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Sturm und Drang
Premier Modi zieht mit dem Versprechen einer glorreichen Zukunft die Millenials auf seine Seite und gewinnt in Indien.

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AFP
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Seine Partei hat gesiegt: Premier Modi in Varanasi.

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Es ist eine Zeitenwende für Indien. Der alte und neue Premierminister Narendra Modi und sein Stratege Amit Shah haben das Wunder vollbracht, das fulminante Wahlergebnis ihrer rechtskonservativen, hindu-nationalistischen Partei BJP von 2014 noch zu toppen: absolute Mehrheit mit Stimmzuwachs. Dass die Niederlage für die größte Oppositionspartei, die Kongresspartei (INC), so bitter ausfällt, damit hatte keiner gerechnet. Aktuellen Hochrechnungen zufolge konnte die Partei ihr desaströses Ergebnis von 2014 kaum verbessern. Selbst den symbolischen Familienwahlkreis wird Rahul Gandhi aller Wahrscheinlichkeit nach nicht verteidigen können.

Schon bei seiner Amtsübernahme 2014 hatte Modi klargestellt, dass er nicht daran denke, schon nach fünf Jahren abzutreten. Er habe einen Master-Plan für ein neues Indien, der größer sei als seine Amtszeit. Diese stark aufgeladene Erzählung vom Aufbruch und der Rückkehr Indiens zu seiner wahren Größe spricht genau die Millionen junger Inderinnen und Inder an, die keine Geduld mehr mit dem alten, bürokratisierten System haben. Die mit Smartphones aufgewachsene Jugend will einfache und schnelle Lösungen. Ausprobieren vor Ausdiskutieren ist das Motto und spiegelt genau den Übergang vom klugen, aber leisen Manmohan Singh (Premierminister 2004-2014) zum charismatischen Narendra Modi wider, der die Welt mit seinem Charme umgarnt.  

Dagegen hat Rahul Gandhi zwar deutlich an Gravitas gewonnen und 2018 endlich den Vorsitz der indischen Kongresspartei (INC) übernommen, aber es ist weiterhin seine Mutter und Vorgängerin Sonia Gandhi, welche die strategischen Fäden in der Kongresspartei zieht. Es ist die Tragik Rahul Gandhis, dass er genau die richtigen Ideen hat, welches Indien die Welt heute braucht. Er weiß, dass die größten Stärken des INC stets das Mitgefühl und Miteinander waren. Bemerkenswert war seine spontane Umarmung Modis im Parlament, verbunden mit dem Satz: „I will take this hatred out of you and turn it into love“. Es sind diese Gesten, die sein  Potenzial aufscheinen lassen zu einem Trudeau oder einer Ardern zu werden, mit Hoffnung und Gemeinsinn als persönlichen und politischen Leitlinien.

Die Kongresspartei ist zu einer elitären Kümmerer-Partei geworden, die sich von oben herab für die Schwächeren einsetzt, ohne wirklich am System anzusetzen.

Aber Rahul Gandhi hadert, mit sich und seinem Land. Mit der Größe der Herausforderung. Mit dem Willen zur Macht. Er hat Angst, mit seiner Mutter und dem Partei-Establishment zu brechen. Es ist die Angst, Position zu beziehen, den ganz großen Sprung zu wagen. Er fällt zurück in die Gruppe all jener, die am Ende doch am Bewährten festhalten und das Risiko scheuen. So bleibt es beim Status-Quo und dem Vertrauen auf vergangene Stärken.  Dass die volksnahe und frisch ins politische Geschäft eingestiegene Priyanka Gandhi Vadra (Rahuls Schwester) direkt zur neuen Indira hochstilisiert wird, spricht für sich: der Appell an alte Größe und eine Rückkehr in die heile Welt von gestern.

