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Mission impossible in der Mongolei
Weshalb die Entführung eines türkischen Lehrers aus der Mongolei am Widerstand der Zivilgesellschaft scheiterte

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MPA
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Die Mongolei stand Ende Juli für einen kurzen Augenblick im Rampenlicht der Weltöffentlichkeit. Der Bericht der New York Times liest sich wie ein Krimi. Auf dem Weg zur Arbeit wurde der Leiter der mongolisch-türkischen Schule, Veysel Akçay, von drei vermummten Männern in einen Van mit gefälschtem Nummernschild gezerrt. Als Akçay nicht bei der Arbeit erschien, vermuteten seine Angehörigen und Kollegen das Schlimmste. Akçay lebt seit 24 Jahren in der Mongolei.

Die Gülen-Bewegung wird von der türkischen Regierung für den gescheiterten Putschversuch 2016 verantwortlich gemacht und als terroristische Vereinigung angesehen.

Die in der buddhistischen Mongolei beliebte mongolisch-türkische Schule wird von einer in Deutschland ansässigen Firma betrieben. Diese soll der Bewegung des in den USA lebenden islamischen Predigers Fetullah Gülen nahestehen. Die Gülen-Bewegung wird von der türkischen Regierung für den gescheiterten Putschversuch 2016 verantwortlich gemacht und als terroristische Vereinigung angesehen. Seitdem bemüht sich die Türkei weltweit um die Auslieferung von Gülen-Anhängern und die Schließung oder Übernahme ihrer Auslandsschulen. Laut Medienberichten soll es in der Vergangenheit auch immer wieder zu Verschleppungen gekommen sein. Dies wird von der türkischen Regierung bestritten.

Die Befürchtungen der Angehörigen und Kollegen von Veysel Akçay schienen sich zu bestätigen, als Apps zur Beobachtung von Flugbewegungen einen auf die türkische Luftwaffe registrierten Challenger-Jet zeigten, der sich der mongolischen Hauptstadt Ulaanbaatar näherte. Laut Flugplan sollte die Maschine nach einem kurzen Aufenthalt wieder zurück in die Türkei fliegen. Was sich dann ereignete, war eine Machtdemonstration der mongolischen Zivilgesellschaft. Schüler und Lehrer der Schule vernetzen sich auf Facebook. Der mongolische Schulleiter verbreitete dort eine Videobotschaft, warnte vor einer möglichen Entführung Akçays und rief die mongolischen Behörden zum Handeln auf. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich das Video. Online-Journalisten griffen das Thema auf. Die in der Mongolei sehr beliebten und stark verbreiteten sozialen Medien Facebook und Twitter liefen in der Folge heiß. Auch wenn der Aufenthaltsort von Veysel Akçay unbekannt war und das türkische Außenministerium illegale Aktivitäten auf dem Territorium der Mongolei bestritt, versammelte sich binnen kürzester Zeit eine stetig wachsende Zahl von Demonstranten vor dem Flughafengebäude. Sie forderten auf improvisierten Transparenten die Freilassung von Akçay. Dessen Frau nahm in mehreren Sprachen eine Videobotschaft auf, in der sie die mongolische Regierung zum Handeln aufforderte. Auch diese verbreitete sich rasant. Der auf dem Rollfeld des Flughafens gut einsehbare Challenger-Jet wurde vielfach fotografiert und ununterbrochen in Livestreams gezeigt. Nach und nach griffen auch die großen Fernsehsender das Thema auf.

Der Vorfall wird die traditionell engen Beziehungen zwischen der Mongolei und der Türkei auf absehbare Zeit belasten.

