In einem Video eines US-Sportsenders wird ein neues Sommermärchen beschworen: USA gegen Brasilien, letzte Minute, die US-Boys netzen ein, die Vereinigten Staaten sind Weltmeister. Ein eher unwahrscheinliches Fußballwunder – aber eines, von dem insbesondere Donald Trump träumen dürfte. Denn für Trump bietet die Fußball-Weltmeisterschaft die Chance, von seinen eigenen Misserfolgen abzulenken. Seine Popularität im eigenen Land ist speziell aufgrund des jüngsten Iran-Krieges auf einem Tiefpunkt angekommen, die Zustimmungswerte liegen nur noch bei 37 Prozent. Bei den Midterm Elections zum Kongress droht den Republikanern im Herbst ein Debakel.
Als die USA ihre WM-Bewerbung im Jahr 2017 einreichten, war noch ein gewisser Barack Obama Präsident – und die USA waren ein Land, das für sich beanspruchte, ein weltweites Vorbild für die Menschenrechte zu sein. Zwar war das Selbstbild auch damals schon von zweifelhafter Glaubwürdigkeit. Doch selbst Donald Trump hatte es in seiner ersten Amtszeit noch nicht vollständig über Bord geworfen. Und lobbyierte selbst heftig, um das Milliardenspektakel Fußball-Weltmeisterschaft in die USA zu holen – gemeinsam mit den Co-Gastgebern Kanada und Mexiko. Mit beiden Staaten hatte er damals noch ein Freihandelsabkommen unterzeichnet.
Seitdem ist die Welt eine andere geworden – und Donald Trump hat mit seiner disruptiven Politik in seiner zweiten Amtszeit, die im Inneren und nach außen Völker- und Menschenrechte massiv untergräbt, erheblich dazu beigetragen. Auch Europa – und insbesondere Deutschland – hat stark an Glaubwürdigkeit verloren, weil es die Rechtsbrüche der USA kaum kommentiert und ihnen wenig entgegensetzt: aus Angst, Donald Trump zu verärgern. Das zeigt sich auch im Vorfeld der WM. Kurz vor Turnierbeginn ist es erstaunlich ruhig: kaum Boykottdiskussionen, keine internationalen Appelle an Präsident Trump – dafür Schönrednereien des amtierenden FIFA-Präsidenten Gianni Infantino, der vom „inklusivsten WM-Turnier aller Zeiten“ fantasiert.
Kein Wort zur innen- und außenpolitischen Lage unter Trump. Dabei müsste die Liste der Sorgen der FIFA enorm lang sein: Da ist zum einen Trumps rabiate und rassistische Einwanderungspolitik. Bis zu einer halben Million Menschen wurden seit Beginn seiner Amtszeit bereits abgeschoben. Die Einwanderungspolizei ICE hat er in eine Einheit maskierter und skrupelloser Männer umgewandelt, die Angst und Schrecken verbreitet, ohne gerichtliche Grundlage agiert und in vielen Fällen unverhältnismäßige Gewalt anwendet, mehrfach mit tödlichen Folgen.
Es scheint unwahrscheinlich, dass Trump die WM nutzen kann, um den Iran-Krieg in Vergessenheit geraten zu lassen.
Zum anderen ist da die aggressive und interventionistische Außenpolitik: Anfang des Jahres wurde Venezuelas Staatschef Maduro von den USA entführt; derzeit verstärkt Trump seine Drohungen gegen Kuba. Und am 28. Februar begann Trump – im Dezember 2025 noch mit dem eigens für ihn erfundenen FIFA-Friedenspreis geehrt – an der Seite von Israel seinen Krieg gegen den Iran. Dieser wird klar als völkerrechtswidrig eingeordnet und hat bislang über 3 300 zivile Tote, 26 000 Verletzte sowie heftige Zerstörungen gefordert. Das iranische Regime hat den Angriff überlebt und reagiert nun mit maximaler Repression nach innen und Machtdemonstrationen nach außen. Zugleich hat Teheran erklärt, an der WM teilnehmen zu wollen. Schließlich hatte sich der Iran als Erster der Asiengruppe für die WM qualifiziert.
Natürlich würde die iranische Führung eine WM-Teilnahme gern für ihre eigene Propaganda nutzen. Proteste der eigenen Spieler, die in der Vergangenheit etwa das Singen der Nationalhymne verweigerten, dürfte sie mittels Androhung scharfer Sanktionen zu verhindern suchen. Gleichzeitig ist bei der WM selbst mit groß angelegten Protesten zu rechnen: Iran soll zwei Spiele in Los Angeles absolvieren. Die Stadt beherbergt mit bis zu 700 000 Mitgliedern die größte iranische Diaspora der Welt und wird unter Exiliranern auch „Teherangeles“ genannt. Daher scheint es unwahrscheinlich, dass Trump die WM nutzen kann, um den Iran-Krieg in Vergessenheit geraten zu lassen. Das Thema wird das Turnier ebenso einholen wie die brutale US-Einwanderungspolitik.
