Die Meinungsforschung? Wo sie ist? Da hinten in der Ecke mit Flatterkinn, bebender Unterlippe und Tränen in den Augen. Ist sie nicht? Sollte sie aber sein. Denn tatsächlich lag sie mit ihren Prognosen in den vergangenen Wahlgängen immer wieder völlig falsch. In manchen Wahlgängen hätten zwei Würfel und ein Becher verlässlichere Vorhersagen über das Abschneiden konkurrierender Parteien geliefert als elaborierte Prognosen hochbezahlter Experten.
Warum das so ist? Hier klärt ein Beitrag des US-Magazins WIRED auf. Das Problem ist simpel. Meinungsforschung ist im Wesentlichen das Abfragen öffentlicher Überzeugungen durch Telefonanrufe. Nur: Heute geht niemand mehr ans Telefon. Während 1980 noch 72 % der Angerufenen tatsächlich an die Apparate gingen (gerne in der Ausprägung grau mit Wählscheibe) und dann mehr oder weniger durchdachte Fragenkataloge abarbeiteten, schrumpfte dieser Anteil bis 2016 auf unter 1 Prozent. Zum Mitschreiben: auf 0,9 Prozent.
Und das sind die, die überhaupt noch eine feste Telefonverbindung zu Hause ihr eigen nennen. Nur, auch das erklären die Autoren, werden gerade die immer seltener. Schon vor zwei Jahren waren 60 % der US-Bürger nur noch mobil erreichbar. Die Ansprache dieser Personen jedoch ist Meinungsforschern aufgrund der damit verbundenen höheren Anrufkosten nicht möglich. Da stellen sie lieber weiterhin den nach wie vor erreichbaren 0,9 % nach. Kleiner Nachteil dieser an sich absolut nachvollziehbaren ökonomischen Abwägung: die völlige Sinnfreiheit einer so betriebenen Meinungsforschung. So rechnen die Autoren vor, dass die Wahrscheinlichkeit, eine ältere weiße Dame mit dieser Methode um ihre Meinung zu erleichtern, volle 21-mal höher ist, als die, einen männlichen Latino als Gesprächspartner zu erwischen. Sicher kann man versuchen, diese Tatsachen herauszurechnen, abzuwägen – eben zu „gewichten“, wie es so schön heißt. Dabei aber können, pardon, durchaus gewichtige Fehler passieren.
Den Aufsatz im WIRED Magazin finden Sie hier.



