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Der LGBTQIAA+-Irrweg
Schluss mit dem Gruppen-Kleinklein bei der Gleichstellung. Ein Vorschlag zur Güte.

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Einfach nur Q.

Frank Kameny, der wichtigste Schwulenrechtsaktivist des letzten Jahrhunderts, rief wegen der Diskriminierung Homosexueller den US-Supreme Court an. Er organisierte die ersten Demonstrationen für Schwulenrechte. Er kandidierte als erster bekennender Schwuler für den Kongress. Er setzte sich an die Spitze des Protestes gegen die Einordnung der Homosexualität als Geisteskrankheit durch das psychiatrische Establishment. Er kämpfte unermüdlich gegen die Sodomie-Gesetze. Er unternahm noch allerlei mehr. Doch eines tat er nie, zumindest in meiner Erinnerung und der seiner Wegbegleiter, die ich danach fragte: Er verwendete nie den Begriff LGBTQ oder eine seiner Varianten.

Das liegt wohl auch daran, dass er ein Produkt seiner Zeit war, geboren in den 1920er Jahren und aktiv in einer Ära, in der noch ein völlig anderer Jargon vorherrschte. Doch er lebte bis 2011, also bis tief in das LGBTQ-Zeitalter hinein. Er hatte also reichlich Zeit, seinen Frieden damit zu schließen, aber seinen Freunden zufolge distanzierte er sich stets davon. „Meiner Erinnerung nach konnte Frank den Begriff LGBT und seine diversen Ableitungen nicht leiden“, erzählte mir einer von ihnen. „Er sagte ‚gay‘, also ‚schwul‘, und meinte damit die gesamte Bandbreite; oder ‚schwul‘ und ‚lesbisch‘.“ Ein anderer erklärte: „Frank war richtiggehend erzürnt über die Buchstabensuppe. Als es in den Achtzigern mit ‚schwul‘ und ‚lesbisch‘ anfing, sagte er richtig voraus, dass das kein Ende nehmen würde.“

Die Buchstabensuppe, mit der sexuelle Minderheiten bezeichnet werden, hat sich zu einem Synonym für die Exzesse der Identitätspolitik entwickelt, die Donald Trump und Seinesgleichen mit an die Macht verholfen haben.

Neben seinen vielen anderen Errungenschaften mochte Kameny selbst besonders seinen Slogan „Gay is good!“, der stolz die moralische wie auch rechtliche Gleichstellung von Homosexuellen und Heterosexuellen betonte. Mit dem Wort gay schloss er niemanden aus. Er meinte nicht, dass schwul gut ist, lesbisch, bisexuell und transgender aber nicht. Er kämpfte für die Werte, die alle Amerikaner prägten und für die er im Zweiten Weltkrieg gekämpft hatte. Schwulenrechte waren für ihn amerikanische Rechte. Menschenrechte.

Ich bin eine Generation jünger als Kameny und wuchs mit den Begriffen schwul und lesbisch auf. Später, als die Abkürzung LGBT aufkam, wirkte sie sperrig und künstlich, doch das Bestreben, alle einzubeziehen, erschien mir ehrenhaft. So lernte ich damit zu leben.

In den letzten Jahren bin ich allerdings zu dem Schluss gelangt, dass Kameny Recht hatte. Die Buchstabensuppe, mit der sexuelle Minderheiten bezeichnet werden, hat sich zu einem Synonym für die Exzesse der Identitätspolitik entwickelt, die Donald Trump und Seinesgleichen mit an die Macht verholfen haben. Es ist an der Zeit, den Begriff ad acta zu legen und einen Ersatz zu finden. Ich schlage einen einzelnen Buchstaben vor: Q.

Wie viele historische Irrwege ist der Begriff LGBTQ gut gemeint. Als Schwule gegen das Stereotyp zu Felde zogen, dass mit ihnen etwas nicht stimmt, war „homosexuell“ noch ein klinischer und pathologisierender Begriff. „Gay“ dagegen hatte eine lange Sprachgeschichte und war nicht pseudowissenschaftlich vorbelastet. In Kamenys Glanzzeit und meiner Jugend war es genau das richtige Wort. Aber da es zwischen männlichen und weiblichen Homosexuellen Unterschiede gibt, erhielt „gay“ eine geschlechtsspezifische Ausrichtung und wurde durch „lesbian“ ergänzt. Als einige von uns Anfang der 1990er Jahre den Verband homosexueller Journalisten gründeten, nannten wir ihn, ohne lange darüber nachdenken zu müssen, National Lesbian and Gay Journalists Association.

Als die Aktivisten erst damit angefangen hatten, Identitäten und Gruppen aufzulisten, merkten sie, dass alle, die nicht spezifisch eingeschlossen waren, sich spezifisch ausgeschlossen fühlen konnten.