So ergibt sich derzeit eine groteske Situation: In rund drei Wochen soll die WM in einem FIFA-Mitgliedsland beginnen, das Angriffe gegen ein anderes FIFA-Mitglied ausführt und bestenfalls einen brüchigen Waffenstillstand von der Fortsetzung eines Krieges entfernt ist. Und drei Wochen vor Beginn der Weltmeisterschaft ist für das iranische Team und seine Betreuer noch nicht einmal die Einreise in die USA gesichert – ihr Mannschaftsquartier wurde daher vorerst nach Mexiko verlegt.
Laut FIFA-Statuten soll der Weltfußball eigentlich „unpolitisch“ sein – eine Vorstellung, die schon immer weit entfernt war von der Realität. 2018 sorgte die WM in Russland für Kontroversen: Das Land konnte das Turnier nutzen, um sich nach der völkerrechtswidrigen Besatzung der Krim im Jahr 2014 aus seiner Isolation zu befreien. Zudem gab es massive Kritik an den Arbeitsbedingungen ausländischer Arbeitskräfte, insbesondere aus Nordkorea. Seit 2022 ist Russland infolge des Angriffskriegs gegen die Ukraine ausgeschlossen. Noch deutlich schärfer als 2018 fiel die Kritik im Vorfeld der Weltmeisterschaft in Katar 2022 aus. Im kleinen Wüstenstaat arbeiteten über zwei Millionen Migranten unter teils haarsträubenden Bedingungen, viele davon auf den Baustellen und im Dienstleistungsgewerbe rund um die WM. Und von Werten wie Vielfalt und Menschenrechten wollte Katar ebenso wenig wissen wie die russischen Ausrichter vier Jahre zuvor. Zahlreiche Fußballfans wendeten sich ab, Fangruppen unterstützten aktiv Boykottaufrufe – während DFB und UEFA sich auf Druck der FIFA entschieden, der Mär von der „unpolitischen WM“ nicht zu widersprechen.
Ohne eindeutige Garantien könnten auch Fans aus Europa ins Kreuzfeuer der US-Einwanderungspolitik geraten.
Die großen Menschenrechts-Organisationen, die sich in der Sport and Rights Alliance zusammengeschlossen haben, schlagen angesichts der bevorstehenden WM in den USA Alarm. Sie fordern den Schutz von Fans, Angestellten und Journalisten vor Repressionen, Überwachung und diskriminierenden Einreiseregeln. Entsprechend groß ist weltweit die Sorge unter Fans und auch unter den Regierungen ihrer Heimatländer, was bei einer Reise zur WM in die USA passieren könnte. Neue Regelungen, die bei der Einreise die Offenlegung der Aktivitäten in sozialen Medien der vergangenen fünf Jahre verlangen, sind zwar noch nicht in Kraft. Doch einzelne Reisende wurden mutmaßlich bereits wegen ihrer kritischen Haltung abgewiesen. Staatsbürger verschiedener Länder haben seit Längerem praktisch keine Chance mehr, Besuchsvisa für die USA zu erhalten. Seit Jahresanfang gilt das zusätzlich für vier Länder, die an der WM teilnehmen: Teilweise Restriktionen gelten für den Senegal und die Elfenbeinküste, ein völliger Einreisestopp für Haiti – und den Iran.
All das steht jedoch im direkten Widerspruch zu den menschenrechtlichen Verpflichtungen, die Gastgeber einer Fußball-Weltmeisterschaft laut FIFA-Statuten eingehen müssen. Eigentlich sollte die WM in den USA die erste sein, bei der alle gastgebenden Städte einen „Aktionsplan für Menschenrechte“ vorlegen sollten. Das ist in den USA – bis auf wenige Ausnahmen – nicht passiert. In der Bewertung dessen dürfen die EU und der europäische Fußballverband UEFA nicht länger wegschauen, sondern müssen Defizite offen benennen. Und Europa sollte das Sportereignis nutzen, um Trump zu einer Aufgabe seiner anhaltenden Drohungen und Aggressionen gegen andere Staaten zu drängen.
Selten war eine Weltmeisterschaft so politisch wie diese. Bisher haben EU und Bundesregierung noch nicht einmal Zusagen erhalten, dass Fans aus aller Welt problemlos einreisen können und die Meinungsfreiheit geachtet wird. Die FIFA muss derweil an ihre eigenen Statuten erinnert werden, die das eigentlich gewährleisten sollen. Ohne eindeutige Garantien, dass Meinungsfreiheit, Demonstrationsrecht und Bewegungsfreiheit respektiert werden, könnten auch Fans aus Europa bald ins Kreuzfeuer der US-Einwanderungspolitik geraten. Und die ohnehin stark beschädigte Glaubwürdigkeit Europas dürfte weiter leiden, wenn man erneut so tut, als gäbe es eine „unpolitische“ Weltmeisterschaft.




