Es dauerte eine Weile, bis sich die Drohnenkriegsführung in der Ukraine durchsetzte. Wie jede Revolution verlief auch diese nicht ohne Widerstände. Gegenwehr leisteten vor allem ältere Generäle, die für den Kampf mit Artillerie und Panzern ausgebildet wurden. Zu Beginn des Krieges mit Russland hielten viele von ihnen Drohnen für Spielzeuge, die sich eher dafür eigneten, Hochzeitspartys aus der Luft zu filmen, als für den Einsatz auf dem Schlachtfeld. Jüngere Offiziere und Technikbegeisterte dagegen erkannten schon frühzeitig, dass Drohnen für die Verteidigung der Ukraine oder gar für ihren Sieg eine entscheidende Rolle spielen könnten.
Der Kriegsverlauf gibt der jüngeren Generation Recht. Drohnen verursachen mittlerweile mehr als 80 Prozent aller Verluste im Kampfgeschehen. Sie sorgen dafür, dass Panzer und Artillerie im Kriegsgebiet wie schwerfällige Relikte wirken. Zudem zwingen Drohnen mit Fernangriffen auf russische Ölraffinerien und andere Infrastruktureinrichtungen Moskau in die Defensive. Bis die Technologie sich durchsetzte, dauerte es allerdings Jahre.
„Anfangs hatten wir keine Finanzierung“, sagte Mychajlo Fedorow, der wichtigste Verfechter der Drohnenkriegsführung in der Ukraine, im vergangenen Jahr in einem Interview. Die Ukraine stellte 2023 die ersten Drohneneinheiten auf – etwa ein Jahr nach Beginn des russischen Großangriffs. „Wir klapperten Unternehmer ab, um Geld aufzutreiben, und sammelten Spenden über Facebook“, berichtete er. Damals war Fedorow Minister für digitale Transformation. In dieser Funktion war er nicht befugt, Waffen mit staatlichen Geldern zu beschaffen. Mit Beharrlichkeit, einem Sinn für Inszenierung und Geschick im Grabenkampf mit den Technokraten gelang es ihm, die Regeln der militärischen Beschaffung zu umgehen und sein Ministerium zur Drehscheibe für das noch junge ukrainische Drohnenprogramm zu machen. „Die Revolution fand innerhalb des Bürokratieapparats statt“, so Fedorow.
Das Gleiche galt für die Gegenrevolution. Deren Anführer saßen nur wenige Kilometer entfernt hinter der neoklassizistischen Fassade des Generalstabsgebäudes. Das Sagen hatte dort Oleksandr Syrsky, der Oberbefehlshaber der ukrainischen Streitkräfte. Er hatte seine militärtheoretische Ausbildung zu Sowjetzeiten absolviert und geriet immer wieder mit Fedorow bei der Frage aneinander, welche Rolle Drohnen im ukrainischen Waffenarsenal spielen sollten. Anfang des Jahres spitzte der Konflikt zwischen den beiden sich schließlich zu, als Fedorow das Verteidigungsministerium übernahm und damit Kontrolle über die Rüstungsbeschaffung erhielt.
In den vergangenen sechs Monaten wurden Fedorow und Syrsky immer wieder beim Schiedsrichter ihres Zwists, Präsident Wolodymyr Selenskyj, vorstellig und beschwerten sich übereinander. In diesem Monat wurden Selenskyj ihre ständigen Machtkämpfe letztendlich zu viel. Er beschloss, zunächst Fedorow und dann Syrsky zu entlassen. Die Frage, um die es bei ihrem Konflikt im Kern ging, löste er damit jedoch nicht. Soll die Ukraine mitten in einem Krieg, in dem es um ihr Überleben geht, ihren Verteidigungsapparat weiterhin auf eine Art und Weise umbauen, wie sie noch keine Militärmacht je versucht hat? Oder würde diese Strategie am Ende jene Streitkräfte schwächen, die gegen Russland die Stellung halten sollen?