Unterdessen setzte sich die Erkenntnis durch, dass Transgender derselben Diskriminierung und Ignoranz ausgesetzt sind wie Homosexuelle, und so etablierte sich nach und nach das „T“. 2007 beschlossen die Schwulenrechtsaktivisten, ihre Unterstützung des eingebrachten Antidiskriminierungsgesetzes auf US-Bundesebene davon abhängig zu machen, dass es auch den Schutz von Transgender-Menschen enthielt. Der politische Zusammenschluss der Schwulen- und Lesben- mit der Trans-Bewegung war damit offenkundig, und so hatte das „T“ seine unbestreitbare Logik. Bisexuelle, die fürchteten, ihre Probleme würden womöglich übersehen, strebten ebenfalls nach Anerkennung, und so wurde auch ihr Anfangsbuchstabe angehängt.

So kam es zu dem schwerfälligen Vier-Buchstaben-Akronym. Es hatte seine Vorteile, signalisierte es doch innerhalb der Bewegung die Einbindung aller Gruppen und außerhalb der Bewegung die Solidarität mit diesen Gruppen. Insofern war es eine gute politische Maßnahme und ein gutes Symbol. Aber es war nicht stabil. Gruppendenken hat das so an sich. Da Aktivisten und Theoretikerinnen alle einbeziehen wollten, nahmen sie auch Asexualität und Intersexualität sowie diverse andere Identitäten auf und prägten die Abkürzungen LGBTQIAA+, LGBTTIQQ2SA und andere ausufernde Bezeichnungen. In letzter Zeit hat sich offenbar „LGBTQ“ zur Norm entwickelt, von der Annahme ausgehend, dass Q für queer den gesamten Rest abdecken kann.

Das Künstliche und Unbeholfene dieser Akronym-Akrobatik spiegelt natürlich auch die ökumenischen Ziele wider. Anders als von Gewaltherrschern verbreitete Bezeichnungen (Neger, Orientale) oder solche, die auf nationalem oder ethnischem Partikularismus gründen (Italiener, Jude, WASP), soll LGBTQ bewusst verbinden und einbinden, außerdem haben wir es uns selbst ausgesucht. Insofern ist die beabsichtigte Botschaft großartig. Doch das Akronym trägt auch eine unbeabsichtigte Botschaft in sich, nämlich den Bezug zu Identitätspolitik und Gruppenseparatismus, die Millionen von Menschen in Amerika gegen progressive und egalitäre Bewegungen aufbringen.

Als die Aktivisten erst damit angefangen hatten, Identitäten und Gruppen aufzulisten, merkten sie, dass alle, die nicht spezifisch eingeschlossen waren, sich spezifisch ausgeschlossen fühlen konnten. Ihre Lösung bestand darin, die Liste ständig zu erweitern. Aber egal, wie viele Buchstaben man hinzufügt: Eine Gruppe bleibt ausdrücklich ausgeschlossen, nämlich die Cisgender-Heterosexuellen, also die große Mehrheit der US-Bevölkerung. Viele Mitglieder dieser Gruppe lehnen daher, wenig überraschend, Menschenrechtsforderungen ab, die als Ausnahmen für Minderheiten präsentiert werden und allen Vorteile bringen sollen außer ihnen. Man stelle sich nur vor, eine Bewegung für Religionsfreiheit würde sich als CJMHBSBA+ bezeichnen (Katholiken-Juden-Muslime-Hindus-Buddhisten-Sikhs-Bahais-Animisten-plus). Die Symbolik für die Gleichheit aller Amerikaner geht verloren, stattdessen werden einfach nur Gruppen mit Einzelinteressen aufgezählt. Wenn von einfachen Menschen erwartet wird, dass sie sich durch eine Liste von Anfangsbuchstaben quälen, lässt das nicht so sehr an Gleichberechtigung, sondern an Sonderrechte denken.

In meinen Augen macht das hässliche und schwerfällige Akronym LGBTQ alles nur noch schlimmer. Dazu kommt ja, dass es kein Etikett ist, das mich oder andere Amerikaner richtig beschreiben würde. Es beschreibt eine Koalition, ja, aber keine einzige echte Person. Obwohl der Begriff Gruppen explizit einschließt, blendet die Aneinanderreihung von Anfangsbuchstaben Individuen implizit aus.

Q ist einfach, inklusiv und minimal belastet. Wenn wir von der Gleichstellung von Q sprechen, meinen wir, dass die Diskriminierung sexueller Minderheiten – oder auch sexueller Mehrheiten – nicht dem American Way entspricht.

