Fidel Castro ist am 25. November 2016 mit 90 Jahren gestorben. Wie gehen die Kubaner damit um?

Die Nachricht von seinem Tod kam alles andere als überraschend. Bereits vor zehn Jahren hatte Fidel Castro die Amtsgeschäfte aufgrund einer schweren Erkrankung an seinen jüngeren Bruder Raúl übertragen. Auf dem 7. Parteitag der kommunistischen Partei im April diesen Jahres verabschiedete sich der greise Comandante mit einer letzten öffentlichen Rede vom Publikum. Für die meisten Kubaner ist sein Ableben daher eher ein emotionales, weniger ein politisches Ereignis. Keine andere Person steht symbolisch im Guten wie im Schlechten so sehr für das Projekt der kubanischen Revolution wie er. Die Mehrheit der Kubaner ist in seiner fast 50-jährigen Regierungszeit geboren und erwachsen geworden. Fidel Castro war weltweit eine Ikone der Linken in der Politik des 20. Jahrhunderts und wurde gleichzeitig von seinen Gegnern gehasst wie kaum ein anderer. Er soll hunderte zum Teil spektakuläre Mordversuche im Auftrag der CIA überlebt haben. In Sozialen Netzwerken wurde sein Tod in den letzten Jahren immer wieder als falsche Nachricht verbreitet. Millionen von Nutzern trugen sich in virtuelle Kondolenzbücher ein. Obwohl abzusehen, haben viele die Nachricht deshalb zunächst mit ungläubigem Staunen aufgenommen.

Für die allermeisten Kubaner dürfte es sich aber so anfühlen, als ob ein altes Familienoberhaupt verstorben ist, das immer da war.

Darüber hinaus polarisiert sein Ableben wie sein Leben. Große Trauer herrscht bei den Fidelistas, deren ältere Generation selbst noch Erinnerungen aus erster Hand an den Triumph der Revolution hat oder in jungen Jahren an der landesweiten Alphabetisierungskampagne beteiligt war. Bei den Dissidenten und Exilkubanern überwiegt die Freude über den Abgang eines aus ihrer Sicht verhassten Despoten, der in Miami mit Autokorsos und ausgelassener Feierstimmung begangen wurde. Für die allermeisten Kubaner dürfte es sich aber so anfühlen, als ob ein altes Familienoberhaupt verstorben ist, das immer da war, mit dem man nicht immer einer Meinung war oder unter dem man sogar gelitten hat, das aber die eigenen Lebensumstände maßgeblich mitbestimmt hat und dem man trotz allem Respekt für sein Lebenswerk zollt.     

Welches Vermächtnis hinterlässt Castro?

Im Positiven wird Fidel Castro als Revolutionär und Architekt eines alternativen Gesellschaftsmodells in Erinnerung bleiben, das Bildung und Gesundheit vor materielle Werte gestellt hat. Kuba ist auch heute noch ein Entwicklungsland, das mit vielen Problemen zu kämpfen hat, schneidet aber bei der Erhebung des human development index regelmäßig auf Industrielandniveau ab. Erst kürzlich belegte es in einem regionalen Vergleich von Save the Children den ersten Platz in Bezug auf Chancen und Entwicklungsmöglichkeiten von Mädchen. Global besteht sein Vermächtnis in den Erfolgen im Kampf gegen Kolonialismus, Rassismus und Apartheid. Unvergessen werden die mehrstündigen Reden des jungen Fidel Castro vor den Vereinten Nationen bleiben, in denen er als Wortführer der Gruppe der 77 Armut und die ungleiche Verteilung des globalen Reichtums anprangerte.

Zu seiner Hinterlassenschaft gehören zudem eine am Boden liegende Wirtschaft und ein autoritär-zentralistischer Staatsapparat.

