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Neuer Zeitgeist gesucht
Die Corona-Pandemie zeigt uns die Schwächen unseres kurzsichtigen und hyper-individualistischen Sozialsystems auf.

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Nur Gebete helfen jedenfalls nicht.

Mike Pence senkte den Kopf zum Gebet. Um ihn herum waren einige der prominentesten Wissenschaftler der Welt im Weißen Haus versammelt. Es war der 26. Februar 2020, als sich der Vizepräsident der USA und die Wissenschaftler im Gebet für – oder besser gesagt, gegen – die Coronavirus-Epidemie vereinten. Als Gouverneur des US-Bundesstaats Indiana hatte sich Mike Pence seinerzeit einen Namen gemacht, weil er drastische Kürzungen der öffentlichen Gesundheitsförderung und des Zugangs zu HIV-Tests veranlasste. Dies trug zu einem der größten Ausbrüche der Infektion in seinem Heimatstaat bei.

Seit den Wahlen von 2016 hat die Regierung von Donald Trump die Mittel für die Pandemieprävention drastisch gekürzt. Nun hat der Präsident die führenden Experten des Landes von öffentlichen Stellungnahmen ausgeschlossen. Die gesamte Kommunikation erfolgt über Pence. Zusammen nehmen sie die Wissenschaft in Geiselhaft – ein zutiefst erniedrigender und deprimierender Anblick. Die Frage ist, wie wird die Propagandamaschine von Trump damit umgehen, wenn 200 000 Amerikaner an dem Virus sterben? Wird Fox News behaupten, dass die Infektion durch Immigranten verbreitet wurde?

Dies ist die größte aller Krisen, schreibt die Financial Times. Ich bin überzeugt, dass 2020 ein Jahr ist, das unsere Epoche bestimmen wird. Man kann es mit der Finanzkrise von 2008 vergleichen, das zu Rezession und Massenarbeitslosigkeit führte, nicht aber zum Tod von Hunderttausenden.

Wie wird die Propagandamaschine von Trump damit umgehen, wenn 200 000 Amerikanerinnen und Amerikaner an dem Virus sterben? Wird Fox News behaupten, dass die Infektion durch Immigranten verbreitet wurde?

In Schweden wird die Situation laut der Gesundheitsbehörde von Tag zu Tag ernster. Aber zumindest wird die Reaktion auf das Virus von Experten gesteuert, nicht von religiösen Fanatikern oder kurzsichtigen Politikern, die sich nach maximaler öffentlicher Aufmerksamkeit sehnen. Und der Umgang mit der Krise wird in Schweden öffentlich überprüft, hinterfragt und diskutiert, wie es sich gehört. Doch was wir gerade erleben ist erst der Anfang. Zuerst kommt die Krise. Dann kommt die Trauer. Dann kommt die Zeit der Reflexion.

Was wir aber schon jetzt wissen, ist: Diese Art von Krankheit kann auf individueller Ebene nicht effizient bekämpft werden, sondern nur im Kollektiv. Sie erfordert Vorbereitung, Koordination, Planung und die Fähigkeit, schnelle Entscheidungen zu treffen und Anstrengungen zu verstärken. Im Kern also einen starken Staat.

Aber auch Regierungshandeln allein ist nicht genug. Die Situation erfordert Eigenverantwortung, Pflichtbewusstsein sowie die Sorge um den Nächsten. Wenn Sie nicht zu einer Risikogruppe gehören, besteht Ihre Verantwortung weniger darin, sich selbst zu schützen, sondern vielmehr darin, sich um den Schutz anderer zu kümmern, auch wenn das persönliche Unannehmlichkeiten bedeutet.

Investitionen in das öffentliche Gesundheitswesen sind im Spätkapitalismus schlicht wirtschaftlich nicht rentabel.

Doch was würden Sie tun, wenn Sie es sich einfach nicht leisten könnten, zu Hause zu bleiben? Wenn Sie sich beispielsweise illegal in Schweden aufhalten und sich vor den Behörden verstecken, oder als „Gig"-Arbeiter ohne regulären Lohn in den USA von der Hand in den Mund leben? Das Gesundheitswesen als öffentliches Gut aufrechtzuerhalten, wird ab einem gewissen Grad an Ungleichheit und Unsicherheit unmöglich.

Dieses Problem lässt sich weder auf ethische Tugenden noch auf die Notwendigkeit von Investitionen reduzieren. Man kann jedoch sagen, dass die Krise die Fehler unserer kurzsichtigen, ausbeuterischen, hyper-individualistischen Zeit in den Blickpunkt rückt. Unsere bizarre Ära, in der wir so tun, als ob wir nicht alle miteinander verbunden wären und als ob das, was ich tue, in Wirklichkeit nicht Ihre Zukunft betrifft.

Auf globaler Ebene haben wir jahrzehntelang zu wenig in die Forschung zu Infektionskrankheiten und Pandemien investiert. Denn solche Investitionen führen nicht zu schnellen Gewinnen und steigenden Aktienkursen für die medizinischen Unternehmen, die viel lieber in die Erforschung von Herzkrankheiten, die Behandlung von Angstzuständen und Erektionsstörungen investieren. Investitionen in das öffentliche Gesundheitswesen sind im Spätkapitalismus schlicht wirtschaftlich nicht rentabel. Dies ist nur ein Beispiel für die Verwundbarkeit, der wir uns selbst aussetzen. Ökonomen nennen es Marktversagen. Und das sagt eigentlich alles.

Die Finanzkrise von 2008 hat zu keiner Neubewertung geführt. Ganz im Gegenteil. Niemand weiß, welche Schlussfolgerungen wir dieses Mal auf individueller und kollektiver Ebene ziehen werden.

Die Finanzkrise von 2008 hat zu keiner Neubewertung geführt. Ganz im Gegenteil. Niemand weiß, welche Schlussfolgerungen wir dieses Mal auf individueller und kollektiver Ebene ziehen werden. Ich frage mich, ob die jungen Leute vielleicht denken, dass das autoritäre China die Krise besser bewältigt hat als die freiheitsliebenden USA.

Wenn ich nachts wachliege, spielen sich in meinem Kopf verschiedene Szenarien ab. Menschen in überfüllten Krankenhauskorridoren, Aktienmärkte im freien Fall. Aber vor allem denke ich an meine Eltern und Freunde, die der Risikogruppe angehören – Menschen, die mir unmittelbar am Herzen liegen.

Man kann sich nicht vor neuen Krankheiten schützen. Was man tun kann, ist, wahrscheinliche und mögliche Ereignisse zu entschärfen und zu steuern. Die Gefahr von Pandemien – und die Tatsache, dass wir uns schnell auf den sogenannten tipping point der Klimakrise zubewegen – ist bekannt. Aber die treibenden Kräfte hinter der Kurzsichtigkeit unseres wirtschaftlichen und politischen Systems sind so stark, dass selbst bekannte Risiken nicht beherrschbar sind. Das Geld muss weiter fließen, Quartal für Quartal. Bis der Absturz kommt.

Aus dem Englischen von Marius Mühlhausen

Dieser Artikel ist eine gemeinsame Veröffentlichung von Social Europe und dem IPS-Journal. Eine schwedische Version erschien im Aftonbladet.

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