Bei seiner Bilanz der 40-tägigen „Operation zur Erzwingung des Friedens mit Russland“, die offiziell am 4. August endete, zeigte sich der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj mit den Ergebnissen zufrieden. Zweifellos haben die Angriffe auf die russische Energieversorgung und Logistik Moskau vor erhebliche Probleme gestellt. Sanktionen und die zunehmende diplomatische Isolation sorgen zudem dafür, dass Russland für die Fortsetzung des Krieges einen immer höheren Preis zahlen muss. Doch zum Einlenken haben sie Moskau bislang nicht bewegt. Woran liegt das?

Eine „Erzwingung des Friedens“, die letztlich auf eine Eskalation des Krieges hinausläuft, führt tatsächlich nur in wenigen Fällen zu dessen Ende. Die Logik dahinter ist einfach: Der Druck auf den Gegner soll so groß werden, dass er sich zum Rückzug gezwungen sieht. In der Regel sind es die Starken, die den Schwachen den Frieden aufzwingen. Verbreitung fand der Begriff insbesondere nach dem russisch-georgischen Krieg von 2008, den Moskau selbst als „Operation zur Erzwingung des Friedens“ bezeichnete. Ein solcher Ansatz beruht auf militärischer Überlegenheit – und setzt voraus, dass der Gegner kaum in der Lage ist, wirksamen Widerstand zu leisten.

Doch obwohl die Ukraine innerhalb von 40 Tagen mehr als 100 Ziele in Russland zerstörte – darunter Ölraffinerien, Infrastruktureinrichtungen und Lagerhallen –, musste sie ihrerseits schwere Angriffe hinnehmen. Das vorläufige Ergebnis war daher keine entscheidende Schwächung Russlands, sondern eine weitere Eskalationsrunde.

Dass ein derart einfacher Ansatz zum Erfolg führen würde, war ohnehin eine gewagte Annahme. In den wenigen Kriegen, in denen sich Frieden tatsächlich erzwingen ließ, kamen weitere entscheidende Faktoren hinzu. Etwa eine Eskalation, die das Kräfteverhältnis grundlegend veränderte, oder der Wegfall externer Unterstützung für eine der Kriegsparteien. Dass im russisch-ukrainischen Krieg etwas Vergleichbares eintreten würde, war kaum zu erwarten.

Noch schwieriger ist die politische Ausgangslage. Eine Strategie der Friedenserzwingung kann nur funktionieren, wenn parallel ein politischer Dialog geführt wird, wirksame Vermittler zur Verfügung stehen und beide Seiten einen akzeptablen Weg aus dem Krieg erkennen können – einschließlich glaubwürdiger Garantien für die Zeit danach. Nichts davon ist in der gegenwärtigen Phase des russisch-ukrainischen Krieges gegeben. Und daran dürfte sich in absehbarer Zeit wenig ändern.

Eine Strategie der Friedenserzwingung kann nur funktionieren, wenn parallel ein politischer Dialog geführt wird.

Das Ergebnis ist vorhersehbar: Unter diesen Bedingungen erzwingt Eskalation keinen Frieden. Sie erhöht lediglich die Kosten für beide Seiten, ohne die grundlegenden Kalküle zu verändern, nach denen sie den Nutzen einer Fortsetzung oder Beendigung des Krieges bewerten. Bleibt der Frieden aus, folgt die nächste Runde der Gewalt: Die Einsätze werden erhöht, und auf beiden Seiten wächst die Entschlossenheit, bis zum endgültigen Sieg weiterzukämpfen. Die Chancen auf ein Ende des Krieges schwinden weiter.

Heute ist klar, dass es wesentlich schwieriger ist, Russland zum Frieden zu bewegen, als viele noch 2022 angenommen hatten. Das Land hat enorme menschliche und materielle Verluste erlitten, steht unter beispiellosem Sanktionsdruck und ist erheblich abhängiger von China geworden. An seinen Kriegszielen hat Moskau dennoch festgehalten. Auch die gewaltigen russischen Verluste, über die der ukrainische Generalstab täglich berichtet, haben Russland nicht zum Einlenken gebracht. Es ist daher kaum anzunehmen, dass der Verlust einiger Lagerhallen des größten russischen Onlinehändlers Wildberries oder ukrainische Angriffe auf Ölraffinerien daran etwas ändern werden.

Für weitere Versuche, Russland zum Frieden zu zwingen, verschiebt sich damit die entscheidende Frage. Es geht nicht mehr darum, wie sich der Krieg für Russland noch teurer machen lässt, sondern darum, unter welchen Bedingungen der Kreml überhaupt zu dem Schluss kommen könnte, dass eine Beendigung des Krieges vorteilhafter ist als seine Fortsetzung.

Putin steht nicht unter akutem Druck, den Krieg allein deshalb zu beenden, weil dessen Kosten immer weiter steigen. Für den Kreml ist der Krieg inzwischen zu einer Quelle der Regimelegitimation geworden, zu einem Instrument der inneren Mobilisierung und zu einer Möglichkeit, unterschiedlichste Probleme im eigenen Land zu erklären. Ihn nun zu beenden – noch dazu als Reaktion auf eine öffentlich angekündigte ukrainische Strategie der „Friedenserzwingung“ – lag offensichtlich nicht in Moskaus Interesse.

