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Die Schwäche der Alphamännchen
Ob Frauen die besseren Führungsfiguren sind, ist unklar. Den Mythos der „starken Männer“ hat Corona jedoch eindeutig beerdigt.

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Höher, schneller, weiter ist momentan eher weniger gefragt.

Wer ist Ihnen in der Coronakrise am liebsten? Angela Merkel, die dem Volk die Infektionsraten von Covid-19 klar und nüchtern erklärt? Oder Nicola Sturgeon in Schottland, deren Regierung gute und differenzierte Strategiedokumente erarbeitet? Oder Jacinda Ardern in Neuseeland, die sich live über Facebook einfühlend mit ihrem Volk austauscht und ihr Land frühzeitig in den Lockdown führte?

Sie hätten es gern ein bisschen exotischer? Na gut, wie wäre es mit Katrín Jakobsdóttir in Island, die alle Menschen im Land kostenlos testen lässt? Oder Erna Solberg in Norwegen, die eine Pressekonferenz extra für Kinder abhielt und ihnen versicherte, dass es völlig okay sei, wenn sie sich fürchteten?

Angesichts dieser Liste könnte man zu dem Schluss gelangen, dass Frauen besser mit der Krise umgehen, weil sie Frauen sind. Ähnliche Schlüsse zog man nach der Finanzkrise 2008. Eine von Frauen regierte Welt galt als freundlicher, weniger aggressiv: Hätte die Bank statt Lehman Brothers Lehman Sisters geheißen, hätte der Crash nie stattgefunden. Und auch diesmal wird wieder die „Empathie und Fürsorglichkeit“ weiblicher Spitzenpolitiker gelobt. „Es ist, als könnten sie uns aus dem Video heraus herzlich und liebevoll in den Arm nehmen“, so Avivah Wittenberg-Cox in Forbes. Doch diese Argumentation ist schief und für das Fortkommen von Frauen in der Politik potenziell gefährlich. Frauen in der Politik sind nicht besser. „Starke Männer“ sind einfach nur schlechter.

Frauen in der Politik sind nicht besser. „Starke Männer“ sind einfach nur schlechter.

Beginnen wir mit dem naheliegendsten Beispiel: Donald Trump. In den letzten Wochen musste der Präsident feststellen, dass seine politischen Methoden gegen eine Lungenkrankheit nutzlos sind. Anders als die Presse lässt sich das Coronavirus nicht einschüchtern. Anders als Whistleblower im Beamtenapparat kann man es nicht entlassen oder degradieren. Dem Virus ist es egal, ob es als unpatriotisch gegeißelt wird. Es lässt sich nicht ablenken, weder von ungetesteten Medikamenten noch von gefährlichen Behandlungsmethoden, die sich jemand spontan ausdenkt. Es liest nicht auf Twitter mit.

„Starke Männer“ gelangen an die Macht, weil sie in unsicheren Zeiten Sicherheit versprechen. Sie präsentieren dem Volk einen einfachen Feind und behaupten, nur sie könnten es mit ihm aufnehmen. Je mehr Macht sie anhäufen, indem sie Oppositionsführer und Presse delegitimieren, desto besser funktioniert diese Strategie. Aber das Virus lässt sich nicht delegitimieren. Die Leute husten und sterben weiter, egal, was Trump über das Virus tweetet.

Xi Jinping war mit diesem Problem schon zu Beginn der Pandemie konfrontiert, als der chinesische Staat Warnungen von Ärzten vor der neuen Krankheit in Wuhan zunächst zu unterdrücken versuchte. Die Krankheit breitete sich trotzdem aus. Der Iran spielt verzweifelt die Zahl der Infektionen herunter. Jair Bolsonaro in Brasilien tut das Coronavirus als „kleine Grippe oder Erkältung“ ab und nahm im April an einer Demonstration gegen den Lockdown teil. Da hatte sich sein eigener Kommunikationschef bereits angesteckt.

In Manaus, der größten Stadt des Amazonasgebiets, muss man mittlerweile Gruben ausbaggern, um die Toten zu bestatten; die offizielle Zahl der Todesopfer ist höher als in China. Überall in der Welt werden Monate oder sogar Jahre vergehen, bis die wahren Opferzahlen bekannt werden. Autoritäre wie auch liberale Staaten schlagen sich mit unzureichender Dokumentation und mangelnden Ressourcen für die Erfassung von Todesfällen herum. In autoritär regierten Ländern sind die oft schwachen Medien zudem nicht in der Lage, offizielle Zahlen zu hinterfragen.

Hier geht es jedoch hauptsächlich um den Führungsstil, und das führt uns zum Geschlecht zurück. Weibliche Staatschefs lassen sich als Gruppe kaum beurteilen, denn sie stellen immer noch eine kleine Minderheit. In den 14 Jahren, in denen Merkel mittlerweile an G20-Gipfeln teilnimmt, musste sie wohl nie vor der Damentoilette anstehen. Derzeit regiert sie als einzige Frau eine der 20 größten Volkswirtschaften der Welt. Wenn physische Treffen stattfänden, müsste sie sich den Händetrockner nur mit EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen teilen.

Jede Analyse weiblicher Führungsfiguren leidet unter der kleinen Zahl möglicher Beobachtungsobjekte.

