Im Januar erklärte der kanadische Premierminister Carney in Davos den versammelten Mittelmächten, wer sich vom Verhandlungstisch fernhalte, lande am Ende auf der Speisekarte. Der Satz fand Anklang, weil er eine reale Angst in vielen Hauptstädten Europas und im Globalen Süden benannte. Um nicht auf der Speisekarte zu landen – oder Spielball der Großmächte zu werden –, sollen die Mittelmächte kooperieren: Länder, die sich nicht ausliefern wollen, suchen sich „likeminded partners“.
Von „Swing States“ bis zur „vierten Welle des Mittelmächte-Aktivismus“ – die Denkfabriken überbieten sich derzeit mit Konzepten für eine Welt, in der sich die Mitte neu organisiert. Die Stimmung ist unverkennbar. Die Mittelmächte werden sich zu einer Art Gegenpol zusammenschließen müssen. So lautet die derzeit viel diskutierte Devise. Sie ist verführerisch – und falsch, wenn auch nicht in der Weise, wie ihre schärfsten Kritiker meinen.
Beginnen wir mit der Bilanz von Mittelmächtekooperation. Das Experiment wurde bereits mehrfach durchgeführt, und immer zerfiel der Kooperationswille schneller, als ihn Rhetorik tragen konnte: Als Impfstoffe knapp waren, hielt der kooperative Reflex kaum länger als ein paar Wochen. Die Europäische Union führte Exportkontrollen für Impfdosen ein und Indien, die Apotheke der Welt, stoppte die Exporte, als die zweite COVID-Welle ausbrach. Als Donald Trumps Liberation Day-Zölle im April 2025 fast alle Handelspartner gleichzeitig trafen – das war genau jene Eskalation, die nach Carney eine gemeinsame Antwort erfordert hätte –, schlugen diverse Länder jeweils ihren eigenen Weg nach Washington ein. Der Instinkt war eben nicht, in Brüssel, Tokio oder Seoul anzurufen. Er riet, im Weißen Haus anzurufen und allein zu verhandeln.
Der kanadische Premier Carney, der Prophet der Mittelmächtekooperation, hatte seine eigene Predigt bereits widerlegt, bevor er sie hielt.
Die eleganteste Widerlegung der fortschreitenden Mittelmächtekooperation lieferte Carney selbst. Nur wenige Tage bevor er in Davos davor warnte, allein mit den Großmächten zu verhandeln, war er in Peking und tauschte eine Senkung der kanadischen Zölle auf chinesische Elektrofahrzeuge gegen Erleichterungen bei Raps ein. Der Prophet der Mittelmächtekooperation hatte seine eigene Predigt bereits widerlegt, bevor er sie hielt. Er war nicht allein. In denselben Wochen suchten auch andere Regierungschefs ihre eigenen Kanäle nach Peking, jeder entlang der eigenen Risikolage, jeder mit der eigenen Rechnung.
Michael Beckley hat diese Beobachtung in Foreign Affairs zu einem vernichtenden Argument verdichtet. Die Welt sei nicht multipolar, sondern hierarchisch: zwei Supermächte oben – darunter ein Feld an kleineren Akteuren. Die Kluft zwischen den beiden Großen und dem Rest sei so enorm, dass selbst die breiteste Koalition von Mittelmächten keinen eigenen Pol bilden könnte. Dazu kommt ein Zielkonflikt: Je größer eine Koalition wird, desto mehr Gewicht bringt sie mit – und desto schwieriger ist sie zusammenzuhalten. Vor allem fehlt ihr ein Anker, der bereit wäre, die Kosten der Führung zu tragen: Minilateralformate, die funktionieren – allen voran der QUAD –, funktionieren nicht, weil Mittelmächte plötzlich gelernt haben, sich selbst zu organisieren, sondern weil Washington ihnen Halt gibt. Der Pol bleibt der Anker.
Eine wirksame Mittelmächtekooperation ist eben Wunschdenken. Lässt man dieses beiseite, ist die Mitte kein geopolitischer Supermarkt, in dem man in einem Gang Sicherheit und im nächsten Marktzugang einkauft. Beckley zieht daraus eine harte Schlussfolgerung: Man solle aufhören, sich nach Koalitionen umzusehen, und sich stattdessen einen Schutzherrn aussuchen, nationale Stärke aufbauen und innerhalb dieses Systems um Einfluss verhandeln. Alignment statt Autonomie. Und genau hier geht er – nachdem er die Optimisten zu Recht widerlegt hat – in die andere Richtung zu weit. Fast beiläufig räumt er selbst ein, dass einige wenige große Mittelmächte, darunter Indien, sich möglicherweise mehr Handlungsspielraum bewahren können als andere.
