Vor einigen Tagen haben der Präsident der Deutschen Bundesbank Jens Weidmann und sein französischer Amtskollege François Villeroy de Galhau die Berufung eines Euro-Finanzministers und die Schaffung einer „Finanzierungs- und Investitionsunion“ gefordert. Der Vorschlag hat für einiges Stirnrunzeln gesorgt, denn die Bundesbank ist ansonsten dafür bekannt, stets eindringlich vor den „Gefahren der Vergemeinschaftung von Finanzrisiken“ zu warnen. Und das nicht erst seit der Eurokrise, sondern seit mindestens drei Jahrzehnten.

Mit seinem Richtungswechsel liegt der Bundesbankchef, der früher auch europapolitischer Berater der Bundeskanzlerin war, freilich voll im Trend. Vor nicht einmal einem halben Jahr haben Sigmar Gabriel und sein französischer Amtskollege Emmanuel Macron ganz ähnliche Vorschläge erarbeitet – von Wolfgang Schäuble ganz zu schweigen. Bekanntlich spricht dieser seit geraumer Zeit von einem Euro-Finanzminister mit eigenem Budget und sogar einer EU-Steuer.

Sind sich also alle einig? Ganz so einfach ist es nicht. Das Hauptproblem dieses Lösungsvorschlags ist, dass die Debatte zur Reform des Euro weiterhin als rein technische Debatte (dazu eine aktuelle FES-Studie) unter Experten geführt wird. Die Bürgerinnen und Bürger bleiben außen vor. Dabei geht es meist um die „Konstruktionsfehler“ und die „Funktionsfähigkeit der Währungsunion“ und gerne auch um „automatische Stabilisatoren“.

Wenn aber die vergangenen Jahre des Euro-Krisenmanagements einen Schluss zulassen, dann den, dass technokratische Lösungen demokratischer Verantwortlichkeit entgegenstehen. Am Ende der Technokratie stehen Lösungen, die niemand wirklich versteht – außer handverlesene Expertinnen und Experten in den europäischen Finanzministerien. Die Folge: Im Ernstfall tragen die Verantwortung alle – also niemand.

Griechenland oder Großbritannien fallen aus der Eurozone? Ein #Graccident oder ein #Brexident. Eine Arbeitslosenquoten von über 20 Prozent in Südeuropa und der Bruch von Fiskalregeln? Unfälle. Alle sind zwar irgendwie beteiligt, aber niemand trägt wirklich die Verantwortung.

Richtig ist, dass wir einen europäischen Finanzminister brauchen, der Ordnung schafft. Und wir brauchen einen europäischen Finanzminister, der hin und wieder (oder automatisch) den Geldsäckel aufmacht. Wir brauchen auch nationale Strukturreformen, aber vor allem brauchen wir einen Euro-Finanzminister, den die Bürgerinnen und Bürger Europas abwählen können.

Das wäre eine wirkliche Weiterentwicklung und ein mutiger Schritt. Denn können wir überhaupt jemanden abwählen in der Europapolitik? Den Präsidenten des Europäischen Rates? Den Präsidenten der Euro-Gruppe? Den Präsidenten der Europäischen Zentralbank? Dreimal Nein.

Trauen wir es uns also doch zu. Wählen wir einen Euro-Finanzminister, der den Geldhahn auf- und zudrehen kann – automatisch, quasi-automatisch oder freihändig. Das wäre gut für die Eurozone. Die nämlich kann als Gemeingut nur funktionieren, wenn nationale Nullsummenspiele überwunden werden. Unter den 19 Mitgliedstaaten der Eurozone muss es mindestens eine Institution geben, die an alle denkt. Faktisch leben wir längst in einer Transferunion. Es wird deshalb höchste Zeit für einen demokratisch legitimierten Euro-Finanzminister, der die Verantwortung trägt.