Das Ende des Kalten Krieges kam für viele in der liberal-demokratischen Welt überraschend. Zwar hatten die US-amerikanischen Geheimdienste bereits in den 1980er Jahren festgestellt, das sowjetische System befinde sich im Niedergang. Doch das Ausmaß und das Tempo des Zusammenbruchs der UdSSR konnten nicht vorhergesehen werden. Viele Politiker und Beobachter hatten die bipolare Blockkonfrontation zwischen den Vereinigten Staaten und der Sowjetunion als festen Bestandteil der geopolitischen Landschaft verstanden und verinnerlicht. Als diese Konfrontation zu Ende ging, war es entsprechend schwierig, Prognosen über die zukünftige Weltordnung zu stellen.

Doch es gab einige, die es dennoch wagten. Der Politikwissenschaftler Samuel P. Huntington von der Harvard University argumentierte 1993, nach dem Ende des Kalten Krieges seien „die Bruchlinien zwischen Zivilisationen die zentralen Konfliktlinien globaler Politik“ geworden – und somit Ausgangspunkt für neue Krisen und Blutvergießen. In seiner berühmten These vom „Kampf der Kulturen“ prophezeite Huntington, es werde zu globaler Anarchie in Folge der Spannungen zwischen acht Zivilisationen kommen: „westlich, konfuzianisch, japanisch, islamisch, hinduistisch, slawisch-orthodox, lateinamerikanisch und möglicherweise afrikanisch.“ Seiner Ansicht nach würden unüberwindbare kulturelle, religiöse und politische Unterschiede zwischen diesen Zivilisationen unweigerlich zu neuen Konflikten führen.

Huntingtons Argumentation stützte sich auf mehrere Annahmen, darunter die Vorstellung, dass bestimmte „Zivilisationen“ grundsätzlich weniger fähig seien, liberal-demokratische Prinzipien und Institutionen zu übernehmen als andere. Huntington baute damit teilweise auf Francis Fukuyamas These auf, die Welt werde nach dem Kalten Krieg eine universelle Verbreitung der westlichen liberalen Demokratie erleben. Sie sei die „endgültige menschliche Regierungsform“. Fukuyama räumte ein, dass dieser Demokratisierungsprozess keineswegs reibungslos oder unausweichlich verlaufen werde – natürlich gebe es in vielen Ländern kulturelle und institutionelle Hindernisse für eine liberale Demokratie. Er teilte aber weder Huntingtons Ansicht, dass diese Hindernisse unüberwindbar seien, noch glaubte er, dass die Welt dazu verdammt sei, in einem ewigen zivilisatorischen Konflikt zu verharren.

Der Hauptkonflikt besteht nicht zwischen rivalisierenden „ethnischen Identitäten und Animositäten“.

Diese Auseinandersetzung ist heute aktueller denn je. Wem fühlen sich die Menschen stärker verbunden oder verpflichtet: Zivilisation oder Ideologie? Die Antwort auf diese Frage ist von großer Tragweite. Aktuell scheinen der Aufstieg Chinas und seine Konfrontation mit den USA, die Rückkehr des russischen Imperialismus und viele weitere globale Entwicklungen (nicht zuletzt der Krieg im Iran) die Vorstellung zu stützen, wir lebten im zivilisatorischen Konflikt, im permanenten Kampf der Kulturen.

Betrachtet man die vergangenen Jahrzehnte aber genauer, ergibt sich ein anderes Bild. Der Hauptkonflikt besteht nicht zwischen rivalisierenden „ethnischen Identitäten und Animositäten“. Er findet vielmehr zwischen der liberalen Demokratie und ihren Gegnern statt – zwei Lagern, die sich eben nicht eindeutig kulturellen „Zivilisationen“ zuordnen lassen.

Beispiel Taiwan: Huntington erwartete, dass „mit dem Ende des Kalten Krieges kulturelle Gemeinsamkeiten ideologische Differenzen zunehmend überwinden“ und sich das chinesische Festland und Taiwan annähern würden. Eine ähnliche Annäherung könne auch in Bezug auf Hongkong stattfinden. Tatsächlich hat Taiwan jedoch seit den 1990er Jahren seine Autonomie mit Nachdruck verteidigt und sich dem demokratischen Westen statt Peking zugewandt. Hongkong bleibt nach seiner Unabhängigkeit von Großbritannien 1997 eine Sonderverwaltungszone Chinas; Peking sah sich aber gezwungen, drakonische Maßnahmen zu ergreifen, um seine „Ein Land, zwei Systeme“-Politik durchzusetzen und die De-jure-Autonomie der Stadt einzuschränken. Hätte Huntington recht behalten, wäre die chinesisch-kulturelle Solidarität stärker gewesen als die demokratischen Bestrebungen Taiwans und Hongkongs und hätte diese übertrumpft. Die Wirklichkeit sieht anders aus.