Die Kongresspartei stand immer für den Schutz der Armen und Minderheiten, für wirtschaftliche Umverteilung und soziale Absicherung. Über die Zeit aber ist sie zu einer elitären Kümmerer-Partei geworden, die sich von oben herab für die Schwächeren einsetzt, ohne wirklich am System anzusetzen. Der INC ist keine Partei des sozialen Aufstiegs. Es geht um Wählerstimmen, nicht um Empowerment. Der Vorschlag Rahul Gandhis für ein bedingungsloses Grundeinkommen für die Ärmsten der Armen war sicher richtig und notwendig, aber er zeichnet keine Alternative, keine Hoffnung für ein Indien, das anders funktionieren muss, weil es anders keine Wahl hat.

Die Wucht, mit der Klimawandel, Landflucht und Digitalisierung das Land ergreifen, erfordert vollkommen neue Ansätze indischer Politik. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung sind Millennials. Sie misstrauen dem Staat, der sich für sie nur in einer ineffizienten und korrupten Bürokratie manifestiert, die jede Chance auf schnellen Wandel verbaut. Sie können mit einer romantisierten Vorstellung des simplen Lebens auf dem Lande nach Gandhi‘schem Vorbild nichts anfangen. Sie wollen aufsteigen, gestalten und nicht mehr warten. Sie verachten Gewerkschafter und Politiker, die für sie nur korrupte, alte Männer sind.

Nicht, dass nicht auch bei der Regierungspartei BJP fast die Hälfte aller Parlamentsplätze „vererbt“ werden. Aber ein Teeverkäufer, der sich aus einfachem Hause bis zum Premierminister hocharbeitet, wie Modi es getan hat, kann deutlich glaubhafter den Unternehmergeist verkörpern, mit dem er allen Indern zu einem besseren und selbstbestimmten Leben verhelfen will. Befähigung oder Bevormundung, für ein neues Indien oder gegen Modi sind nur zwei Pole der politischen Auseinandersetzung, die deutlich machen, welche der beiden Parteien und Kandidaten echten Gestaltungswillen für Indiens Zukunft verkörpern.

Es gibt vermutlich wenige Staaten, die auf eine so lebendige und vielfältige Zivilgesellschaft blicken können wie Indien.

Paradoxerweise besitzt Indien alle Zutaten für eine richtig gute, sozialdemokratische Erzählung. Der moderne indische Gründungsmythos beruht auf der Befreiung; von den Kolonialherren, aber vor allem dem Kastenwesen und gesellschaftlicher Diskriminierung. Das Land hat eine der progressivsten Verfassungen weltweit, die den Schutz von Minderheiten und sozial Schwachen in den Vordergrund stellt. Umverteilung und sozialer Ausgleich sind Kernelemente der indischen Verfassung, so wie der gewaltfreie Widerstand der Unabhängigkeitsbewegung. Indien hat eine lange Tradition der religiösen Toleranz und des Säkularismus.

Es gibt vermutlich wenige Staaten, die auf eine so lebendige und vielfältige Zivilgesellschaft blicken können wie Indien. Der Argumentative Indian à la Nobelpreisträger Amartya Sen belebt ebenso den öffentlichen Diskurs wie die geistreiche Stand-Up Comedian, die mit Wortwitz am Patriarchat rüttelt. In seiner nicht zu steigernden Vielfalt ist Indien wahrhaft ein Land unbegrenzter Möglichkeiten, das sich im dauerhaften Zustand einer stabilen Instabilität befindet. Das ruhige Navigieren durchs tägliche Chaos, gepaart mit dem ganz eigenen indischen Erfindungsgeist Jugaad machen das Land zum geeigneten Prototypen, um der heutige Zeit des rasanten Wandels, der Aufgeregtheit und der Unsicherheiten zu begegnen.

Indien ist laut, bunt, anstrengend und hat natürlich auch seine dunklen Seiten. Aber es ist genau diese ganz besondere Masala-Mischung, die Indien und die Welt mehr denn je heute brauchen. Für die nächsten fünf Jahren wird allerdings nur mit Safran gewürzt. Das ist die Farbe der BJP und Hindutva. In geringem Maße wirkt Safran heilend und anregend, im Überfluss wird es ganz schnell bitter.

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