Hat der neugewählt Labour-Chef Jeremy Corbyn auf seinen Supercoup eigentlich mit Champagner angestoßen? Unwahrscheinlich. Doch zumindest in Teilen Berlins dürften die Sektkorken geknallt haben. Zumindest figurativ. Endlich eine Gelegenheit, die auch in der deutschen Sozialdemokratie immer wieder gewälzte Gretchenfrage nach der erfolgversprechendsten Richtungsentscheidung gewissermaßen von einer politischen Avantgarde austesten zu lassen. Ganz ohne eigenes Risiko.
Wie schwierig die Herausforderung für Corbyn tatsächlich wird, macht nun eine aktuelle Umfrage deutlich, die YouGov für den Labournahen New Statesman durchgeführt hat. Das problematische Ergebnis in a Nutshell: Zwischen den Unterstützern Corbyns und der breiteren Öffentlichkeit klafft ein politischer Abgrund so weit wie der Ärmelkanal – wenn man diesen zwischen Nordamerika und Irland verortet.
Zwischen den Unterstützern Corbyns und der breiteren Öffentlichkeit klafft ein politischer Abgrund so weit wie der Ärmelkanal – wenn man diesen zwischen Nordamerika und Irland verortet.
O-Ton New Statesman: „Die, die für Corbyn gestimmt haben, beschreiben sich selbst zum überwältigenden Teil als links. Sie sind gegen Kapitalismus wollen Privatschulen und die Monarchie abschaffen und größere Sozialleistungen mit höheren Steuern bezahlen. Die Zielgruppe der Labour Party jedoch glaubt an keine dieser Forderungen. Und die aktuellen Unterstützter der Partei tun das auch nicht.“ Autsch.
Für den neu gewählten Parteichef ist das kein kleines Problem. Denn die Zahlen sind tatsächlich eindeutig. Die Umfrage belegt: 65 Prozent der Corbyn-Unterstützer halten nichts von den Royals und genau so wenig von Privatschulen. In der britischen Öffentlichkeit aber katapultieren sich Inhaber solcher Meinungen nach wie vor ganz, ganz an den linken Rand, an dem keine Mehrheiten zu holen sind. Laut YouGov sprechen sich lediglich 25 beziehungsweise 22 Prozent der Wählerinnen und Wähler für diese Ziele aus. Ganz ähnlich die Positionierung der Corbynistas in Bezug auf die Rolle des Wettbewerbes im freien Markt. 71 Prozent der Corbyn-Anhänger sind laut Umfrage der Meinung Wettbewerb zwischen privaten Unternehmen „schadet mehr als er nutzt und beutet Arbeiter aus." Diese Auffassung aber wird lediglich von einem Viertel der potentiellen Labour Wähler geteilt. Für den New Statesman „eine Kluft zwischen Labour-Unterstützern und der allgemeinen Öffentlichkeit, der in der britischen Modernen einzigartig ist." Einzigartig ist aber in der britischen Moderne derzeit auch das Danebenliegen der professionellen Meinungsforschung. Vielleicht also besteht mittelfristig doch so etwas wie Hoffnung.
Den Beitrag im New Statesman finden Sie hier.




1 Leserbriefe
Dies ist wohl das Problem der Sozialdemokratie in ganz Europa. Sie wird nicht wieder relevant werden, wenn Sie wie bisher dem neoliberalen Mainstream hinterher rennt und sich trotz dessen Scheitern in der Finanzkrise lernresistent präsentiert. Ökonomisch ist Corbyns Programm vernünftig, seine Wahl ist ja gerade wegen der Unterstützung zahlreicher namhafter Wirtschaftswissenschaftler so deutlich ausgegangen.
Damit kann die Sozialdemokratie Deutungshoheit erlangen und wieder Menschen mobilisieren. Mit Austeritätspolitik wird ihr das ganz sicher nicht mehr gelingen.