Beide Lager haben also zur Hälfte recht – und beide gehen zu weit. Die Optimisten haben recht, dass es eine strategische Annäherung gibt, aber Unrecht, wenn sie daraus Koordination oder gar Allianzbildung ableiten. Beckley hat recht, dass keine Mittelmächtekoalition einen eigenen Pol bilden kann, aber Unrecht, wenn er daraus folgert, die Alternative sei Lagerbildung. Der gemeinsame Denkfehler liegt darin, dass beide das aktuelle Momentum mit Strukturbildung verwechseln: Nur weil Staaten für eine gewisse Zeit ähnliche Interessen verfolgen, entsteht daraus noch keine belastbare politische Formation – weder Pol noch Lager. Wir stecken in einem Interregnum, einer Zeit der Umbrüche und Neuerungen. Die alte Ordnung gilt formal noch, bindet aber nicht mehr richtig. Eine neue ist noch nicht in Sicht. Solche Übergänge erzeugen tatsächlich Konvergenzen. Im selben Chaos merken mehrere Staaten gleichzeitig: Diversifizierung schlägt Abhängigkeit, Absicherung schlägt Wetten. Aber Konvergenz ist nur ein Nebenprodukt gleicher Umstände und Rahmenbedingungen. Sie hält, solange die Umstände halten, und verpflichtet niemanden. Koordination dagegen ist eine Struktur: gemeinsames Ziel, gegenseitige Bindung, die Bereitschaft, für einen Partner Kosten zu tragen, sowie die Schaffung von Institutionen.
Die regelbasierte Ordnung und das bedingungslose Vertrauen in den Multilateralismus waren das Betriebssystem – das vorbei ist.
Betrachten wir die Beziehung, die ich am aufmerksamsten verfolge, weil sie beide Theorien auf einen Schlag widerlegt: Indien und Europa. An Konvergenzen mangelt es nicht: Im Januar schlossen beide Seiten ein Freihandelsabkommen ab und unterzeichneten eine Sicherheits- und Verteidigungspartnerschaft. Europäische Militärgüter verdrängen russische aus Teilen des indischen Auftragsbuchs. Beide Seiten wollen einen freieren Indopazifik, robustere Lieferketten und weniger Abhängigkeit von China. Die Zusammenarbeit ist real, und sie dürfte sich vertiefen. Aber: Genau hier verläuft die Grenze. Indien wird sich nicht von Moskau distanzieren, nur weil Brüssel es gerne so hätte. Auch China betrachten Indien und Europa aus unterschiedlichen Blickwinkeln: Für Delhi ist China eine Grenzmacht, ein militärischer Gegner und Pakistans Schutzmacht; für Brüssel ist China vor allem ein Handels-, Technologie- und Resilienzproblem auf Distanz. Differenzen gibt es auch bei Arbeits- oder Umweltstandards, die Indien als grünen Protektionismus liest. Tiefe Zusammenarbeit und ungelöste Gegensätze, beschlossen im selben politischen Paket.
Das ist die Beschaffenheit dieser Übergangsphase. Und sie widerlegt beide Entwürfe. Indien und Europa werden sich nicht zu einem Pol zusammenschließen, die WTO retten oder einen „vierten Weg“ der Weltordnung verankern. So viel zur Koalition. Aber Indien wird sich auch nicht auf die Seite Europas oder irgendeines anderen Lagers schlagen. So viel zur Lagerbildung. Was zwischen ihnen besteht, ist weder Block noch Bündnis, weder Schutzherrschaft noch Äquidistanz, sondern eine Bilanz sich überschneidender und widersprüchlicher Interessen, die Zeile für Zeile verhandelt wird. Das ist sehr viel wert. Es ist nur nicht das, was beide Theorien daraus machen wollen.
Was sollten Mittelmächte tun? Weniger träumen, mehr rechnen. Erstens: nationale Interessen nüchtern definieren, befreit von der sentimentalen Annahme, dass gleichgesinnte Demokratien einander automatisch zu Hilfe eilen. Zweitens: Zusammenarbeit so nehmen, wie sie tatsächlich kommt: intensiv, aber punktuell – von Thema zu Thema. Dauerhafte Rahmen sollten dort entstehen, wo sich Interessen wirklich und nachhaltig überschneiden: Verteidigungsindustrie, kritische Mineralien, Technologiestandards, maritime Sicherheit, Lieferketten. Überall sonst sollte man opportunistische, zeitlich begrenzte Vereinbarungen treffen und sie ohne Bedauern auslaufen lassen, wenn sich das Blatt wendet. Vor allem aber sollten die alten Blaupausen ad acta gelegt werden. Die regelbasierte Ordnung und das bedingungslose Vertrauen in den Multilateralismus waren das Betriebssystem – das vorbei ist. Sich heute nur darauf zu berufen, ist keine Strategie, sondern Nostalgie.
Die Mittelmächte verfügen in dieser Übergangsphase durchaus über echten Handlungsspielraum. Am besten nutzen sie ihn, indem sie ehrlich benennen, was dieser Moment ist: eine Phase strategischer Annäherung, in der sich Interessen in bestimmten Politikfeldern überlappen – nicht die Entstehung einer Koordinationsstruktur und kein Aufruf, universell Partei zu ergreifen. Eine Strategie, die diesen Unterschied erkennt, wird das Interregnum überdauern. Eine Strategie, die Konvergenz mit Struktur verwechselt – ob im Traum vom Mittelmächteblock oder in der Forderung nach Lagerbindung –, wird es nicht tun. Für Berlin und Brüssel heißt das: die Partnerschaft mit Delhi, Tokio oder Brasilia nicht als Vorstufe einer Allianz missverstehen, sondern als das nehmen, was sie ist, nämlich ein Geschäft auf Gegenseitigkeit, Zeile für Zeile verhandelt.




