Aus China, dem Land des steten Wachstums der letzten Jahre, vernimmt man derzeit regelmäßig Hiobsbotschaften von der Börse, beispielsweise vom Börsencrash Ende Juni. Wie kam es dazu?

Auch für „Nicht-Börsianer“ war absehbar, dass der extreme Aktienboom von 150 Prozent innerhalb eines Jahres nicht von Dauer sein konnte. Der steigende Börsenkurs hatte zu einer gefährlichen Aktienrallye auch bei vielen Kleinanlegern geführt, die im Juni ein vorzeitiges Ende gefunden hat. Innerhalb von drei Wochen ist der Aktienkurs um 30 Prozent abgestürzt und hat dabei rund 30 Milliarden Euro an Aktienwerten verbrannt. Mittlerweile kursieren einige Verschwörungstheorien, diese ranken von Marktmanipulation durch ausländische Investoren bis hin zum geplanten Börsencrash durch politische Kontrahenten von Xi Jinping, die die Popularität und Macht des Präsidenten auf diese Weise angreifen wollen. Am wahrscheinlichsten ist wohl die Erklärung, dass die staatlichen Maßnahmen, die die Überhitzung des Marktes einzudämmen versuchten, einen gegenteiligen Effekt hatten: anstelle die Märkte zu beruhigen, haben die massiven und kurzfristigen Eingriffe wie Einschränkung der Kreditvergabe, Verbot von auf Pump finanzierten Aktienkäufen, Zinssenkung der Zentralbank, staatliche verordnete Anleihenkäufe und Aussetzen des Handels von einem Drittel aller gelisteten Unternehmen zu erheblicher Verunsicherung bei den Anlegern geführt.

Die chinesische Regierung entschied sich nun binnen weniger Tage mehrfach dazu, den Yuan abzuwerten, obwohl dies zunächst ein einmaliger Schritt bleiben sollte. Lässt das auf grundlegende Probleme schließen?

Nach offizieller Lesart steht die Abwertung ganz im Zeichen des finanzpolitischen Reformkurses: der Wechselkurs soll mehr und mehr durch den Markt und weniger durch den Staat bestimmt werden. Lange Zeit galt die chinesische Währung als überbewertet und stark kontrolliert, ein stetiger Streitpunkt zwischen den USA und China. China hofft mit der Liberalisierung des Währungskurses, in den Elite-Währungskorb des IWF aufgenommen zu werden. Aber die Hürden sind hoch, freie Konvertibilität der Währung ist eine wichtige Voraussetzung für die Aufnahme.

Welche Rolle spielt die mit der Abwertung einhergehende Unterstützung der Exporte?

Das ist ein günstiger Effekt der Abwertung und wohlmöglich das eigentliche Ziel der chinesischen Strategen, denn die Exporte sind im Juli um erstaunliche 8 Prozent zurückgegangen. Die punktgenaue Landung bei 7 Prozent Wirtschaftswachstum im ersten Halbjahr hat bei vielen Analysten zu Stirnrunzeln geführt. Unabhängig von der Frage der Glaubwürdigkeit der Statistik, sind 7 Prozent für Chinas Wirtschaftslenker die Grenze, die nicht unterschritten werden darf. Denn geringeres Wachstum schlägt sich in weniger Arbeitsplätzen nieder, mehr Arbeitslose bergen das Risiko von politischer Instabilität. Die drastischen und unerwarteten währungspolitischen Maßnahmen legen die Vermutung nahe, dass die politische Führung in ernsthafter Sorge um das Wirtschaftswachstum ist.

In China hat ein immenser Bauboom stattgefunden. Entsprach dieser dem realen wirtschaftlichen Wachstum, oder muss man hier eine Immobilienblase befürchten, wie in den USA?

Bis zur Öffnung des Aktienmarktes für Kleinanleger gab es kaum lukrative Anlegemöglichkeiten für chinesische Sparer, daher war eine Immobilie die Anlageoption Nummer Eins. Spätestens seit dem staatlich unterstützten Baumboom zur Abfederung der Globalen Finanzkrise 2008 sind die Immobilienpreise in die Höhe geschossen. Aber seit Monaten fallen nun die Immobilienpreise. Über das Platzen der Immobilienkrise ist schon viel geschrieben und spekuliert worden, doch der große Knall ist bislang ausgeblieben, da es der chinesischen Regierung bislang immer wieder gelungen ist, den überhitzten Markt abzukühlen. Zweifellos gehen vom Immobilienmarkt aber ernsthafte Gefahren für die Finanzwirtschaft aus. Denn Hypothekenkredite machen rund 40 Prozent des gesamten Kreditvolumens bei vielen Banken aus.

Andere Volkswirtschaften in der Region könnten sich ermuntert fühlen dem Beispiel Chinas zu folgen, und ebenfalls ihre Währung abwerten. Droht womöglich ein Währungskrieg? Welche Folgen hat die Situation in China für die globale Wirtschaft?

Die Initiative zur Abwertung der Währungen in Asien ist nicht von China sondern von anderen asiatischen Leitwährungen ausgegangen. Der japanische Yen hat seit Ende 2012 etwa 35 Prozent an Wert verloren, das australische Pfund wurde innerhalb eines Jahres um 10 Prozent abgewertet. Aber auf den Abwertungszug sind auch der koreanische Won, die indonesische Rupiah und der taiwanesische Dollar aufgesprungen. Bereits jetzt von einem Währungskrieg zu sprechen, wäre verfrüht – stattdessen sollte abgewartet werden, ob es bei dem währungspolitischen Eingriff durch die chinesischen Staatslenker bleibt, wie sie es angekündigt haben.

 

Die Fragen stellte Hannes Alpen.