicherheitsberater des amerikanischen Präsidenten und der Papst im geopolitischen Gleichschritt. Ein kongeniales Paar, beide kommunizieren sogar in derselben Sprache. Und sie haben ein gemeinsames strategisches Ziel: die Ideologie des Gegners zu Fall zu bringen. So geschehen vor etwa einem halben Jahrhundert. Der Sicherheitsberater war Zbigniew Brzeziński, der Papst Johannes Paul II., die gemeinsame Sprache war Polnisch und das strategische Ziel die Beendigung des Marxismus-Leninismus. Was auch gelang.

Seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges haben die Präsidenten der USA und die Oberhäupter der Katholischen Kirche vorausschauend und pragmatisch zusammengearbeitet. Die USA öffneten sich, übernahmen internationale Verantwortung, und für das Weiße Haus war der Vatikan ein strategischer außenpolitischer Partner. Menschenrechte und ein friedliches Miteinander verband die beiden. Sicherlich gab es auch Unstimmigkeiten, wie sollte es auch anders sein, wenn weltliche und religiöse Ansätze aufeinanderprallen.  

Von diesen Gemeinsamkeiten ist nun nur noch die Sprache geblieben. Ansonsten liegen die beiden prominentesten Amerikaner weltweit im Streit. Der amerikanische Präsident ist nicht der Meinung, dass Papst Leo XIV. „einen guten Job machen würde“, stattdessen solle er sich lieber „zusammenreißen“. Und überhaupt sei er „kein Fan von Papst Leo“. Trumps Vize J. D. Vance, mit der Autorität eines erst vor sieben Jahren zum Katholizismus Übergetretenen, riet dem Papst gar, er „solle vorsichtig sein, wenn er über theologische Fragen spricht“. Der Papst erwiderte kühl, er habe keine Angst vor der Trump-Administration.

Dieser persönliche Zwist ist wenig verwunderlich. Leo XIV. ist nicht das konservative Kirchenoberhaupt, das sich das vor allem weiße Christentum in den USA vorgestellt hat. Im Gegenteil: Für das Weiße Haus ist Leo der Anti-Papst, ein Liberaler, vielleicht sogar ein Linker. Denn der als Robert Francis Prevost Geborene steht genauso wie sein Vorgänger im Amt der Befreiungstheologie nahe, die sich global für soziale Gerechtigkeit einsetzt und seine Wurzeln in Lateinamerika hat. Er steht für die Ideen einer multilateralen Ordnung und nicht für eine Welt der großen Militärmächte, die, wie im Falle der USA, diese Ordnung sogar religiös zu untermauern versuchen.

Das religiös-politische Beben hat Auswirkungen auf die Innenpolitik der USA.

Das religiös-politische Beben hat Auswirkungen auf die Innenpolitik der USA. In diesem Jahr feiern die USA ein Vierteljahrtausend Staatlichkeit. Was eigentlich als ein Triumph für die Präsidentschaft von Donald Trump in die Geschichte eingehen sollte, droht nun überschattet zu werden von einem Duell zwischen Präsident und Papst. Es ist eine Abkehr von der Politik der Republikaner, die sich unter der Präsidentschaft von Ronald Reagan in den 1980er Jahren mehr und mehr in eine religiöse Rechte verwandelt hatten. Sie erkannten in der damals sehr konservativen katholischen Kirche einen genuinen Partner. Präsident George W. Bush verlieh Papst Johannes Paul II. sogar die Freiheitsmedaille, die höchste Auszeichnung für einen Zivilisten.

Viele amerikanische Katholiken zählen zur religiösen Rechten, zu der auch weiße christliche Nationalisten gehören. Unter diesen dominieren die Evangelikalen sowie konservative und bibeltreue Christen. Sie wählten Trump zu einem nicht geringen Teil ins Amt. Dafür hat er in seiner ersten und zweiten Amtszeit geliefert. Er berief sehr konservative Richter ins Oberste Gericht, wodurch die Rücknahme einer Entscheidung von 1973 möglich wurde, die es Frauen freistellte, eine Abtreibung vorzunehmen. Außerdem hat er unweit des Oval Office im Weißen Haus ein Glaubensbüro eingerichtet und zudem eine Sondereinheit gegen antichristliche Vorurteile ins Leben gerufen. Sie soll dafür sorgen, dass die Diskriminierung christlicher Überzeugungen geahndet wird.

