Zunächst herrschte Wut über den Verrat Amerikas, als Präsident Trump die Annexion Kanadas forderte, Grönland bedrohte, seinen Verbündeten Zölle auferlegte und seine Kampagne zur Schwächung der NATO startete, die sich bei deren jüngstem Treffen in dieser Woche in Ankara, Türkei, fortsetzte. Nun macht sich in einigen der Länder, die früher als Amerikas Verbündete galten, ein seltsames Gefühl breit: optimistische Entschlossenheit. Im Schach gibt es einen bewährten Grundsatz, der auch für die Geopolitik gilt: „Eine Drohung ist stärker als ihre Ausführung.“ Die Vorstellung, dass sich die USA aus der Weltordnung zurückziehen könnten, war erschreckend. Die Realität entpuppt sich nun als Neuanfang.
Kanada, Amerikas Nachbar, hat dies natürlich als Erstes erkannt. Seit Beginn von Trumps zweiter Amtszeit betrieben die USA eine aggressive Handelspolitik. Infolgedessen musste Kanada abwägen, was die amerikanische Gunst oder Missgunst dem Land wert ist. Die Bank of Canada hat kürzlich ein Szenario durchgespielt, in dem die Vereinigten Staaten einen Zoll von 25 Prozent auf alle kanadischen Exporte in die USA erheben. Kanadas Bruttoinlandsprodukt-Wachstum würde sich um etwa 2,4 Prozentpunkte verlangsamen, was – über einen Anpassungszeitraum hinweg – durchaus im Rahmen der Möglichkeiten Kanadas liegt. Sicherlich ein Desaster, aber nicht das Ende der Welt. Das ist das Worst-Case-Szenario.
Eine aktuelle Studie von Ökonomen des Canadian Shield Institute (die im Auftrag des Podcasts Gloves Off, den ich moderiere, durchgeführt wurde) ergab, dass die kanadischen Warenexporte in die Vereinigten Staaten im vergangenen Jahr um über 30 Milliarden kanadische Dollar (21 Milliarden US-Dollar) zurückgingen. Das entspricht mehr als fünf Prozent der Exporte in die Vereinigten Staaten. Doch dieser Verlust wurde durch eine neue Nachfrage aus dem Rest der Welt von fast 29 Milliarden kanadischen Dollar ausgeglichen. Bezieht man Dienstleistungen mit ein, stiegen die Gesamtexporte aus Kanada sogar um fast sieben Milliarden Dollar. Amerika kann drohen, so viel es will, aber wenn man über Aluminium, Öl oder Kali verfügt, wird es immer jemanden geben, der es kauft.
Das gilt nicht nur für Kanada. Europäische Aktien schnitten 2025 besser ab als amerikanische und legten auch in den ersten beiden Monaten des Jahres 2026 kräftig zu. Die 2024 eingeführte Europäische Verteidigungsindustriestrategie sorgt dafür, dass ein größerer Teil der rasch steigenden europäischen Militärausgaben auf dem Kontinent bleibt. Und nachdem die Androhung des Anti-Zwangs-Instruments der Europäischen Union – der sogenannten „Handelsbazooka“, die rasche Gegenzölle ermöglicht – Herrn Trump dazu zwang, von seinen frühen Drohungen gegenüber Grönland abzurücken, wissen die Europäer nun, dass sie ihre eigene Straße von Hormus haben – ihren eigenen Hebel: Amerikas Schwachpunkt, der Washington zum Zurückschrecken bringen kann.
Auch amerikanische militärische Drohungen verlieren zunehmend an Wirkung. Wenn uns die jüngste Geschichte etwas gelehrt hat, dann ist es, dass man, wenn die Vereinigten Staaten beschließen, ein geopolitisches Ziel mit militärischer Gewalt zu erreichen, ziemlich sicher davon ausgehen kann, dass dieses Ziel nicht erreicht wird. Gegen alle Erwartungen hat das korrupte und grausame Regime im Iran in einem Krieg mit den Vereinigten Staaten seine Macht bewahrt und erfährt nun sogar eine Lockerung der Sanktionen. Während das US-Militär völlig neue Formen der Niederlage erfindet, haben die Golfstaaten und ihre Flughäfen während des Iran-Kriegs genau gelernt, was eine amerikanische Sicherheitsgarantie wert ist.
Beim NATO-Treffen in Ankara, bei dem Trump verbündete Nationen – insbesondere Spanien – beschimpfte und seine Forderung nach einer US-Kontrolle über Grönland wiederholte, nahmen die Regierungschefs Spaniens und Dänemarks Herrn Trumps Äußerungen als die leeren Drohungen wahr, die sie offensichtlich sind. Der kanadische Premierminister Mark Carney mag zwar sagen, dass Herr Trump die „Debatte“ über die Erhöhung der Verteidigungsausgaben von NATO-Mitgliedern „gewonnen“ habe. Der Grund, warum sie jetzt mehr ausgeben, könnte allerdings darin liegen, dass sie wissen, dass die amerikanische Militärmacht im Rückzug begriffen ist. Amerikanische Unterstützung – was auch immer das heute noch bedeuten mag – garantiert nichts.