Sympathieträger für viele war er auch als David gegen Goliath, der wie kein anderer den Imperialismus und die Vorherrschaft der USA in Lateinamerika herausgefordert hat. Doch anders als sein jung gestorbener Weggefährte Che Guevara steht er auch für das Negative der kubanischen Revolution, die der kubanischen Bevölkerung große Bürden aufgeladen und tausende in Flucht und Exil getrieben hat. Zu seiner Hinterlassenschaft gehören zudem eine am Boden liegende Wirtschaft und ein autoritär-zentralistischer Staatsapparat, der politische und zivile Menschenrechte hintanstellt und repressiv mit politischen Gegnern und Kritikern umgeht. Es ist unwahrscheinlich, dass ihn die Geschichte vor diesem Hintergrund freisprechen wird, wie Fidel 1953 in seiner berühmten Rede nach dem  Überfall auf die Moncada-Kaserne angekündigt hat. In die Geschichte eingehen wird er mit der Gesamtheit seines Wirkens mit all seinen Licht- und Schattenseiten.

Wie geht es jetzt weiter?

Zunächst einmal wie gehabt. Fidels Kampfspruch „Sozialismus oder Tod“ bedeutet nicht, dass im Umkehrschluss sein Ableben das Ende des tropischen Sozialismus einläutet. Sein Tod wird kaum zu größeren politischen Veränderungen auf der Insel führen. Denn so sehr er auch symbolisch für die kubanische Revolution stehen mag, die Geschicke des Landes lenken längst andere. Die Regierung seines jüngeren Bruders Raúl hat in den letzten Jahren einen umfassenden Reformkurs beschritten. Mit den Worten „Entweder wir ändern uns oder wir gehen unter“ hatte Raúl die Errungenschaften der kubanischen Revolution im letzten Jahrzehnt einem umfassenden Reality Check unterzogen. Doch der Versuch, die sozialistische Planwirtschaft durch die beschränkte Einführung von Marktelementen zukunftsfähig zu machen, ist mit enormen Herausforderungen verbunden.

Trump hat angekündigt, die Kubapolitik seines Vorgängers rückgängig machen zu wollen, und Castro-kritische Hardliner in sein Team geholt.

Wichtige Reformen, wie die Zusammenführung der beiden Parallelwährungen oder die Legalisierung der neuen privaten Kleinunternehmen, kommen nicht voran. Für Anfang 2018 hat Raúl seinen Rückzug aus dem Präsidentenamt angekündigt. Bis dahin muss noch eine Verfassungsreform auf den Weg gebracht und mit einem Referendum beschlossen werden. Die großen Erwartungen, die die Normalisierung der Beziehungen zu den USA auf der Insel und im Ausland geschürt hat, wurden weitgehend enttäuscht.  Kurz vor dem Ende der Regierungszeit Obamas ist die US-Wirtschaftsblockade weiterhin in Kraft, das Gefängnis in Guantánamo von einer Schließung so weit entfernt wie eh und je. Trotz des boomenden Tourismussektors sehen die wirtschaftlichen Perspektiven wenig rosig aus. Die ersehnten ausländischen Investitionen lassen auf sich warten, und mit der Krise in Venezuela und dem politischen Umbruch in Brasilien sind wichtige Unterstützer in der Region weggefallen. Nach Fidels Tod könnten die Gegner des Reform- und Öffnungskurses, über den in der politischen Führung keineswegs Einigkeit herrscht, erneut Aufwind bekommen. Schon nach dem Besuch Obamas waren die Zügel merklich angezogen worden. Fidel war zwar selbst einer der zentralen Kritiker, gleichzeitig aber auch eine wichtige Legitimationsquelle der Politik seines Bruders, dem er noch auf dem letzten Parteitag demonstrativ den Rücken gestärkt hatte. Wie es weitergeht hängt vor allem davon ab, wie sich die Dinge in den USA entwickeln. Trump hat angekündigt, die Kubapolitik seines Vorgängers rückgängig machen zu wollen, und Castro-kritische Hardliner in sein Team geholt. Vieles spricht für eine neue Eiszeit. Auch Hillary Clinton hätte angesichts der republikanischen Kongressmehrheit kaum Aussichten gehabt, das US-Embargo zu Fall zu bringen. Mit Fidels Tod scheidet allerdings das zentrale Hassobjekt vieler US-Kubaner aus und es gibt die Hoffnung, dass Trump als Unternehmer wirtschaftliche Interessen vor ideologische stellen wird und dieses letzte Relikt des Kalten Krieges abschafft. Erst dann wird sich zeigen, wie es unter fairen äußeren Bedingungen um die politische, soziale und wirtschaftliche Nachhaltigkeit des kubanischen Sozialismus bestellt ist.