Die Ukraine ist in ihren Kriegsanstrengungen nun mit einem Führungsvakuum konfrontiert. Keine der beiden Seiten verfügt über ein klares Mandat, das historisch beispiellose Experiment der Ukraine in der Kriegsführung entweder zu Ende zu führen oder den Kurs wieder umzukehren. Die Drohnenrevolution, die längst den Punkt erreicht hat, an dem es kein Zurück mehr gibt, hat ihren gewichtigsten Fürsprecher in den höchsten Regierungskreisen verloren. Die Folge könnte eine Unentschlossenheit sein, die sich das Militär nicht leisten kann.
Die Ukraine ist in ihren Kriegsanstrengungen nun mit einem Führungsvakuum konfrontiert.
Am Tag vor seiner Entlassung, appellierte General Syrsky an die Akteure in der Regierung, die auf technologische Beschleunigung setzen, auf die Bremse zu treten. Drohnen allein könnten die russische Armee nicht besiegen, und eine Silicon-Valley-Kultur sei kein Ersatz für militärische Disziplin, argumentierte Syrsky in einem Beitrag für Militarnyi, ein ukrainisches Online-Portal für Verteidigungsthemen. „Das ist ganz klar ein Vabanquespiel“, schrieb er mit Blick auf das Bestreben, Aufgaben von Soldaten an KI-Systeme outzusourcen. „Den Preis für Experimente dieser Größenordnung zahlen unser Land und unsere Bevölkerung.“
Einige Passagen des Artikels wirkten wie die Worte eines alten Mannes, der einer vorbeifliegenden Drohne die Faust hinterherreckt und frustriert ist, weil die ihm vertraute Welt sich verändert. Doch Syrsky, der 60 Jahre alt ist, brachte viele stichhaltige Argumente vor, die ich schon oft von hochrangigen Offizieren gehört habe. In jedem Krieg müssen die obersten Generäle die ihnen unterstellten Streitkräfte so koordinieren, dass sie wie ein in sich geschlossener Organismus funktionieren und Waffen und Taktiken nahtlos ineinandergreifen. Durch den Charakter des Kriegs in der Ukraine wird diese Aufgabe zu einer besonders gewaltigen Herausforderung.
Die Front erstreckt sich über mehr als 950 Kilometer und wird auf ukrainischer Seite von einem schier unüberschaubaren Aufgebot von Verbänden aus den unterschiedlichsten Teilstreitkräften verteidigt. Zu Beginn des Krieges gingen viele von ihnen dazu über, Geld zu sammeln und sich Waffen und Ausrüstung auf eigene Faust zu beschaffen. Mit Crowdfunding-Kampagnen in den sozialen Medien wurden enorme Summen aus aller Welt eingeworben, die zum großen Teil in den Kauf von Drohnen auf dem freien Markt flossen.
Durch diese Praxis entstand ein paralleles Beschaffungssystem innerhalb des Militärs, bei dem Kommandeure der unteren Führungsebenen Rüstungsgüter routinemäßig bei Lieferanten ihrer Wahl bestellten. Fedorow befürwortete diese Art der Beschaffung. Aus seiner Position im Ministerium für digitale Transformation heraus baute er einen Amazon-ähnlichen Online-Marktplatz auf, über den Drohnen und andere Hightech-Waffen an das Militär verkauft werden. Soldaten aller Dienstgrade können sich auf dem Brave1 Market durch Tausende von Produkten scrollen – von unbemannten Bodenfahrzeugen über ferngesteuerte Bomberdrohnen bis hin zu Mikrochips zur Nachrüstung dieser Systeme mit KI-gestützter Zielerfassung und weiteren Funktionen.
Der Marktplatz ist in der modernen Kriegsführung beispiellos. Wie alle großen Streitkräfte der Welt ist auch die ukrainische Armee gesetzlich verpflichtet, Waffen zentral über das Verteidigungsministerium zu beschaffen. Fedorow hielt dieses System für viel zu schwerfällig und korruptionsanfällig. Es könne Waffen nicht schnell genug bereitstellen, argumentierte er, und werde den sich ständig wandelnden Anforderungen der Soldaten an der Front nicht gerecht. Als Selenskyj ihn im Januar zum Verteidigungsminister ernannte, versuchte Fedorow, das herkömmliche Beschaffungssystem durch eine Markplatzvariante zu ersetzen.
Wie alle großen Streitkräfte der Welt ist auch die ukrainische Armee gesetzlich verpflichtet, Waffen zentral über das Verteidigungsministerium zu beschaffen.