Die postamerikanische Realität ist natürlich keine Welt ohne Amerika.
Das betrifft nicht nur die NATO. Bürokratien, die einst von Trägheit geprägt waren, handeln mit überraschender Geschwindigkeit, um ihre Abhängigkeit sowohl von der US-Regierung als auch von den Unternehmen zu begrenzen, die als Vorposten amerikanischer Macht dienen. Seit ihrem Amtsantritt vor etwas mehr als einem Jahr hat Carneys Regierung etwas mehr als 100 internationale Handelsabkommen geschlossen. Die Europäische Union hat ihre Verteidigungsbeschaffungen bewusst ausgeweitet, um eine Verflechtung mit den amerikanischen Streitkräften zu vermeiden. Die Loslösung von amerikanischer Technologie wird der schwierigste Knoten sein, den es zu lösen gilt, doch auch hier sind die Arbeiten bereits im Gange: Die Europäische Union ist von Google auf die französische Suchmaschine Qwant als Standardsuchmaschine in ihren offiziellen Systemen umgestiegen. Gleichzeitig haben sich Belgien und Finnland beide bereits von Amazon Web Services abgewendet.
Die postamerikanische Realität ist natürlich keine Welt ohne Amerika. Als geopolitischer Akteur sind die Vereinigten Staaten zu einer Art schwerfälligem Zombie geworden – einem Ungeheuer, das zwar zu reflexartigen Handlungen aufgeschreckt werden kann, das aber keine höheren Funktionen hat. Ein Großteil der Welt versteht, dass eine weitere Wahlrunde bei den Zwischenwahlen oder im Jahr 2028 nichts lösen wird. Das amerikanische Volk ist so gespalten, dass die Zukunft chaotisch sein wird, egal wer gewinnt, so die Einschätzung vieler außerhalb der Vereinigten Staaten. Sie befürchten, dass selbst ein vernünftiger republikanischer oder demokratischer Präsident nicht in der Lage wäre, eine stabile amerikanische Politik oder die konsequente Anwendung selbst der vagsten Prinzipien in den internationalen Beziehungen zu gewährleisten.
„Was ist Amerika?“, ist keine große theoretische Frage mehr. Es ist eine praktische Angelegenheit. Die Gouverneure einer Reihe von US-Bundesstaaten haben vernünftige politische Programme. Die amerikanischen Institutionen bestehen weiter. Einige Amerikaner haben sogar ihre Ideale bewahrt. Aber was die als Vereinigte Staaten von Amerika bekannte Einheit betrifft, so gibt es diese nicht mehr. Es gibt kein Amerika, mit dem man verhandeln könnte. Ein zunehmend isolationistisches Amerika ist nicht mehr der Anführer der freien Welt. Wie könnte es das auch sein, wenn es nicht einmal mehr Anführer seiner selbst ist?
Wahre Sicherheit lässt sich nur dadurch erreichen, dass man sein Land so weit wie möglich aus dem amerikanischen Einflussbereich herauslöst.
„Zombie-Amerika“ schafft, zumindest kurzfristig, Widersprüche. In Kanada ist das gemeinsam mit den Vereinigten Staaten betriebene North American Aerospace Defense Command weiterhin unser wichtigstes Bündnis. Dennoch haben auch hier Beamte begonnen, den Umgang mit Drohnen zu trainieren, um auf die Möglichkeit eines asymmetrischen Konflikts mit den Vereinigten Staaten vorbereitet zu sein. Wahre Sicherheit lässt sich nur dadurch erreichen, dass man sein Land so weit wie möglich, und in jeder Hinsicht, aus dem amerikanischen Einflussbereich herauslöst.
„Eine Drohung ist stärker als ihre Ausführung“, lautete die Weisheit von Aron Nimzowitsch, einer führenden Persönlichkeit der hypermodernen Schachschule. Der Grund, warum dies auf das Schachbrett zutrifft, ist, dass all die Zeit und Energie, die man darauf verwendet, herauszufinden, wie man eine Katastrophe vermeiden kann, sich letztendlich als schlimmer erweist als die Katastrophe selbst. Sobald das Schlimmste eingetreten ist, kann man sich auf schrittweise Verbesserungen konzentrieren, anstatt auf Vermeidung. Man kann aktiv statt passiv werden. Auch in der Geopolitik besteht ein Großteil der Macht aus dem Anschein von Macht.
Jeder, der an Freiheit und Demokratie, an die Würde des Menschen und an das Selbstbestimmungsrecht der Nationen glaubt, sollte darauf hinarbeiten, die Fähigkeit der Vereinigten Staaten zur Machtprojektion zu zerstören – um den skurrilen Einfluss zu beenden, den sie auf die Welt ausüben, damit wir alle weitermachen können. Bislang hilft niemand mehr dabei als die Vereinigten Staaten selbst.
Dieser Artikel erschien ursprünglich in The New York Times.