Und dennoch: Es sind Teile der 53 Millionen erwachsenen Katholiken in den USA – die noch vor zwei Jahren bei den Präsidentschaftswahlen zu 60 Prozent Trump unterstützt hatten –, die nun das aus ihrer Sicht empörende Verhalten und das skandalöse Vorgehen des Präsidenten kritisieren. Zum einen aufgrund seiner Äußerungen zum Iran, als er die Auslöschung einer ganzen Zivilisation androhte, zum anderen aufgrund des brutalen Vorgehens gegen Immigranten, aber auch aufgrund der von Trump verbreiteten KI-Bilder, die ihn sowohl als Jesus Christus zeigen als auch als Papst. Das sind keine Zufälle. Seit dem Attentat auf ihn kurz vor den Präsidentschaftswahlen sieht seine engste Gefolgschaft ihn als einen Auserwählten – er selbst tut das offenbar auch. Die Leiterin seines Glaubensbüros, Pfarrerin Paula White Cain, vergleicht ihn mit Jesus Christus. Trump sei „betrogen und fälschlich angeklagt worden“, ähnlich wie „unser Herr und Retter“.

Umfragen zeigen, dass die hartgesottenen religiösen Unterstützer des Präsidenten ihm ihre Gefolgschaft nicht aufkündigen – trotz all seiner Widersprüche.

Umfragen und Statistiken zeigen, dass die hartgesottenen religiösen Unterstützer des Präsidenten ihm ihre Gefolgschaft nicht aufkündigen – trotz all seiner Widersprüche. Dies sind vor allem weiße christliche Nationalisten, für die weiße Maskulinität mit amerikanischem Individualismus und christlichem Glauben zusammenkommt. Gewalt, ob sprachlich oder physisch, ist nicht unbedingt ausgeschlossen, sofern sie gegen den Anderen, gegen den Feind gerichtet ist. Trump tut dies verbal. Und sein Kriegsminister Pete Hegseth erwartet das von seinen Kriegern. So predigt er „überwältigende Gewalt gegen diejenigen, die keine Barmherzigkeit verdienen“. Die Wählerschaft, für die diese Worte gemünzt werden, wohnt vor allem in Wahlbezirken, die ohnehin klar für die Republikaner stimmen.

Dabei ist es völlig unwichtig, dass nach einer aktuellen Umfrage von Pew Research sieben von zehn Amerikanern der Meinung sind, Trump sei nicht sehr oder gar nicht religiös. Gleichwohl: Anders sieht dies bei den katholischen Wählern aus, insbesondere bei den weißen Katholiken. Sie machen etwa mehr als zehn Prozent der Gesamtbevölkerung aus, sind aber in einigen Swing States überrepräsentiert. Das gilt für Pennsylvania und Wisconsin mit einem doppelt so hohen prozentualen Anteil. Sie sind Teil einer Wechselwählerschaft, die der Wahlanalyst Elliott Morris als „geborgte Wählerinnen und Wähler“ bezeichnet, die jederzeit zu den Demokraten zurückkehren könnten. Bei ihnen hat die Zustimmung zu Trump abgenommen, über die Hälfte stimmen mit seiner Politik im Iran sowie mit der Behandlung von Migranten und dem Streit mit dem Papst nicht mehr überein. Diese Entwicklung könnte gravierende Auswirkungen auf die Zwischenwahlen haben.

Die Kritik des Papstes, dass das „Herz unseres Vaters nicht mit den Bösen, den Arroganten und den Stolzen ist“, trifft die Administration hart. Zumal sowohl Vizepräsident Vance sowie Außenminister und Sicherheitsberater Rubio als auch sechs von neun Richtern des Obersten Gerichts Katholiken sind. Als der polnische Papst Johannes Paul II. 1979 bei seinem Besuch im kommunistischen Polen den Boden küsste, kommentierte Ronald Reagan, ein Jahr vor seinem Amtsantritt, süffisant, dass „Religion möglicherweise die sowjetische Achillessehne“ sein könnte. Während der Papst in dem Mittel aus Zu- und Ablehnung bei den Amerikanern bei plus 34 Punkten liegt, kommt der Präsident auf minus 12 Punkte. Könnte es sein, dass Papst Leo und die katholische Kirche die Achillessehne für Donald Trump sind?