Der so erzeugte Druck führte dazu, dass sich nun auch Politiker und Regierung äußerten. Ein ehemaliger Außenminister und jetziger Vorsitzender des Menschenrechtsausschusses traf am Flughafen ein, um mit den Passagieren der türkischen Maschine zu verhandeln. Die stellvertretende Außenministerin machte öffentlich klar, dass die Mongolei einen eventuellen Entführungsversuch als Verletzung ihrer Souveränität werten werde. Am Nachmittag entschied der Nationale Sicherheitsrat aus Staatspräsident, Parlamentspräsident und Premierminister schließlich, der Challenger-Maschine bis zur Klärung der Angelegenheit die Starterlaubnis zu verweigern. Unterdessen sorgten mongolische Menschenrechtsaktivisten und Journalisten dafür, dass das Thema auch von internationalen Medien aufgegriffen wurde. Ein diplomatischer Eklat vor den Augen der Weltöffentlichkeit drohte. Er konnte gerade noch abgewendet werden. Am späten Abend verließ das Flugzeug ohne zusätzliche Passagiere an Bord Ulaanbaatar in Richtung Türkei. Veysel Akçay wurde noch in der Nacht von der Polizei vernommen und nach einer ärztlichen Untersuchung nachhause geschickt. Die Staatsanwaltschaft ermittelt nun wegen des Entführungsversuchs.

Der Vorfall wird die traditionell engen Beziehungen zwischen der Mongolei und der Türkei auf absehbare Zeit belasten. Beide Länder teilen gemeinsame historische Wurzeln und haben sich in den 1990er Jahren zusammen auf den Weg in die Demokratie gemacht. Die moderne Türkei ist in der Mongolei mit großen Summen in der Entwicklungshilfe aktiv und finanziert Moscheen für die kasachische Minderheit im Westen des Landes. Der türkische Premierminister besuchte die Mongolei im März. Zuletzt reiste eine mongolische Delegation zur Amtseinführung von Präsident Erdoğan. Doch nach dem Showdown am Flughafen von Ulaanbaatar wird man nicht einfach zur Tagesordnung übergehen können. In einem offiziellen Statement bestritt das türkische Außenministerium einige Tage später vehement, illegale Aktivitäten in der Mongolei durchgeführt zu haben und warf der Mongolei vor, nicht entschlossen genug gegen die Aktivitäten der Gülen-Bewegung vorzugehen. Die mongolische Öffentlichkeit verlangt unterdessen nach Aufklärung. Dabei wird sich auch die mongolische Regierung unbequemen Fragen stellen müssen. Warum durfte das Flugzeug überhaupt landen? Stimmen Medienberichte, wonach den Passagieren des türkischen Flugzeugs wegen fehlender Papiere die Einreise in die Mongolei verweigert wurde? Und wer hat dann versucht, Veysel Akçay zu entführen? Wo sind die Entführer jetzt?

Dass laut türkischen Medienberichten mongolische Behörden an der versuchten Entführung beteiligt gewesen sein sollen, ließe sich nun als weiteres Kapitel einer im Land immer häufiger erzählten demokratischen Verfallsgeschichte lesen, die von Korruption, Armut und Politikverdrossenheit handelt.

Dass laut türkischen Medienberichten mongolische Behörden an der versuchten Entführung beteiligt gewesen sein sollen, ließe sich nun als weiteres Kapitel einer im Land immer häufiger erzählten demokratischen Verfallsgeschichte lesen, die von Korruption, Armut und Politikverdrossenheit handelt. Doch dabei würde übersehen, dass die mongolische Demokratie in den Stunden zwischen der Entführung und Freilassung von Veysel Akçay eine wichtige Bewährungsprobe bestanden hat. Die – von wem auch immer geplante – verdeckte Operation wurde durch engagierte Bürger aufgedeckt, durch öffentlichen Druck konnte die Regierung zu einer deutlichen Reaktion gebracht werden und rechtsstaatlichen Prinzipien sowie Menschenrechten wurde schlussendlich Geltung verschafft. Eine entscheidende Rolle kam dabei den sozialen Medien zu, die auch in der Mongolei wegen der weiten Verbreitung von Falschmeldungen und Hassrede als demokratieschädlich am Pranger stehen. Doch ohne Facebook und Twitter wäre es weder den Angehörigen und Kollegen von Veysel Akçay noch Journalisten und Menschenrechtsaktivisten innerhalb kürzester Zeit gelungen, eine landesweite Öffentlichkeit herzustellen. All das sagt viel aus über die durchaus vorhandene demokratische Substanz des kleinen Landes, das sich zwischen den beiden großen autoritären Nachbarn Russland und China immer wieder neu behaupten muss.

Und so lag am Ende eines turbulenten Tages ein unerwarteter Hoffnungsschimmer über dem Nachthimmel der mongolischen Hauptstadt, in dem die türkische Challenger-Maschine verschwand.

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