In seinem Buch The Once and Future Liberal: After Identity Politics plädiert Mark Lilla, Professor an der Columbia University, für eine Rückkehr zu einem früheren, breiteren, inklusiven Verständnis von Staatsbürgerschaft und Menschenrechten. „Der Identitätsliberalismus hat das Wort ‚Wir‘ an den Rand des seriösen politischen Diskurses gedrängt“, schreibt er. Verschwunden sei die Vision von Bürgerrechtlern wie Kameny und Martin Luther King Jr., die immer betonten, dass sie für die Freiheit und zum Nutzen aller Menschen in Amerika kämpften. In seiner Eingabe an den Supreme Court im Jahr 1961 führte Kameny das Versprechen der Unabhängigkeitserklärung an, nach dem das Streben nach Glück ein unveräußerliches Recht sei. „Unser Staat muss alle seine Bürger schützen und unterstützen“, so Kameny, der zur Begründung „das Interesse der breiten Öffentlichkeit und der gesamten Nation“ anführte. Im Gegensatz dazu, so Lilla, wirkten die Kräfte in „politischen Bewegungen zentrifugal, sodass sich immer kleinere Lager aufspalten, die jeweils auf einzelne Themen fixiert sind und ritualhaft einen ideologischen Überbietungswettbewerb betreiben“. Es lässt sich wohl kaum ein besseres Beispiel für eine solche Zersplitterung denken als die Buchstabenfolge LGBTQ und erst recht ein absurdes Gebilde wie LGBTQIAA+.

All das spielte keine große Rolle, wenn wir, sagen wir, das Jahr 2015 schreiben würden, in dem Identitätspolitik keine größeren Schäden zu verursachen schien. Heute dagegen liegen die Nachteile auf der Hand. Weder die libertaristische Rechte noch die progressive Linke gehen auf die Sehnsucht der Menschen nach einer transzendenten Identität ein, und Mehrheiten haben das Gefühl, dass sie übersehen oder benachteiligt werden. So ergibt sich zwangsläufig, dass jemand dieses politische Vakuum füllt. Politikbeobachtern und Wahlforschern zufolge liefen viele Wählerinnen und Wähler – auch solche, denen jede Bigotterie fernlag – aus der Ablehnung politischer Korrektheit und exzessiver Identitätspolitik heraus Trump und seiner vergifteten Version nationaler Identität in die Arme. Steve Bannon, einer der leitenden Strategen der Trump-Bewegung, wusste genau, was er sagte, als er prophezeite: „Wenn sich die Linke auf Hautfarbe und Identität konzentriert und wir mit wirtschaftlichem Nationalismus punkten, können wir die Demokraten vernichten.“

Nein, ich werfe dem Akronym LGBTQ (oder gar LGBTQIAA+) nicht vor, Trump zum Präsidenten gemacht zu haben. Trump benutzt es ja selbst. Aber mittlerweile steht es symptomatisch für die Beschränktheit, die daran schuld ist, dass sich das weiße, heterosexuelle, männliche Amerika von den Zielen der Bürgerrechtsbewegung abwendet. Jedes Mal, wenn lesbische und/oder schwule und/oder bisexuelle und/oder transgender und/oder QIAA+-Aktivisten das Herunterbeten einer Buchstabenfolge einfordern, machen sie implizit deutlich, dass sie Gleichberechtigung und Besserstellung nicht von Individuen, sondern von Gruppen anstreben und auch nicht jene andere Buchstabenfolge im Sinn haben: USA.

Kurz gesagt: Wenn sexuelle Minderheiten je etwas davon hatten, der Welt ihr Gruppen-Kleinklein in Erinnerung zu rufen, so ist diese Zeit vorbei. Kameny hatte gute Gründe dafür, einer einzigen, einfachen, allumfassenden Bezeichnung den Vorzug zu geben. Diese Idee hat es verdient, wiederentdeckt zu werden.

Heute jedoch kann es nicht mehr das Wort „gay“ sein, das nicht nur geschlechtsspezifisch festgelegt, sondern zudem für Transgender ungeeignet ist. Das Wort „queer“ wirkt inkludierend, kann jedoch wegen seiner radikalen Vorbelastung und der abwertenden Untertöne keine breite Akzeptanz finden. Daher mein bescheidener Vorschlag: Q.

Wer möchte, kann es als Abkürzung für queer verstehen. Wer das nicht mag, belässt es bei Q. Man kann es mit jeder gewünschten Etymologie ausstatten. Jedenfalls würde der Begriff alle sexuellen Minderheiten jeglicher Couleur einschließen. Wenn wir uns als Individuen meinen, sprächen wir von schwul, lesbisch, transgender und so weiter. Wenn wir aber einen Sammelbegriff brauchen, würden wir uns einfach als Q bezeichnen, etwa in „Q-Bevölkerung“ oder „Gleichstellung von Q“. Q ist einfach, inklusiv und minimal belastet. Wenn wir von der Gleichstellung von Q sprechen, meinen wir, dass die Diskriminierung sexueller Minderheiten – oder auch sexueller Mehrheiten – nicht dem American Way entspricht.

Insofern bin ich nicht LGBTQ, ganz sicher aber Q. Das hätte, glaube ich, auch Frank Kameny so gesehen.

Aus dem Englischen von Anne Emmert

(c) The Atlantic

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