Im Juni 2020 prangte auf der Startseite von Amazon.com prominent der Schriftzug „Black Lives Matter“. Unternehmen von Amazon bis Nintendo nutzten ihre PR-Kanäle, um uns daran zu erinnern: Black Lives Matter.
Amazon-Gründer Jeff Bezos war so stolz auf die Haltung des Unternehmens, dass er die E-Mail einer verärgerten Kundin auf Instagram veröffentlichte, damit alle sie lesen konnten. Die Kundin hatte sich daran gestört, dass das Unternehmen zu Black Lives Matter politisch Stellung bezog. Bezos veröffentlichte auch seine Antwort. Darin beklagte er das „unverhältnismäßig hohe Risiko, dem Schwarze in unserem Strafverfolgungs- und Justizsystem ausgesetzt sind“. Der Kundin namens Marcy ließ er wissen, er stehe hinter „dieser Bewegung, die wir überall um uns herum erleben“, und werde seine Haltung nicht ändern.
Für einen der reichsten Männer der Welt war das ein bemerkenswerter Schritt. Mir fällt kein zweiter Milliardär ein, der die an ihn gerichtete E-Mail einer x-beliebigen Person gepostet hätte, um diese öffentlich bloßzustellen und seine eigenen Tugenden zur Schau zu stellen.
Damals hatte das, was wir heute Wokeness nennen, seinen Höhepunkt erreicht: ein Bündel kulturell progressiver Vorstellungen, denen zufolge sich die gesamte Gesellschaft gegen Minderheiten verschworen habe und man bereit sein müsse, von den üblichen Grundsätzen des Liberalismus abzuweichen, um bestimmte unterdrückte Gruppen gezielt zu bevorzugen und so diese Ungerechtigkeiten zu korrigieren. Auf dem Papier klingt das vollkommen vernünftig, aber in der Praxis erwies es sich am Ende als Desaster gerade für diejenigen, denen damit geholfen werden sollte.
Universitäten, die auf standardisierte Zulassungstests verzichteten, schadeten damit letzten Endes gerade den Benachteiligten. Der massive Abbau der Polizeipräsenz nach 2020 ließ die Zahl der Morde an jungen afroamerikanischen Männern sprunghaft steigen, weil der Kriminalität kaum noch Einhalt geboten wurde. Maoistische Selbstkritik und regelrechte Hexenjagden in progressiven Organisationen wie Zeitungen, gemeinnützigen Einrichtungen oder Hochschulen taten der Rechten nicht weh, lähmten aber viele linke Organisationen ausgerechnet in einer Zeit, in der das Land sie am dringendsten brauchte. Ein zum US-Senator gewählter Komiker, der an der Verabschiedung eines Gesetzes zur Stärkung der Opferrechte bei sexuellen Übergriffen mitgewirkt hatte, wurde wegen vergleichsweise geringfügigen Fehlverhaltens, das er mit einer Entschuldigung leicht hätte bereinigen können, aus dem Amt gedrängt.
Das progressive Lager in Amerika wurde mehr und mehr zur Kopie der politischen Ordnung im Libanon.
Und wo stehen wir heute, nachdem die Wokeness das Land ein Jahrzehnt lang – von 2014 bis 2024 – im Griff hatte? Donald Trump ist wieder im Amt. Seine Regierung hat die Aufnahme von Flüchtlingen in die USA praktisch vollständig gestoppt – mit Ausnahme weißer Südafrikaner, die von der Apartheid profitiert hatten. Möglicherweise regiert heute die rassistischste US-Regierung seit Teddy Roosevelt oder Woodrow Wilson. Zehn Jahre erbitterte Proteste und ein progressiver McCarthyismus haben nichts weiter bewirkt, als einigen der übelsten Kräfte am äußersten rechten Rand zu mehr Macht zu verhelfen.
Vor diesem Hintergrund sollte niemand überrascht sein, dass der stolze angebliche Rassismus-Gegner Bezos bei Trumps Amtseinführung auftauchte und für die Feierlichkeiten eine Million Dollar springen ließ. Es ist kein Widerspruch, wenn Bezos 2020 auf dem Höhepunkt der kulturellen Revolution des progressiven Amerika das Wokesein für sich entdeckt und sich später hinter Trump stellt und aus der Washington Post alle Stimmen entfernt, die das erschreckende Ausmaß der wirtschaftlichen Ungleichheit in Amerika kritisieren.
Der Grund dafür ist, dass die Wokeness Amerikas Eliten zu keinem Zeitpunkt infrage stellte. Amazon und Bezos haben sie nicht etwa vereinnahmt und sie war für die Eliten von vornherein keine ernsthafte Bedrohung.
Einige Jahre bevor Amerikas „wokes“ Zeitalter mit den Protesten in Ferguson, Missouri, seinen Anfang nahm, hatte ich über die Occupy-Wall-Street-Proteste berichtet. Etwas Derartiges hatte ich noch nie erlebt. Amerikanerinnen und Amerikaner aus allen Gesellschaftsschichten taten sich zusammen und erklärten, die Wall Street sei zu mächtig und Wohlstand für viel zu viele Menschen unerreichbar. Doch schon bald nahmen bei Occupy das gegenseitige Anprangern vermeintlicher Privilegien und jene sektiererischen Tendenzen überhand, die in der Folge zehn Jahre lang die progressive Linke prägten. Wer weiß war, musste gegenüber Schwarzen zurücktreten. Wer schwul war, sollte einen eigenen Raum bekommen, um zu Wort zu kommen, statt von Heterosexuellen übertönt zu werden. Und von all den weißen Männern, die Bernie Sanders unterstützten, will ich gar nicht erst anfangen. Eine Dreistigkeit!
Das progressive Lager in Amerika wurde mehr und mehr zur Kopie der politischen Ordnung im Libanon. Wir waren nicht länger die 99 Prozent, sondern ein Nebeneinander verschiedener Farben und Schattierungen – ganz ohne Überschneidungen. Wer wollte da noch behaupten, jemand aus der weißen Arbeiterschaft habe dieselben Interessen wie jemand aus der schwarzen Arbeiterschaft? Wurde ein weißer Arbeiter oder eine weiße Arbeiterin jemals mit dem N-Wort beschimpft? Wie Jeff Bezos in dem erwähnten Post schrieb, muss sein weißer Sohn nicht die Sorge haben, von einem Polizisten gewürgt zu werden. So ganz stimmt das zwar auch nicht, aber spielt vielleicht der Umstand, dass Bezos Milliardär ist, eine größere Rolle als die Hautfarbe?
Wenn Alexandria Ocasio-Cortez erzählt, „Woke 1.0“ sei ein Irrsinn gewesen, und damit in die gleiche Kerbe haut wie zuvor ein New Yorker Stadtrat, hat sie nicht Unrecht. Es war allerdings mehr als ein vorübergehender Wahn, der Amerikas progressive Klasse erfasste. Es war ein Akt der Selbstzerstörung, der nicht im Geringsten die Macht der amerikanischen Eliten berührte, die Armen und Benachteiligten dafür aber umso stärker in Gefahr brachte.
Die englische Originalversion des Artikels erschien zuerst bei The American Saga.
Aus dem Englischen von Christine Hardung