Syrsky sah seine Autorität gefährdet – was man ihm kaum verdenken kann. Wenn nachgeordnete Offiziere selbst entscheiden können, wie sie ihre Soldaten ausrüsten, wird es schwieriger, alle Aspekte des Kampfgeschehens in der Balance zu halten. Die unteren Ränge mögen dieses System schätzen, weil es frei und flexibel ist, aber ihre Vorgesetzten in Kiew sehen das anders. „Der Generalstab legt dem Ministerium eine vollständige Bedarfsaufstellung für die Kriegsführung vor“, schrieb Syrsky in seiner Kolumne für „Militarnyi“ und zählte Artillerie, Mörser und „Dutzende weiterer Rüstungsgüter“ auf. „Es muss alles beschafft werden und nicht nur das, was gerade im Trend liegt.“
Als Fedorow seinen Posten verlor, hatten seine jahrelangen Bemühungen um die Hightech-Kriegsführung sich bereits ausgezahlt. Die Ukraine produziert inzwischen mehrere Millionen Drohnen pro Jahr und verringert damit ihre Abhängigkeit von ausländischer Militärhilfe. Den größten Anteil daran hat das komplexe Zusammenspiel aus Drohnenfabriken, Start-ups, Softwareentwicklern, Ausbildungszentren und militärischen Innovationstreibern, die dazu beitragen, die ukrainische Kriegsmaschinerie am Laufen zu halten. Der 35-jährige Fedorow ist seit Langem das Gesicht dieses Ökosystems und dessen wichtigster Fürsprecher in den Schaltzentralen der Macht. Es hätte Selenskyj daher nicht überraschen dürfen, dass Fedorows Entlassung heftige öffentliche Proteste auslöste. Tausende Demonstranten versammelten sich in Kiew und anderen Städten der Ukraine und verlangten seine Wiedereinsetzung. Viele von ihnen forderten, statt Fedorow solle Syrsky abgesetzt werden.
Der Präsident kam dieser Forderung nach und entließ den General, holte aber den Verteidigungsminister nicht zurück. Als Trostpflaster bot er Fedorow einen Sitz im Nationalen Sicherheits- und Verteidigungsrat an, einem Beratungsgremium, das in der Regel als „Altersheim“ für hochrangige Beamte und Militärs dient. Fedorow lehnte unter anderem deswegen ab, weil der Rat nicht befugt ist, Waffen zu beschaffen und auch die ehrgeizigen Reformen umzusetzen, die Fedorow unvollendet hinterlassen hat.
An die Stelle dieser beiden erfahrenen Mitglieder seiner Mannschaft setzte Selenskys zwei weniger bekannte Personen. Beide verfügen zwar über militärische Erfahrung und genießen hohes Ansehen, aber es fehlt ihnen an der institutionellen Durchsetzungskraft und vielleicht auch an der Bereitschaft, die bürokratischen Machtkämpfe fortzuführen, die ihren Vorgängern zum Verhängnis wurden. Die offensichtlichste Gemeinsamkeit der beiden ist wohl ihr junges Alter. Der neue amtierende Verteidigungsminister Jewhenij Chmara und der neue Oberbefehlshaber der Streitkräfte, Mychajlo Drapatyj, gehören beide zur gleichen Generation wie Fedorow und Selenskyj. Sie haben nie an den sowjetischen Militärakademien studiert, an denen Syrsky jene Militärdoktrin erlernte, auf die er sich während des gesamten Krieges gestützt hat.
Das bedeutet allerdings nicht, dass die jüngere Generation das Mandat erhalten hat, Fedorows radikalere Reformagenda fortzusetzen. Diesen Auftrag hat Selenskyj ihnen nicht erteilt. Die neu ernannten Amtsinhaber werden wahrscheinlich auf denselben Widerstand der älteren Führungskräfte im Generalstab stoßen. Ohne Fedorow an der Spitze des Verteidigungsministeriums wird die ukrainische Revolution in der Kriegsführung ihren wichtigsten Vorkämpfer und einen Großteil ihrer Dynamik verlieren – ausgerechnet in dem Moment, in dem die Innovationen sich allem Anschein nach auszahlen.
© The Atlantic Online
Aus dem Englischen von Christine Hardung