Deshalb leidet jede Analyse weiblicher Führungsfiguren unter der kleinen Zahl möglicher Beobachtungsobjekte. China hatte in modernen Zeiten nie eine Staatschefin, ebenso wenig wie Russland, Saudi-Arabien, Italien und die Vereinigten Staaten. Zu Jahresbeginn wurden laut Axios nur 15 von 193 Ländern der Vereinten Nationen von Frauen regiert, und seither ist diese Zahl auf 13 gesunken. Staatschefinnen werden daher unweigerlich miteinander und mit ihren raren Vorläuferinnen verglichen, auch wenn das wenig zielführend ist. Die frühere konservative Premierministerin Großbritanniens Theresa May stempelte man zur Eisernen Lady 2.0 ab – zur zweiten Margaret Thatcher –, obwohl sie mit ihren Problemen in der Kommunikation und der Arbeitsethik Labour-Premierminister Gordon Brown viel ähnlicher war.

Ähnlich unergiebige Vergleiche hört man auch jetzt immer wieder. Merkels Spitzname mag „Mutti“ sein, doch wenn sie eine ist, dann keine gefühlsbetonte, sondern eine sehr disziplinierte. Ihr Führungsstil ist stärker von ihrer wissenschaftlichen Ausbildung geprägt als von ihrem zweiten X-Chromosom – obwohl ihr Geschlecht die Art, wie sie wahrgenommen und behandelt wird, natürlich beeinflusst. Merkel hat einen anderen Führungsstil als Ardern, die wiederum eher Justin Trudeau in Kanada gleicht als anderen weiblichen Staatschefs. Sowohl Ardern als auch Trudeau verlassen sich stark auf ihr Sozial- und Umweltbewusstsein und ihre Fähigkeit, sensibel mit Minderheiten zu kommunizieren, und beide werden deswegen gern der selbstverliebten Scheinheiligkeit bezichtigt.

Was können wir also über weibliche Spitzenpolitiker sagen? Grundsätzlich ist es schwer, Schlüsse aus allgemeinen Studien zu ziehen, weil eine Person, die es in der Politik ganz nach oben schafft, von vornherein ungewöhnlich sein muss. Er oder sie braucht Talent, Ehrgeiz, Elan und auch günstige Lebensumstände. In Ländern, die nicht an weibliches Führungspersonal gewöhnt sind, dürfte eine Frau, die sich an die Spitze hocharbeitet, besonders tough und entschlossen sein.

Eine Erkenntnis, die in diesem Kontext relevant sein könnte, ist die, dass Frauen, auch solche in Spitzenpositionen, offenbar weniger Risiken eingehen als Männer. Die Forschung ist hier noch lange nicht am Ende, doch die Gesellschaft geht jedenfalls davon aus, dass Frauen eher risikoscheu sind. Daher haben es Politikerinnen leichter, Vorsichtsmaßnahmen zu vertreten und zu kommunizieren, etwa Schulschließungen oder das verpflichtende Tragen von Gesichtsmasken. Als Macho hat man es da schwerer. Am 3. März prahlte der britische Premierminister Boris Johnson: „Ich habe ein Krankenhaus besucht, in dem auch Coronavirus-Patienten lagen, und allen die Hand gegeben.“ Wochen später kam er auf die Intensivstation.

Eine Erkenntnis, die in diesem Kontext relevant sein könnte, ist die, dass Frauen, auch solche in Spitzenpositionen, offenbar weniger Risiken eingehen als Männer.

Und wie steht es mit dem Hinweis, dass die Menschen gerade jetzt gern umsorgt und behütet werden wollen? Dass weibliche Spitzenpolitiker besser sind, weil sie mehr „Empathie“ haben, ist auf den ersten Blick ein reizvolles Argument, vor dem wir uns aber hüten sollten. Denn diese essentialistische Geschlechterbetrachtung – Männer sind so, Frauen so – hat historisch gesehen Frauen immer behindert. Man denke nur an die Viktorianer, die Frauen als „Engel des Haushalts“ darstellten: zarte, sensible, wunderschöne Wesen, die sich angesichts ihrer Empfindsamkeit nicht mit den hässlichen Tätigkeiten des Geldverdienens, Studierens oder Wählens abgeben sollten. Außerdem übergeht dieses Argument die Tatsache, dass auch erfolgreiche männliche Spitzenpolitiker für ihre Empathie gelobt werden: In einer funktionierenden Demokratie, in der es darauf ankommt, möglichst viele Stimmen zu sammeln, ist Sozialkompetenz durchaus von Vorteil.

Die letzte mögliche Erklärung, warum sich Länder mit weiblichen Staatschefs in dieser Krise besser schlagen, regt besonders zum Nachdenken an. Frauen kämen in einer politischen Kultur, „in der die Regierung relativ viel Unterstützung und Vertrauen genießt“, leichter an die Macht, so Kathleen Gerson, Soziologieprofessorin an der New York University gegenüber dem Guardian. Ein Land, das einen „starken Mann“ wählt oder in dem sich ein solcher durch Wahlbetrug an der Macht halten kann, steckt bereits tief in der Patsche.

Legen wir also das alte sexistische Skript beiseite. Nachdem jahrhundertelang das Dogma galt, dass Männer von Natur aus besser für Führungsaufgaben geeignet seien, ist nun nicht plötzlich das Gegenteil wahr. Staatschefinnen sind nicht die Ursache, sondern ein Symptom einer besseren Regierung.

Aus dem Englischen von Anne Emmert

(c) The Atlantic

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