Vor einem Monat sorgte der Anschlag auf den Berliner CSD für Aufregung in der politischen Öffentlichkeit. Dabei verlief die Debatte entlang gewohnter Fronten. Während die einen die Gefahren des Islamismus und seine Verharmlosung durch linke Akteure betonten, wiesen andere auf die Mitverantwortung rechter Akteure hin, die den Boden für eine solche Tat bereitet hätten. In der Öffentlichkeit wurde der Anschlag vor allem mit Queerfeindlichkeit verbunden.
Die Deutung politischer Ereignisse ist in Zeiten des digitalen Lagerkampfs stark von Emotionen geprägt. Auch bei Terrorakten etablieren alle Seiten schnell ihre Narrative, in denen sich ihre gefühlten Wahrheiten widerspiegeln. Es lohnt sich daher, mit etwas Abstand auf die Gewissheiten zu schauen, die sich rund um den Anschlag eingestellt haben – auch auf seine Einordnung als queerfeindliche Tat. Halten sie einer nüchternen Betrachtung stand?
Das ist mehr als eine Frage der richtigen Einordnung. Wie ein Anschlag gedeutet wird, bestimmt auch, welche politischen Konsequenzen daraus gezogen werden. Außerdem können die Deutungskämpfe bestehende gesellschaftliche Konflikte weiter verschärfen – und damit selbst Teil der Wirkung des Anschlags werden. Denn Terrorismus zielt, so eine Binse der Terrorismusforschung, nicht nur auf seine unmittelbaren Opfer, sondern auf die Provokation politischer und gesellschaftlicher Reaktionen. Er ist laut Peter Waldmann eine „Kommunikationsstrategie“; die Opfer sind Mittel zum Zweck.
Eine Deutung des Anschlags ragt dabei besonders heraus: Er speise sich aus demselben geistigen Übel, für das auch die politische Rechte stehe, nämlich Queerfeindlichkeit. Entsprechend wurde nach dem Anschlag auch eine Mitverantwortung des rechten Lagers, insbesondere der extremen Rechten, diskutiert.
Doch wird diese Deutung dem Charakter der Tat gerecht? War der Anschlag überhaupt queerfeindlich? Die Frage mag irritieren: Das Ziel war schließlich eindeutig ein queeres Event. Doch gerade das Naheliegende lohnt einen zweiten Blick. Denn die entscheidende Frage lautet, ob der CSD wegen seines queeren Charakters zum Ziel wurde – oder als besonders sichtbares Symbol einer offenen, pluralistischen und säkularen, also westlichen Lebensweise.
Terroranschläge werden schnell durch das eigene politische Weltbild interpretiert. Gerade bei widersprüchlichen Täterprofilen sucht sich jede Seite heraus, was in die eigene Storyline passt – inklusive der passenden Schuldzuweisung. So gibt die Rechte bei islamistischen Anschlägen regelmäßig der Linken eine Mitschuld. Auf der linken Seite wiederum dominierte häufig der Vorwurf an Rechte, sie würden solche Anschläge für antimuslimische Hetze instrumentalisieren. Entsprechend wurde der islamistische Hintergrund bisher relativiert oder zumindest kommunikativ eingehegt.
Beim Anschlag auf den CSD verschob sich dieses Muster nun, da das Anschlagsziel eine Deutung der Tat als queerfeindlich nahelegt – und so andere Bezüge ermöglicht. Während es manchen Linken eine Brücke baut, Islamismus zu problematisieren – nun des rechtsextremen Geschäfts unverdächtig –, hilft es anderen, direkt zur Mitverantwortung der Rechten und sogar Konservativen zu springen, statt nur vor rechter Instrumentalisierung zu warnen.
Muslime sollen ausgegrenzt und dadurch in die Arme der Islamisten beziehungsweise in den Dschihad getrieben werden.
Doch diese Deutung ist selektiv. Sie betrachtet den Berliner Anschlag isoliert, statt ihn in die Reihe IS-naher Anschläge der vergangenen Jahre einzuordnen, die seit 2023 wieder zugenommen haben. Wie Peter R. Neumann zeigt, richten sich diese häufig gegen Menschen, die aus Sicht der Täter schlicht als „Ungläubige“ oder „Feinde des Islam“ gelten. Auch jüdische Ziele spielen eine besondere Rolle.
Die Anschläge treffen immer wieder öffentliche Zusammenkünfte: Bataclan und Stade de France in Paris, die Feierlichkeiten zum französischen Nationalfeiertag in Nizza, das Musikfestival in Ansbach, die Weihnachtsmärkte am Berliner Breitscheidplatz und in Straßburg, das Ariana-Grande-Konzert in Manchester, das Stadtfest in Solingen – und nun den Berliner CSD. Die Anschlagsziele sind also recht unterschiedlich, aber gemeinsam ist ihnen: Sie stehen für die westliche Lebensform. Und für die steht auch der CSD – gerade aus Sicht von Islamisten.
Die Queer-Community ist vom jüngsten Anschlag unmittelbar betroffen. Entsprechend nachvollziehbar sind ihre Reaktionen. Aus sicherheitspolitischer Perspektive ist queeres Leben jedoch „nur“ eine Teilmenge einer größeren Zielkategorie, so wie es zuvor Christen, Besucher eines Nationalfeiertags, Metal-, Fußball- oder Popfans waren. Zumal der CSD längst mehr als eine Veranstaltung von LGBTI-Menschen ist.
