Während etablierte Partnerschaften unter Druck geraten und sich geopolitische wie geoökonomische Verflechtungen neu ordnen, stehen viele Mittelmächte vor derselben Frage: Wie lassen sich Partnerschaften diversifizieren und neue Handlungsspielräume erschließen, ohne bestehende Beziehungen vorschnell aufzugeben? Der Besuch des kasachischen Präsidenten Kassym-Schomart Tokajew in Berlin, der neben offiziellen Gesprächen auch die Teilnahme am Deutsch-Kasachischen Wirtschaftsforum umfasst, fällt in eine Phase des Wandels: Handels- und Transportwege werden verwundbarer, Lieferketten müssen neu gedacht werden, und geopolitische Krisen reichen zunehmend über ihre unmittelbaren Regionen hinaus.
Vor diesem Hintergrund treffen zwei Mittelmächte mit sehr unterschiedlichen Ausgangspositionen aufeinander. Deutschland als wirtschaftlich und politisch einflussreicher Akteur in Europa, Kasachstan als regionale Mittelmacht Zentralasiens. Ihr internationales Gewicht und ihre Ressourcen unterscheiden sich deutlich. Dennoch müssen sich beide in einer Welt neu positionieren, in der traditionelle Partnerschaften weniger selbstverständlich sind und wirtschaftliche wie geopolitische Abhängigkeiten zunehmend zum Risiko werden.
Noch vor wenigen Jahren wurden die deutsch-kasachischen Beziehungen vor allem durch Handel und Rohstoffe definiert. Diese Dimension bleibt wichtig: Kasachstan zählt zu den wichtigsten Handelspartnern Deutschlands. Der bilaterale Handel stieg 2025 um 9,4 Prozent auf rund 4,3 Milliarden US-Dollar, rund 83 Prozent des deutschen Handels mit den zentralasiatischen Staaten entfallen auf Kasachstan.
Auch bei Energie und strategischen Rohstoffen hat das Land an Bedeutung gewonnen. Seit 2022 ist Kasachstan zu einem wichtigen Erdöllieferanten Deutschlands geworden. Gleichzeitig verfügt es über 21 der 34 Rohstoffe, die die EU als strategisch einstuft, darunter Kupfer, Chrom, Titan und Beryllium. Entsprechend bezeichnete Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche Kasachstan bei ihrem Besuch im Juni 2026 als strategischen Partner für Deutschlands Energie- und Rohstoffsicherheit.
Gerade hier zeigt sich, dass die wirtschaftlichen Beziehungen inzwischen über das klassische Lieferanten-Abnehmer-Verhältnis hinausgehen. Kasachstan will seine Rohstoffbasis stärker für industrielle Wertschöpfung und technologische Entwicklung nutzen und setzt dabei auf deutsche Investitionen, Technologietransfer und die Ausbildung von Fachkräften. Der bereits bei Tokajews letztem Berlin-Besuch verwendete Slogan „Made in Kasachstan mit deutscher Qualität“ bringt diese Ambition auf den Punkt.
Die Angriffe der Huthi im Roten Meer sowie die erheblichen Störungen in der Straße von Hormus haben gezeigt, wie stark globale Lieferketten von wenigen maritimen Engpässen abhängig sind.
Für Deutschland gewinnt Kasachstan im globalen Transformationsprozess ebenfalls an Bedeutung, und zwar nicht nur als Rohstofflieferant, sondern als wirtschaftlich und geopolitisch wichtiger Partner. Das liegt unter anderem an seiner Lage an einer wichtigen Schnittstelle zwischen Europa, Russland, China und dem Kaspischen Raum. Mit der wachsenden Bedeutung des Transkaspischen Transportkorridors – des sogenannten Middle Corridor – wird diese Lage zunehmend zu einer wirtschaftlichen und geopolitischen Ressource.
Der Korridor verbindet China und Zentralasien über das Kaspische Meer, den Südkaukasus und die Türkei mit Europa. Seine Bedeutung wächst angesichts der zunehmenden Verwundbarkeit maritimer Handelswege. Die Angriffe der Huthi im Roten Meer und die daraus resultierenden Umleitungen des Schiffsverkehrs sowie die erheblichen Störungen in der Straße von Hormus haben gezeigt, wie stark globale Lieferketten von wenigen maritimen Engpässen abhängig sind. Alternative Landverbindungen können maritime Routen nicht ersetzen, schaffen aber zusätzliche Optionen und erhöhen die Resilienz von Handelswegen und Lieferketten.
Entsprechend wird der Ausbau des Middle Corridor inzwischen von internationalen Akteuren vorangetrieben. Im Februar 2026 stellte die Weltbank eine Garantie von 846 Millionen US-Dollar bereit, um langfristige Finanzierung für den Ausbau der kasachischen Eisenbahninfrastruktur zu mobilisieren. Auch die Europäische Investitionsbank unterstützt seit Juni 2026 mit einem Kredit über 150 Millionen Euro den Ausbau wichtiger Verkehrsverbindungen entlang des Korridors.
