Die Kriegstrommeln im Nahen Osten haben selten so rhythmisch und so klar geklungen wie heute. Für flüchtige Beobachter wirkt der wachsende Druck auf Teheran, bestehend aus scharfen Sanktionen und massiver militärischer Drohkulisse, wie die erwartbare Neuauflage eines seit Jahrzehnten bekannten Drehbuchs: nukleare Nichtverbreitung oder der Versuch eines Regimewechsels. Doch ein genauerer Blick auf das strategische Spielfeld zeigt, dass Washington längst nicht mehr das klassische westliche geopolitische Schach spielt, bei dem es darum geht, den König zu stürzen. Stattdessen folgt die US-Strategie zunehmend der Logik des chinesischen Brettspiels Go (Weiqi).
Im Go geht es nicht darum, die Figuren des Gegners zu vernichten, sondern darum, Räume einzukreisen und zentrale Knotenpunkte zu kontrollieren. Auf der heutigen eurasischen Landkarte ist der Iran zweifellos einer dieser entscheidenden Punkte. Washingtons eigentliches Ziel ist nicht der Zusammenbruch der Islamischen Republik, sondern ihre strategische Disziplinierung. Angestrebt wird ein „kooperativer Iran“, also ein Staat, der gezwungen wird, sich von Peking zu entkoppeln und sich in einen handhabbaren, berechenbaren Partner des Westens zu verwandeln. Indem die USA die Schlinge um Teheran enger ziehen, schließen sie faktisch den landseitigen Käfig um Chinas globale Ambitionen.
Seit Jahrzehnten ist Pekings strategischer Albtraum das sogenannte Malakka-Dilemma, also die Möglichkeit, dass die US-Marine im Krisenfall Chinas Energieversorgung an der schmalsten Stelle der maritimen Seidenstraße abwürgen könnte. Um dieses Risiko zu umgehen, hat China hunderte Milliarden Dollar in die Landroute investiert und ein sicheres eurasisches Hinterland aufgebaut. 2025 schien diese Strategie dann aufzugehen: Erstmals wurde China mit einem Handelsvolumen von über 100 Milliarden US-Dollar zum wichtigsten Handelspartner Zentralasiens.
Iran bildet das Fundament dieser landgestützten Festung. Das Land ist das logistische Herzstück der Neuen Seidenstraße. Doch jüngst hat sich auf diplomatischem Terrain Entscheidendes getan. Die USA und Armenien unterzeichneten ein Rahmenabkommen zur Gründung der TRIPP Development Company, das Washington für 49 Jahre eine 74-prozentige Mehrheitsbeteiligung sichert. Das Projekt zielt auf den Bau von Infrastruktur zur Verbindung Aserbaidschans mit Nachitschewan, nur rund 100 Meter von der iranischen Grenze entfernt. Dieser Schritt ist ein strategischer Geniestreich. Durch die Kontrolle dieses schmalen Korridors kann Washington Chinas Bestrebungen überwachen, das Malakka-Dilemma über den Kaukasus zu umgehen.
Die USA haben aus den bitteren Erfahrungen im Irak und in Libyen gelernt.
China reagierte mit einer weiteren Annäherung an Teheran. Im Juli 2025 unterzeichnete Peking einen Vertrag zur Elektrifizierung der rund 1 000 Kilometer langen Sarakhs-Razi-Bahnlinie, die die turkmenische Grenze über Iran mit der Türkei verbindet. Teheran preist diese Strecke als sicherste und kostengünstigste Verbindung zwischen China und Europa. Indem Washington nun den Iran ins Visier nimmt, trifft es den neuralgischen Punkt dieser logistischen Alternative. Gelingt es den USA, Teheran zur Kooperation zu zwingen, wird Chinas landgestützte Strategie ohne amerikanisches Einverständnis faktisch unbrauchbar.
Während die öffentliche Rhetorik häufig weiterhin auf Regimewechsel hinausläuft, ist Washingtons Realpolitik der 2020er Jahre deutlich pragmatischer. Die USA haben aus den bitteren Erfahrungen im Irak und in Libyen gelernt. Der Zusammenbruch staatlicher Ordnung führt zu Chaos und unkontrollierbaren Stellvertretern: ein Albtraum, den auch regionale Verbündete wie Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate teilen.
