Am 20. Juni bestreitet Deutschland bei der Fußball-WM in Toronto sein zweites Gruppenspiel – gegen das Team der Éléphants aus der Côte d’Ivoire, auf Deutsch meistens „Elfenbeinküste“ genannt.  Als sich das Land vor 20 Jahren erstmals für eine Weltmeisterschaft qualifizierte, befand es sich mitten in einem brutalen Bürgerkrieg. Noch aus der Mannschaftskabine heraus rief der damals größte Star des Landes, Didier Drogba, die Konfliktparteien in einer sehr emotionalen Rede zu Friedensverhandlungen auf. Die Ivorer schieden damals bei der WM in Deutschland früh aus – doch Drogbas Appell blieb. 2007 kam es schließlich zu einem Friedensabkommen. Doch der Frieden war brüchig: 2010 flammte der Konflikt, ausgelöst vor allem durch die Ressourcenverteilung zwischen Norden und Süden und durch ethnische Spannungen, nach den Präsidentschaftswahlen wieder auf. Militärisch konnten sich die Kräfte von Alassane Ouattara durchsetzen. Er wurde neuer Präsident, während sein Widersacher Laurent Gbagbo an den internationalen Strafgerichtshof überstellt wurde. Seit 2010 wurde Ouattara viermal wiedergewählt, zuletzt Ende 2025.

Zwei Jahrzehnte später hat die Côte d’Ivoire den Krieg hinter sich gelassen und sich zu einer der wirtschaftlichen Erfolgsgeschichten Afrikas entwickelt. Doch vieles von dem, was Drogba damals einforderte, bleibt bis heute ungelöst: politische Aussöhnung, soziale Teilhabe und die Frage, ob Macht im Land friedlich und demokratisch wechseln kann. Genau darin liegt die eigentliche Bewährungsprobe für die nächste Phase der ivorischen Entwicklung. Die wirtschaftliche Gesamtleistung ist heute dreimal so groß wie die Senegals, das Wachstum liegt über dem Ghanas. Mit einem durchschnittlichen Wachstum von 6,5 Prozent zählt das Land zu den am stärksten wachsenden Volkswirtschaften der Welt. Die Ausbeutung der Goldvorkommen, neue Erdgasfunde und eine exportorientierte Landwirtschaft treiben das Wachstum. 40 Prozent der weltweiten Kakaoproduktion stammen aus der Côte d’Ivoire. Die Elektrifizierung des ganzen Landes wird mit großem Eifer vorangetrieben. Als Gastgeber des Afrika-Cups 2024 präsentierte sich das Land als dynamischer Wirtschaftsstandort: glitzernde Shoppingmalls, neue Industrieprojekte und mit dem Tour F der Bau des höchsten Wolkenkratzers Afrikas. Ein Sieg des eigenen Teams krönte die Bemühungen.

Die Aufarbeitung des Bürgerkriegs fand nie wirklich statt.

Doch der wirtschaftliche Aufstieg verdeckt politische Schwachstellen: Die Aufarbeitung des Bürgerkriegs, in der Côte d’Ivoire bis heute nur als „die Krise“ bezeichnet, fand nie wirklich statt. Eine bessere soziale Absicherung und eine gerechtere Verteilung des Wachstums stehen ebenfalls noch ganz am Anfang. Zugleich wirkt die politische Elite zunehmend überaltert. Manche Beobachter sprechen schon von einer „Kamerunisierung“ des Landes, mit Verweis auf den Langzeitherrscher Paul Biya, der dort schon seit über 40 Jahren an der Macht ist. Diese fortschreitende Zementierung des politischen Systems steht zunehmend im Widerspruch zur Dynamik des Landes. Und zuletzt bleibt die Frage der politischen Nachfolge des Präsidenten vage und unklar. Das bringt Unwägbarkeiten mit sich, die Investoren in den kommenden Jahren eher abschrecken könnten.

Die gesellschaftliche Aufarbeitung der Zeit des Bürgerkriegs war sehr lückenhaft, denn der Aufruf von Drogba fand nur teilweise Gehör: Es gibt zwar Frieden, aber eine echte politische Aussöhnung blieb aus. Spannungen zwischen Nord und Süd sowie Fragen der Staatsangehörigkeit und nationalen Zugehörigkeit bestehen fort, werden jedoch kaum öffentlich diskutiert oder politisch aufgegriffen. Die Wunden und Traumata aus der Zeit des Bürgerkriegs sind für viele Ivorerinnen und Ivorer noch immer schmerzhaft. Der politische Versöhnungsprozess beschränkte sich weitgehend auf die Führungsfiguren der Konfliktparteien und brachte den meisten Opfern bisher keine Gerechtigkeit.

