Wir leben in einer Welt sinnlosen Leidens und drohender Katastrophen, in der es unverständlich geworden zu sein scheint, an moralischen Fortschritt zu denken. Zwei epochale Krisen belasten die heutigen Gesellschaften: der Aufstieg antidemokratischer Kräfte und der Klimawandel. Doch was wäre, wenn sich die heutigen Tragödien als Quelle der Hoffnung erweisen würden?
Der rechtspopulistisch angeheizte autoritäre Trend bedroht Demokratien auf der ganzen Welt, darunter sogar traditionsreiche wie die der Vereinigten Staaten, wo Präsident Donald Trumps Machtmissbrauch keine Grenzen zu kennen scheint. Selbst Trumps gemäßigtere europäische Verbündete versuchen ständig, die Rechtsstaatlichkeit zu untergraben. Zuletzt wollte die italienische Ministerpräsidentin Giorgia Meloni die Unabhängigkeit der Justiz durch ein nationales Referendum einschränken. Glücklicherweise gingen die Italiener massenhaft zur Wahl, um ihre Verfassung zu schützen.
Die Krise der Demokratie verschärft die Klimakrise. Unter Trump haben sich die Vereinigten Staaten aus dem Pariser Klimaabkommen zurückgezogen und unzählige Umweltschutzmaßnahmen wurden abgeschwächt oder gestrichen. Meloni hat beim Green Deal der Europäischen Union einen Kurswechsel vollzogen und lehnt strengere Emissionsziele ab. Der ungarische Ministerpräsident Viktor Orbán hat wiederholt Klimagesetze auf EU-Ebene blockiert oder verzögert.
Die mangelnde Bereitschaft der Politik, die Klimakrise anzugehen, hat das Schicksal des Planeten in die Hände privater Investoren gelegt, deren Bereitschaft zur Einführung nachhaltiger Technologien oft begrenzt ist. Die Regierungen schaffen bestenfalls Anreize für solche Investoren, nehmen die Investitionen jedoch selten selbst in die Hand. Aus diesem Grund gibt es – abgesehen von China – nur unzureichende Finanzmittel für erneuerbare Energien, während zugleich die Investitionen der Big-Tech-Giganten in künstliche Intelligenz in die Höhe geschossen sind.
Die Irrationalität und die Gewalt von Trumps Politik der letzten Monate – von der Brutalität der Morde in Minneapolis und seinem absurden Plan für den Wiederaufbau des Gazastreifens bis hin zu seiner imperialistischen Invasion in Venezuela und der atemberaubenden Torheit seines Krieges gegen den Iran – haben den tragischen Charakter unserer Zeit noch verstärkt. Die Politik scheint von bloßer Gewalt diktiert zu sein, während moralische Ideale, von einer gesunden Demokratie bis hin zur ökologischen Nachhaltigkeit, lächerlich erscheinen. Der Raum für prinzipiengeleitetes Handeln scheint verschwunden zu sein.
Selbst in einer sinnlosen Welt können wir durch Rebellion eine Form der Hoffnung schaffen. (nach Albert Camus)
Doch all das haben wir schon einmal erlebt. Albert Camus argumentierte bekanntlich, dass wir selbst in einer sinnlosen Welt durch Rebellion eine Form der Hoffnung schaffen können. Hannah Arendt fand Hoffnung in der menschlichen Fähigkeit zum Neubeginn selbst im Angesicht des Völkermords. Martin Luther King Jr. betonte, dass Leiden zu moralischem Fortschritt und kollektiver Transformation führen könne. Mein kürzlich verstorbener Kollege, der Philosoph Jonathan Lear, erklärte, wie Verlust die Quelle „radikaler Hoffnung“ auf eine gute Zukunft sein kann, auch ohne dass man genau beschreiben oder sich vorstellen könnte, wie diese gute Zukunft aussehen würde.
Die jüngsten Ereignisse scheinen solche Denker zu bestätigen. Man betrachte das beginnende Wiedererwachen der Zivilgesellschaft als das schlagende Herz der Demokratie und das wertvollste Bollwerk gegen Autoritarismus. Wir sehen es in den USA bei den No Kings-Protesten, an denen Millionen von Menschen teilgenommen haben. Wir sehen es auch an der außergewöhnlich hohen Wahlbeteiligung beim italienischen Referendum, insbesondere an der Beteiligung einer beträchtlichen Anzahl junger Menschen, die in der Vergangenheit zu Hause geblieben waren.