Ein vollständiger Kollaps des Iran würde ein geopolitisches Schwarzes Loch im Herzen Eurasiens erzeugen und genau jene Transitkorridore zerstören, die Washington selbst nutzen möchte, etwa für den Import kritischer Rohstoffe aus Zentralasien. Vor diesem Hintergrund erklärt sich auch Donald Trumps Skepsis gegenüber der Fähigkeit von Prinz Reza Pahlavi, Macht zu konsolidieren. Washington sucht keine neue, unerprobte Regierung, sondern die Kapitulation des bestehenden Regimes zu günstigen Bedingungen. Ein „kooperativer Iran“ bedeutet ein Regime, das an der Macht bleibt, jedoch seiner regionalen Zähne beraubt und von seiner strategischen Abhängigkeit von China gelöst ist.
Diese Art von Disziplinierung zeigt bereits Wirkung. Anders als in früheren Runden sind die im April 2025 wieder aufgenommenen Atomverhandlungen nicht mehr von Irans strategischem Spiel auf Zeit geprägt. Teheran, wirtschaftlich am Abgrund, hat kaum noch Spielraum.
Ein Wendepunkt war das jüngste Interview von Außenminister Abbas Araghchi. Seine offensichtliche Verhandlungsbereitschaft, einschließlich der Andeutung nuklearer Transparenz im Austausch gegen Sanktionserleichterungen, zeigt die Notlage des Landes deutlich. Die USA haben den iranischen Stein eingekreist, und Teheran sucht nun nach einem Weg, auf dem Spielbrett zu bleiben.
Der Druck soll so lange hoch bleiben, bis Teheran seine Allianz mit Peking gegen wirtschaftliches Überleben eintauscht.
Diese fein austarierte Eskalation zeigt sich auch in der Ankunft der Flugzeugträgergruppe USS Abraham Lincoln, die um den 25. Januar 2026 im Arabischen Meer erwartet wird. In Kombination mit dem informellen, von Russland vermittelten Nichtangriffspakt zwischen Iran und Israel Ende 2025 hält dieser Schritt die iranische Führung in einem Zustand permanenter Verwundbarkeit. Das Ziel ist eindeutig: Der Druck soll so lange hoch bleiben, bis Teheran seine Allianz mit Peking gegen wirtschaftliches Überleben eintauscht. Andernfalls behalten sich die USA militärische Schläge vor.
Für Europa hat diese strategische Neujustierung unmittelbare Folgen. Ein erzwungener oder teilintegrierter Iran würde Energiemärkte, Transitwege und Europas langfristige Abhängigkeit von russischen und nahöstlichen Lieferketten grundlegend verändern. Zugleich unterstreicht dies Europas begrenzte Handlungsmacht in einer Konfrontation, die zunehmend von Washington und Peking bestimmt wird. Der EU bleibt dabei oft nur die Anpassung, keine eigene Gestaltungsmöglichkeit.
Ein „kooperativer Iran“ würde eine tektonische Verschiebung darstellen. Teheran würde nicht mehr Pistazien gegen Yuan verkaufen, um chinesische Autoteile zu kaufen, sondern in ein westlich geprägtes Energie- und Transitsystem eingebunden sein. Die USA kreisen den Iran nicht ein, um die Regierung zu eliminieren. Sie wollen das Land als funktionales Element für China ausschalten.
Der Nahe Osten ist kein eigenständiger Schauplatz mehr. Er ist zur westlichen Flanke des indo-pazifischen Machtkampfs geworden. Washington spielt auf lange Sicht, um sicherzustellen, dass China der Zugang zu den Ressourcen verwehrt bleibt, die es für das Herausfordern der amerikanischen Hegemonie benötigt. Die Strategie des „kooperativen Iran“ ist eine Warnung an alle Staaten, auf die China angewiesen ist.
Während die USA ihre letzten Steine um Teheran setzen, ist die Botschaft an Peking eindeutig: Der landgestützte Fluchtweg ist abgeschnitten. Ob dieses Szenario aufgeht, hängt jedoch von einer entscheidenden Frage ab. Können Washington und Teheran eine echte Einigung erzielen oder gelingt es Russland und China, die Einkreisung zu durchbrechen? Die Antwort darauf wird die Spielregeln des 21. Jahrhunderts in Eurasien bestimmen.