Trotz des Booms kommt der wirtschaftliche Erfolg bei vielen Menschen kaum an. Mehr als ein Drittel der Bevölkerung lebt weiterhin unter der Armutsgrenze, die durchschnittliche Schulbesuchsdauer liegt unter dem Durchschnitt Subsahara-Afrikas. Gleichzeitig verfolgt die Regierung ihre Modernisierungsstrategie oft autoritär. In Abidjan werden ganze Viertel abgerissen, Gewerkschaften berichten von wachsendem Druck. Das schürt sozialen Unmut – und damit Risiken für die politische Stabilität in der Zeit nach Ouattara.

Die wirtschaftliche Attraktivität eines Landes nimmt mit langen Amtsperioden zunehmend ab, da Investoren die zementierten Strukturen, wachsende Vetternwirtschaft und einen schwierigen politischen Übergang fürchten. Besonders für die Côte d’Ivoire ist dies ein Problem, denn seit der Unabhängigkeit verlief kein Machtwechsel ohne Konflikte. Präsident Ouattara ist inzwischen 84 Jahre alt. Die ungeklärte Nachfolge und die zunehmende politische Erstarrung gelten vielen als Risiko für den ivorischen Wirtschaftsmotor, der stark von ausländischen Investitionen abhängt. Auch die jüngsten Wahlen Ende 2025 brachten hier keinen Durchbruch, stattdessen wurde der Amtsinhaber in einem stark repressiven Klima mit fast 90 Prozent der Stimmen wiedergewählt. Die geringe Wahlbeteiligung von höchstens 35 Prozent spiegelt die zunehmende politische Apathie in der Bevölkerung wider. Zuletzt sorgten die Versuche, den Bruder des Präsidenten, Téné Birahima Ouattara, für die Nachfolge in Stellung zu bringen, für Verwunderung. Der heutige Verteidigungsminister und Vizepremier ist zwar mit 70 Jahren etwas jünger als der Präsident. Ein echter Generationenwechsel ist so aber nicht zu erwarten.

Kann ein echter Generationenwechsel in Regierung und Opposition gelingen?

Neue Beton-Infrastruktur aus Straßen und Brücken bringt Wachstum, wird für den sozialen Frieden aber nicht ausreichen. Dazu braucht es sozialen Wohnungsbau für die schnell wachsende Bevölkerung und größere Investitionen in Bildung und Gesundheitsversorgung. Hinzu kommt ein schwieriger regionaler Kontext. Die Instabilität in Mali und Burkina Faso erhöht den Druck auf die wirtschaftlich erfolgreichen Küstenstaaten Westafrikas. Umso wichtiger wird für die Côte d’Ivoire politische Stabilität im Inneren. Auch außenpolitisch wird sich die Nachfolgefrage stellen. Während viele westafrikanische Staaten ihr Verhältnis zu Frankreich neu definieren, setzt die ivorische Führung weiterhin auf Kontinuität. Ob dies auch nach Ouattara Bestand haben wird, ist offen.

Die Côte d’Ivoire ist eine wirtschaftliche Erfolgsgeschichte – allerdings eine mit politischen Fallstricken. Zum Ende der Ära Ouattara stellt sich zunehmend die Frage nach dem nächsten Kapitel. Kann ein echter Generationenwechsel in Regierung und Opposition gelingen – und damit den Weg für eine echte Aussöhnung ebnen? Und wie können die Früchte des Wirtschaftswachstums gerechter verteilt werden?

Wenn Deutschland bei der Fußball-WM auf die Côte d’Ivoire trifft, begegnet es einer der wirtschaftlichen Erfolgsgeschichten Afrikas. Doch die eigentliche Entscheidung über die Zukunft des Landes fällt nicht auf dem Fußballplatz. Sie wird sich daran entscheiden, ob der Côte d’Ivoire erstmals in ihrer jüngeren Geschichte ein friedlicher und breit akzeptierter Machtwechsel gelingt. Erst dann wäre auch Didier Drogbas Appell von 2006 wirklich eingelöst.