US-Präsident Trump konzentriert sich derzeit auf den Iran und verpasst deshalb vielleicht die günstige Gelegenheit, im Krieg zwischen Russland und der Ukraine als Friedensstifter aufzutreten. Wladimir Putin und Wolodymyr Selenskyj haben in den vergangenen Monaten deutlich ihren Wunsch signalisiert, dass die Vereinigten Staaten sich wieder aktiv engagieren und intensive Verhandlungen über die Beendigung der Kämpfe herbeiführen. Sie werden allerdings nicht ewig warten.

Putin äußert sich zwar weiterhin wohlwollend über Trump. Doch einige hochrangige Regierungsvertreter und prominente Kommentatoren betonen, dass die USA die Kriegsanstrengungen der Ukraine unterstützen, und bezweifeln, dass der US-Präsident glaubwürdig und wirkungsvoll vermitteln kann. Die Ukraine stimmt ihre Verhandlungstaktik nach wie vor eng mit den Europäern ab. Manchen in Kiew wäre es jedoch lieber, wenn sie sich direkter beteiligen würden. Das würde allerdings die Kluft zu Moskau vertiefen und die Aussichten auf Frieden verringern.

Es gibt zwei Gründe, warum die USA sich unverzüglich wieder stärker einschalten sollten.

Erstens ist der Konflikt in eine gefährliche Eskalationsspirale geraten. Die Ukraine verstärkt ihre Angriffe auf Ziele, die immer tiefer im russischen Hinterland liegen, darunter Energieinfrastruktur und militärische Einrichtungen. Momentan schneidet sie nach und nach die Halbinsel Krim vom russischen Festland ab. Zum ersten Mal bekommt auch die weit von der Front entfernte Bevölkerung Russlands die Auswirkungen des Krieges unmittelbar zu spüren. Der Kreml mahnt zwar zur Ruhe, ist aber sichtlich besorgt, die Angriffe aus Kiew könnten die russische Gesellschaft demoralisieren.

Parallel kündigt Russland immer härtere Vergeltungsmaßnahmen für die vom Kreml als Terroranschläge angeprangerten Angriffe an. Und diesen Ankündigungen lässt Russland Taten folgen. Es verstärkt rapide seine Luftangriffe auf ukrainische Städte und lebenswichtige Infrastruktur und nutzt dabei aus, dass die Ukraine über immer weniger Abfangraketen verfügt – mit verheerender Wirkung. Die Zerstörung greift immer weiter um sich und die Zahl der zivilen Opfer steigt. Gleichzeitig versucht die Ukraine fieberhaft, sich auf den von ihr befürchteten bitterkalten Winter vorzubereiten.

In Europa wächst unterdessen die Sorge vor einer Ausweitung des Krieges.

In Europa wächst unterdessen die Sorge vor einer Ausweitung des Krieges: Ukrainische Drohnen und russische Raketen dringen – ob gewollt oder nicht – in den Luftraum von NATO-Mitgliedstaaten ein, und der Kreml droht, gegen die europäischen Unterstützer der Ukraine vorzugehen. Moskau verurteilt, dass Europa sich aus seiner Sicht militarisiert und für einen Krieg rüstet. Dem halten die europäischen Regierungen entgegen, die russische Aggression und Bedrohung der europäischen Sicherheit zwinge sie zu diesem Vorgehen.

Die heutige Situation lässt sich zwar nicht unmittelbar mit dem Sommer 1914 gleichsetzen. Doch Barbara Tuchmans August 1914 ist eine eindringliche Warnung vor dem Abrutschen in einen Weltkonflikt, der am Ende katastrophale Ausmaße annehmen würde, aber noch verhindert werden kann.

Zweitens ist – auch wenn es vielleicht überraschend klingt – die Zeit reif für eine Lösung. Beide Seiten müssen den Krieg so schnell wie möglich beenden. Kiew gehen die Soldaten aus, und es wird immer schwieriger, Männer für die Front zu mobilisieren. Je länger der Krieg andauert, desto unwahrscheinlicher wird es, dass die Millionen ins Ausland geflohenen Ukrainer zurückkehren. Solange der Konflikt andauert, steigen die Kosten für den Wiederaufbau weiter, die sich schon jetzt auf dreistellige Milliardenbeträge summieren.