Ohnehin dürfte die öffentliche Verkündung einer Frist die Aussichten auf ein tatsächliches Kriegsende eher verringert haben – selbst wenn der ausgeübte Druck deutlich größer gewesen wäre. Politiker können es sich kaum leisten, mangelnde Entschlossenheit oder Nachgiebigkeit zu demonstrieren. Das gilt im Krieg ganz besonders – und erst recht im autoritären Russland. War sich der ukrainische Präsident dessen bewusst, als er seine Ankündigungen öffentlich machte? Künftige Versuche, Russland zum Frieden zu bewegen, sollten womöglich weniger lautstark erfolgen.

Dass der Krieg weitergeht – und sogar weiter eskaliert –, bedeutet deshalb nicht einfach, dass der bisherige Druck auf Russland zu gering gewesen wäre. Staaten beenden Kriege in der Regel nicht allein deshalb, weil die Kosten zu hoch werden. Sie können sich jedoch für ein Ende entscheiden, wenn sie zu der Überzeugung gelangen, dass eine Fortsetzung der Kämpfe ihnen keinen besseren politischen Ausgang mehr verspricht.

Staaten beenden Kriege in der Regel nicht allein deshalb, weil die Kosten zu hoch werden.

Russland scheint dabei keine Ausnahme zu sein. Im Kreml ist man sich der Herausforderungen durchaus bewusst und ignoriert auch die eigenen Verluste nicht. Doch dort hält sich die Überzeugung, dass die russische Wirtschaft länger durchhalten werde als die ukrainische, dass die westliche Unterstützung für die Ukraine mit der Zeit nachlassen werde und dass sich Russlands enorme Ressourcenüberlegenheit früher oder später entscheidend auswirken werde. Solange diese Erwartungen bestehen, wiegen sie schwerer als die Argumente für eine Beendigung des Krieges.

Die Ukraine sollte deshalb die Logik ihrer Strategie zur Erzwingung des Friedens überdenken. Die einfache Variante – wir schlagen zu und der Gegner weicht zurück – funktioniert nicht. Eine erfolgversprechendere Strategie müsste sich weniger darauf konzentrieren, den Krieg für Russland möglichst kostspielig zu machen, sondern darauf, Moskau davon zu überzeugen, dass seine Fortsetzung keine Aussicht auf Erfolg mehr bietet. Dafür wären mehrere Schritte notwendig.

Erstens müsste Russland die Möglichkeit genommen werden, auf dem Schlachtfeld strategische Erfolge zu erzielen. Dabei geht es nicht um eine schnelle Befreiung aller besetzten Gebiete oder um einen baldigen „Kaffee auf der Krim“, sondern darum, dem Kreml die Gewissheit zu nehmen, dass sich sein langsames Vorrücken zwangsläufig fortsetzen werde.

Zweitens muss Moskau vor Augen geführt werden, dass die Ukraine langfristig als erfolgreicher und handlungsfähiger Staat bestehen kann. Dazu gehören die Fähigkeit, sich selbst zu verteidigen, die notwendigen finanziellen Mittel und verlässliche Partner, eine schrittweise Integration in die europäischen Sicherheitsstrukturen, eine eigene Rüstungsproduktion und ein funktionierendes demokratisches politisches System. All das müsste dem Kreml deutlich machen, dass er vergeblich auf einen Zusammenbruch der ukrainischen Staatlichkeit wartet.

Drittens braucht es eine klarere Vorstellung von der Nachkriegsordnung. Dabei geht es weniger um Wiederaufbaukonferenzen als um die Frage, wie eine erneute russische Aggression gegen die Ukraine aussichtslos gemacht werden kann. Gerade hier stößt die Logik der „Friedenserzwingung“ allerdings an ihre Grenzen. Denn irgendwann wird verhandelt werden müssen – und anschließend müssen Wege gefunden werden, die Einhaltung der getroffenen Vereinbarungen sicherzustellen.

Die bisherigen ukrainischen Versuche, Russland zum Frieden zu zwingen, zeigen, dass weder höhere Verluste und neue Sanktionen noch weitreichende Angriffe oder die Erwartung eines Zusammenbruchs des russischen Regimes oder seiner Wirtschaft ausreichen, um Moskau zum Einlenken zu bewegen.

Moskau entscheidet sich für die Fortsetzung des Krieges, obwohl es sich über dessen hohen Preis im Klaren ist – und das nicht zum ersten Mal. Erfolgversprechender dürfte deshalb eine Strategie sein, die nicht darauf setzt, diesen Preis immer weiter in die Höhe zu treiben, sondern die dem Kreml vor Augen führt, dass der Krieg in eine Sackgasse führt, in der sich durch weiteres Kämpfen kein besseres Ergebnis mehr erzielen lässt.

Lesen Sie zu diesem Thema auch den Beitrag von Thomas Graham.