Solche Prozesse des Wiedererwachens lassen sich nicht allein darauf zurückführen, dass die Lage heute so schwer wäre oder dass die heutigen rechten Regierungen so autoritär wären. Apathie kann selbst angesichts ungeheuerlicher Taten fortbestehen. Prozesse des Wiedererwachens der Zivilgesellschaft erfordern mehr: ein erneuertes Gefühl für die Möglichkeiten.
In den Jahrzehnten vor Trump hatte sich in den USA und in Europa ein Gefühl von Stagnation und Ohnmacht breit gemacht. Viele Menschen begannen zu glauben, dass es keine Rolle spiele, wer sie regiere, da sich ohnehin nichts ändern werde. Rechte und linke Regierungen würden letztendlich alle dasselbe tun und sich den Diktaten des Neoliberalismus beugen. Die Fähigkeit, den Kurs zu ändern, schien aufgrund externer und interner Zwänge – von verfassungsrechtlichen bis hin zu fiskalischen – begrenzt zu sein.
Selbstverständlich gab es Momente, die Hoffnung auf Veränderung weckten. Barack Obamas Wahl zum US-Präsidenten im Jahr 2008 war einer davon. Doch seine Präsidentschaft endete in einer Enttäuschung. Unter Obama erhielten die Wall-Street-Banken nach der globalen Finanzkrise massiv Rettungsgelder, während Millionen Amerikaner ihre Häuser verloren. Die Drohnenangriffe in Pakistan, Jemen und Somalia wurden ausgeweitet. Es wurden mehr Einwanderer abgeschoben als unter jedem Präsidenten zuvor. Wie die Mitte-links-Regierungen in Europa regierte Obama letztlich innerhalb desselben Rahmens wie seine Vorgänger.
Trump ist der lebende Beweis dafür, dass eine einzige Person mit politischer Macht das Schicksal der Welt verändern kann.
Trump hingegen ist der lebende Beweis dafür, dass eine einzige Person mit politischer Macht das Schicksal der Welt verändern kann – und zwar im Handumdrehen. Es lohnt sich daher, dafür zu kämpfen, dass diese Macht in die richtigen Hände gelangt oder zumindest nicht in die Hände von Diktatoren oder Wahnsinnigen. Die Leichtigkeit und die Willkür, mit der ein Autokrat die Innen- und die Außenpolitik verändern kann, hat einen neuen demokratischen Aktivismus hervorgebracht – und damit einhergehend: neue Hoffnung.
Gleiches gilt für die Klimakrise. Wer hätte gedacht, dass die einzige Hoffnung auf eine erfolgreiche Energiewende aus einem sinnlosen Krieg heraus entstehen könnte? Und doch ist genau das der Fall. Auch wenn der Ausgang des Irankriegs ungewiss bleibt, könnten grüne Technologien und erneuerbare Energien zu den größten Nutznießern gehören. Schließlich hat Trumps Krieg die Anfälligkeit derjenigen Volkswirtschaften offenbart, die stark von fossilen Brennstoffen abhängig sind, weil die faktische Sperrung der Straße von Hormus zu einem sprunghaften Anstieg der Energiepreise geführt hat.
Wie einige Kommentatoren angemerkt haben, täte China gut daran, eine Koalition williger Länder zu schmieden, um einen globalen Vorstoß für grüne Investitionen zu starten und so die Nachfrage nach den Produkten seiner Industrie anzukurbeln. Für die europäischen Länder wäre dies attraktiv, ebenso wie für viele andere (darunter sogar die Golfstaaten). Aus der Tragödie eines sinnlosen Krieges entsteht so die Hoffnung auf eine sauberere Atmosphäre und eine nachhaltig intakte Umwelt.
Ironischerweise brauchte es Tragödien, damit neue Hoffnung auf moralischen und politischen Fortschritt keimen konnte. Allein der Glaube an diesen linearen moralischen Fortschritt reicht offenbar nicht aus, damit die Menschen aus vergangenen Fehlern lernen und ihre Wiederholung vermeiden. Die Wiedergeburt der Demokratie und die Rettung des Planeten hängen von jenem Fortschritt ab.
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