Auch Russland hat mit einer demografischen Krise zu kämpfen und immer größere Mühe, genügend Soldaten für die Front aufzubringen. Die wirtschaftlichen Kosten steigen rapide und treten immer deutlicher zutage, während die Wirtschaft stagniert. Russland hat es versäumt, in Spitzentechnologien wie künstliche Intelligenz zu investieren, und fällt deshalb immer weiter hinter die Vereinigten Staaten und China zurück – die beiden Länder, an denen es seinen Rang als Großmacht misst.

Mit jedem weiteren Kriegstag verdüstern sich die Zukunftsperspektiven. Würde der Krieg jedoch heute enden, könnte jede Seite den Sieg für sich beanspruchen. Selenskyj könnte mit Recht geltend machen, er habe das bewahrt, was für die ukrainische Bevölkerung den höchsten Stellenwert hat: ihre Unabhängigkeit, ihre Souveränität und ihre europäischen Ambitionen. Putin könnte als russischen Erfolg feiern, dass der Versuch des Westens, Russland strategisch in die Knie zu zwingen, vereitelt wurde und man Millionen Russen in der Ostukraine von einem Regime in Kiew „befreit“ habe, das er als Neonazi-Regime bezeichnet.

Mit jedem weiteren Kriegstag verdüstern sich die Zukunftsperspektiven.

Möglicherweise glauben beide Seiten, sie könnten ihre Verhandlungsposition dadurch verbessern, dass sie weiterkämpfen. Doch der Krieg kommt sie so teuer zu stehen, dass sie politisch immer weniger Spielraum haben, ihre Maximalziele zu verfolgen, und eine Verhandlungslösung immer attraktiver wird.

Vor diesem Hintergrund braucht es dringend intensive Verhandlungen, um die Gunst der Stunde zu nutzen und den Konflikt zu beenden. Nur die USA haben den Zugang, den Einfluss und das politische Gewicht, die nötig sind, um bei umfassenden diplomatischen Bemühungen die führende Rolle zu übernehmen. Nur Washington kann sowohl mit Moskau und Kiew als auch bei Bedarf mit den wichtigsten europäischen Regierungen verhandeln. Allein sind Russland und die Ukraine dazu nicht in der Lage – deshalb liegt ihnen daran, dass sich Washington wieder aktiv einschaltet. Russland wird kein europäisches Land als ernst zu nehmenden Gesprächspartner akzeptieren, weil es Europa eine tief verankerte Russlandfeindlichkeit unterstellt.

Eine enge Abstimmung mit den europäischen Regierungen wird mit Sicherheit unverzichtbar sein, weil deren militärische Unterstützung und wirtschaftliche Ressourcen für eine dauerhafte Friedensregelung ebenso entscheidend sind wie ihre Sanktionspolitik und ihr langfristiges Bekenntnis zur Unabhängigkeit der Ukraine. Doch die führende Rolle bei den diplomatischen Bemühungen sollte Washington übernehmen.

Trump sollte seine beiden Unterhändler Steve Witkoff und Jared Kushner unverzüglich nach Kiew entsenden und damit für alle sichtbar den Dialog mit der ukrainischen Seite wiederaufnehmen. Anschließend müssten sie zu Gesprächen mit Putin nach Moskau reisen. Ein Durchbruch ist dabei nicht zu erwarten – vielmehr geht es darum, die Grundlage für eine intensive Phase der Pendeldiplomatie zu schaffen und die tiefen Gräben zwischen beiden Seiten zu überbrücken. Angesichts ihrer weiteren Aufgaben sollte Trump Witkoff und Kushner weitere Fachleute zur Seite stellen, damit die Verhandlungen Fahrt aufnehmen.

Der Erfolg ist nicht gesichert und wird sich auch nicht so schnell einstellen, wie Trump es gerne hätte. Doch es gibt jetzt eine reale Chance – vielleicht aber nicht mehr lange. Wenn Washington ausloten will, ob sich dieser Krieg beenden lässt, sollte es jetzt handeln, bevor sich durch eine Eskalation das diplomatische Zeitfenster wieder schließt, das sich aufgrund der Erschöpfung beider Seiten gerade erst zu öffnen beginnt.

Dieser Artikel erschien zuerst in der New York Times.

Aus dem Englischen von Christine Hardung