Der CSD ist ein offenes, hedonistisches Großereignis, ein Symbol progressiver Kultur im Besonderen und westlicher Lebensweise im Allgemeinen. Wie entscheidend die zweite Kategorie ist, zeigt ein Gedankenexperiment: Hätte der Täter wenige Wochen später den Berliner „Zug der Liebe“ angegriffen, hätte die Tat problemlos ins Muster IS-naher Anschläge gepasst. Die anschließende Debatte über Queerfeindlichkeit und eine Mitverantwortung der politischen Rechten hätte dagegen kaum funktioniert.
Das heißt nicht, dass Queerfeindlichkeit keine Rolle spielt. Solche Taten werden häufig von „einsamen Wölfen“ ausgeführt. Mal gibt es Kontakt zum IS und ein wenig Instruktion, mal handeln die Täter autonom und ordnen sich, wie Abdul B., selbst der Gruppe zu. Bei der Wahl des Anschlagsziels können deshalb individuelle Motive wie Queerfeindlichkeit durchaus eine Rolle spielen. Dennoch bleibt dieser Aspekt sekundär, wenn man die Tat nicht isoliert, sondern als Teil einer Serie von Anschlägen betrachtet.
Im Kontext der Anschlagsserie ist dagegen die strategische Dimension entscheidend. Die einzelnen Täter denken dabei meist nicht selbst strategisch. Oft sind sie labil, handeln aus diffusem Hass, sind vom IS fasziniert oder suchen eine Art Erlösung. Ihre Taten fügen sich dennoch in die Strategie des IS ein, der zu solchen Anschlägen motiviert. Ihm geht es darum, gesellschaftliche Spannungen aufzuladen – und auch darum, antimuslimischen Hass zu provozieren.
Wie einst im Dabiq-Magazin dargelegt, zielt der IS auf eine „Auslöschung der Grauzone“: Muslime sollen ausgegrenzt und dadurch in die Arme der Islamisten beziehungsweise in den Dschihad getrieben werden. Demnach wirken antimuslimische Hetzer von rechts wie Erfüllungsgehilfen dieser Radikalisierungsstrategie – und Islamisten wie eine Starthilfe für jene Hetze. Vor zehn Jahren wurde dieses Zusammenspiel bereits als „Yin und Yang des Terrors“ beschrieben.
Aus dschihadistischer Sicht war der CSD damit das perfekte Ziel.
Das war jedoch eine nur theoretische Ableitung aus dem genannten IS-Strategem. Ob dieses tatsächlich aufgeht und zusätzliche Radikalisierung erzeugt, ist eine andere Frage. Bis heute lässt sich nicht sagen, dass antimuslimische Reaktionen auf Anschläge den islamistischen Terror verstärkt hätten. Entscheidend ist hier jedoch etwas anderes: Die Konfliktdynamik nach einem Anschlag beschränkt sich längst nicht auf das Wechselspiel zwischen Islamisten und (extremen) Rechten.
Wir haben es vielmehr mit einer Dreieckskonstellation zu tun: Dschihadisten wollen Hass gegen Muslime befeuern, Rechtsextreme gegen Muslime hetzen, Teile der Linken wiederum das rechte Lager verantwortlich machen. Nicht nur Rechte versuchen also, den Anschlag innenpolitisch zu verwerten. Auch Linke tun es. Es geht reihum.
Der Fokus auf Queerfeindlichkeit mag emotionalen Bedürfnissen entsprechen, dient vor allem aber dazu, den Anschlag für den Kampf gegen rechts zu funktionalisieren. Und das ist folgenreich. Denn es verstellt den Blick auf den transnationalen, antiwestlichen Charakter solcher Anschläge. Wer daraus vor allem queerpolitische Konsequenzen ableitet, reagiert am Kern des Problems vorbei. Den Ariana-Grande-Fans in Manchester oder den Besuchern von Weihnachtsmärkten hätte das wenig geholfen.
Aus dschihadistischer Sicht war der CSD damit das perfekte Ziel: Der Anschlag traf nicht nur ein Symbol westlicher Lebensweise, sondern aktivierte die eingeübten Reflexe des politischen Lagerkampfs in besonderem Maße. Islamisten, Rechte und Linke folgen dabei jeweils ihrem eigenen Playbook. Aus dem „Yin und Yang des Terrors“ wird so eine Triade der Polarisierung.
Auch linke Reflexe sind Islamisten willkommen. Nicht weil sie antirassistisch sind, sondern weil sie die Gräben innerhalb westlicher Gesellschaften vertiefen. Wer einen islamistischen Anschlag unmittelbar in die Kategorien des Lagerkampfs einsortiert, trägt damit womöglich selbst zu jener Polarisierung bei, die der Terror erzeugen soll.
Die am wenigsten falsche Formel lautet daher: Es war ein Anschlag auf die westliche Lebensform („auf uns alle“). Queeres Leben gehört hier dazu. Den Islamismus als gemeinsame Bedrohung (auch für moderate Muslime) in den Mittelpunkt zu stellen, hätte Brücken zwischen den Lagern offenhalten können. Zugleich wären genuin rassistische und queerfeindliche Positionen klarer als solche erkennbar geworden.
Mit der Weiterreichung von Verantwortung entlang der gewohnten Fronten aber wird der Keil zwischen den Lagern weiter vertieft. Und das beinhaltet, dass Menschen sich zunehmend zwischen ihnen entscheiden müssen. Auch das ist eine Auslöschung der Grauzone.