Die Bedeutung dieser Investitionen geht über einzelne Infrastrukturprojekte hinaus. Sie sind Teil einer breiteren wirtschaftlichen Neuordnung Eurasiens, in der Zentralasien stärker in die europäischen und asiatischen Märkte eingebunden wird. Die Partnerschaft mit Kasachstan eröffnet für Deutschland neben dem Zugang zu Rohstoffen auch neue Verbindungen zu den den sich dynamisch verändernden Wirtschafts- und Machtzentren Asiens. Kasachstan ist für Deutschland und die EU zudem ein Tor zu einer Region, die nicht mehr lediglich als „Hinterhof“ Russlands oder als Einflusszone zwischen Russland und China verstanden werden kann. Damit wird Kasachstan nicht nur als Rohstofflieferant, sondern auch als wirtschaftlicher und geopolitischer Knotenpunkt Eurasiens interessant.
Gerade hier zeigt sich die Besonderheit der kasachischen Außenpolitik. Seit seiner Unabhängigkeit 1991 hat sich das Land schrittweise von seiner einseitigen Ausrichtung auf Russland gelöst, ohne diese Beziehungen grundsätzlich infrage zu stellen. Es ist Mitglied der Eurasischen Wirtschaftsunion, der Organisation des Vertrags über kollektive Sicherheit und der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SCO). Gleichzeitig gehört es der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) an, baut seine Beziehungen zur EU aus und erweitert seine Kooperation mit Staaten Asiens und des Globalen Südens, unter anderem im Rahmen seiner BRICS-Beteiligung.
Darin liegt der Kern der multivektoralen Außenpolitik Kasachstans: Astana versucht nicht, sich eindeutig einem geopolitischen Lager zuzuordnen, sondern Beziehungen zu unterschiedlichen Machtzentren aufrechtzuerhalten und daraus eigenen Handlungsspielraum zu gewinnen. In einer zunehmend multipolaren Welt ist das längst nicht mehr nur eine Überlebensstrategie eines Staates zwischen Russland und China. Vielmehr wird es zur politischen und wirtschaftlichen Ressource.
Gerade deshalb kann eine engere Partnerschaft mit Deutschland nicht darauf hinauslaufen, Kasachstan vor die Wahl zwischen dem Westen einerseits sowie Russland und China andererseits zu stellen. Eine solche Logik würde den geopolitischen Realitäten Zentralasiens ebenso wenig gerecht wie der bisherigen außenpolitischen Strategie Astanas. Kasachstan liegt mitten in einem Raum, in dem Russland und China wirtschaftlich, politisch, und sicherheitspolitisch eine zentrale Rolle spielen. Diese Beziehungen können nicht einfach durch westliche Partnerschaften ersetzt werden.
Deutschland sollte Kasachstan nicht als Staat betrachten, der sich zwischen Europa, Russland und China entscheiden muss.
Der strategische Wert einer engeren Zusammenarbeit liegt vielmehr in dieser Multidimensionalität. Deutschland erhält über Kasachstan die Möglichkeit, stärker an der ökonomischen und politischen Vernetzung im eurasischen Raum teilzunehmen. Gleichzeitig gewinnt Kasachstan mit Deutschland einen weiteren Partner, der Investitionen, Technologien und politischen Austausch anbietet, ohne bestehende Beziehungen zwangsläufig infrage zu stellen.
Dass sich die Zusammenarbeit inzwischen über Energie und Rohstoffe hinaus entwickelt, zeigen neue Kooperationsfelder. Der 2025 gegründete Kasachisch-Deutsche Nexus Institute in Almaty verbindet deutsche und kasachische wissenschaftliche Expertise zu Wasser-, Land- und Klimafragen in Zentralasien. Auch im Bereich nachhaltiger Landwirtschaft wollen beide Seiten ihre Zusammenarbeit ausbauen.
Solche Projekte schaffen langfristige Netzwerke zwischen Wissenschaft, Technologie, Wirtschaft und staatlichen Institutionen und erweitern damit die Grundlage für gemeinsame Gestaltung. Geopolitische Bedeutung entsteht hier nicht durch klassische Machtpolitik, sondern durch die Fähigkeit, gemeinsames Wissen und langfristige Kooperationsräume zu schaffen.
Der Besuch Tokajews in Deutschland ist daher eine weitere Gelegenheit, die strategische Partnerschaft zwischen Deutschland und Zentralasien auszubauen. Für Deutschland und Kasachstan geht es dabei längst nicht mehr nur um Energie- und Rohstofflieferungen oder klassische Handelsbeziehungen. Entscheidend ist vielmehr die Fähigkeit der beiden Mittelmächte, ihre komplementären Potenziale einzusetzen, um mit den Herausforderungen einer sich wandelnden internationalen Ordnung umzugehen und die daraus entstehenden Chancen produktiv zu nutzen.
Gerade darin liegt das Potenzial einer engeren Zusammenarbeit. Deutschland sollte Kasachstan nicht als Staat betrachten, der sich zwischen Europa, Russland und China entscheiden muss. Interessant ist das Land vielmehr gerade deshalb, weil es zu allen drei Verbindungen aufrechterhält. Eine vertiefte Partnerschaft wäre damit nicht Ausdruck einer neuen Blockbildung, sondern einer Außenpolitik, die in einer multipolaren Welt zusätzliche Handlungsspielräume schafft – für Kasachstan ebenso wie für Deutschland.