Das Gleiche gilt für Europa. Laut Huntington habe der „Samtene Vorhang der Kultur“ den „Eisernen Vorhang der Ideologie“ als wichtigste Bruchlinie ersetzt. So sei die orthodoxe Welt vom westlichen Christentum entlang dieser Linie getrennt. Dementsprechend war zu erwarten, dass sich die orthodox geprägte Ukraine gemeinsam mit dem orthodox geprägten Russland gegen das liberal-demokratische Europa wenden würde. 1991/92, so Huntington, hätten viele Menschen noch gefürchtet, es könnte zum Gewaltausbruch zwischen Russland und der Ukraine kommen. Doch wenn man auf Zivilisation und Kultur blicke, „dürfte die Wahrscheinlichkeit von Gewalt zwischen Ukrainern und Russen gering sein“.

Selten ist eine These so deutlich von der Realität widerlegt worden. Huntingtons Annahme, dass die Ukraine und Russland nicht in einen Krieg geraten würden, weil sie kulturelle, religiöse und historische Gemeinsamkeiten haben, war offensichtlich falsch. 2014 revoltierten die Ukrainerinnen und Ukrainer gegen ihren pro-russischen Präsidenten Wiktor Janukowytsch, der ein Assoziierungsabkommen mit der EU zugunsten engerer Beziehungen zu Moskau aufgegeben hatte. Janukowytsch wurde aus dem Amt gejagt, nachdem ukrainische Sicherheitskräfte auf Demonstranten geschossen hatten. Kurz darauf annektierte Russland die Krim. Die ukrainische Abkehr von Russland löste zudem den Stellvertreterkrieg im Donbass aus – ein Vorspiel zur vollumfänglichen Invasion im Februar 2022.

Die Kräfte des Autoritarismus sind stark.

Huntington hielt einen Krieg zwischen der Ukraine und Russland außerdem für unwahrscheinlich, weil seiner Überzeugung nach „westliche Ideen“ wie Individualismus, Liberalismus, Konstitutionalismus, Menschenrechte, Gleichheit, Freiheit, Rechtsstaatlichkeit, Demokratie, freie Märkte und die Trennung von Kirche und Staat „in islamischen, konfuzianischen, japanischen, hinduistischen, buddhistischen oder orthodoxen Kulturen wenig Anklang finden“. Doch die meisten Menschen in der Ukraine haben eine orthodoxe Kultur und kämpfen gleichzeitig im größten Konflikt auf europäischem Boden seit dem Zweiten Weltkrieg, um ihr Recht auf Freiheit und Demokratie durchzusetzen. Auch die japanische Kultur hat sich nicht als Hindernis für Demokratisierung, Rechtsstaatlichkeit, freie Märkte oder irgendeine andere von Huntington aufgeführte „westliche Idee“ erwiesen. Und Anfang dieses Jahres gingen Millionen Menschen im Iran auf die Straße, um ihre Rechte sowie die Rückkehr zu einer dem Westen offener gegenüberstehenden Regierungsform einzufordern.

Huntington lag falsch: Die Welt ist nach dem Kalten Krieg nicht in ein postideologisches Zeitalter eingetreten. Stattdessen haben sich die „politischen und ideologischen Bruchlinien“ verschoben. Der zentrale Konflikt besteht heute zwischen liberaler Demokratie und Autoritarismus – sowohl auf internationaler Ebene als auch (und das ist wichtig) innerhalb demokratischer Staaten.

Die Kräfte des Autoritarismus sind stark. China hat bewiesen, dass ein teilweise marktorientiertes autoritäres System in der Lage ist, massives Wirtschaftswachstum zu sichern. Die US-amerikanischen Wähler haben ihrerseits zweimal Donald Trump gewählt, eine Figur, deren vorrangiges politisches Projekt die Zerstörung aller demokratischer Normen und Institutionen ist, die als Kontrollinstanzen gegen seine Macht dienen könnten. All jene liberal-demokratischen Werte, von denen Huntington sagte, sie fänden in anderen Zivilisationen „wenig Anklang“ – individuelle Rechte, Rechtsstaatlichkeit, Liberalismus et cetera –, fanden offensichtlich bei Millionen Amerikanerinnen und Amerikanern wenig Anklang, sodass sie Trump wiederwählten.

Die amtierende US-Regierung arbeitet zudem unermüdlich daran, die nach dem Zweiten Weltkrieg etablierte liberal-demokratische Weltordnung zu zerstören. Trump erklärte kürzlich, die militärische Unterstützung der USA für Taiwan sei lediglich ein Druckmittel bei künftigen Verhandlungen mit Peking. Er wolle nicht, „dass sich irgendwer unabhängig macht“ und dabei annimmt, immer und überall amerikanischen Schutz zu genießen. Ebenso ist Trump nicht daran interessiert, Putins Streben nach Hegemonie in Osteuropa entgegenzutreten. Der Großteil der US-Militärhilfe für die Ukraine wurde gestrichen, und der US-Präsident hat wiederholt versucht, Kiew zu Friedensvereinbarungen zu zwingen, die für Moskau ausgesprochen vorteilhaft wären.

Ideologie scheint also schwerer zu wiegen als „Zivilisation“ oder „Kultur“. Wir müssen Huntingtons These widersprechen: Der große Konflikt findet heute zwischen der liberalen Demokratie und den Kräften statt, die unermüdlich – und überall – daran arbeiten, sie zu zerstören.

Dieser Artikel erschien zuerst im US-Onlinemagazin Persuasion.

Aus dem Englischen von Tim Steins