Es waren Worte mit Wucht. In einer offiziellen Verlautbarung äußerte sich das saudische Außenministerium Ende Dezember „enttäuscht“ über die emiratische Unterstützung für den militärischen Vorstoß des Southern Transitional Council (STC) im Südjemen: „Dies wird als eine Bedrohung der nationalen Sicherheit des Königreichs sowie der Sicherheit und der Stabilität der Republik Jemen und der Region angesehen.“

Den Worten folgten Taten. Saudi-Arabien ließ auch militärische Muskeln spielen: So wurden zwei Schiffe in der südjemenitischen Hafenstadt Mukalla beschossen, die angeblich Waffen aus der emiratischen Hafenstadt Fujairah an den STC liefern sollten. Als Reaktion verkündeten die Emirate, sich militärisch aus dem Südjemen zurückzuziehen, und sie wiesen die Vorwürfe Saudi-Arabiens zurück. Dieser Eskalation war der militärische Vormarsch des STC im Südjemen vorausgegangen. Angesichts nur begrenzten Widerstands rückten die Kräfte rasch von der Küste ins Landesinnere vor, besetzten die strategisch wichtigen Ölfelder von Al-Masila sowie die Stadt Seiyun und verdrängten dabei lokale Stammeskräfte und Einheiten, die der international anerkannten Regierung des Landes angehören. Innerhalb weniger Tage stießen STC-nahe Kräfte bis zur omanischen Grenze vor und brachten auch das benachbarte Gouvernement al-Mahra unter ihre Kontrolle. Daraufhin folgten Kämpfe zwischen dem STC und Kräften der lokalen Einheit Homeland Shield unter Führung des Gouverneurs des Hadramaut, die saudische Luftunterstützung erhielt.

Für Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE) ist eine solch offene Konfrontation mit klaren Schuldzuweisungen ein Paradigmenwechsel. Der Kern des Konflikts liegt dabei in gegensätzlichen Vorstellungen über Jemens politische Zukunft: Während Saudi-Arabien einen geeinten, zentralisierten Staat anstrebt, unterstützen die VAE über den STC dezentrale oder autonome Strukturen im Süden. Inzwischen kontrollieren sie mithilfe des STC weite Teile des Südjemens, haben Stützpunkte an der Küste und auf den Inseln Sokotra und Mayun errichtet und ihr maritimes Netzwerk ausgeweitet. Der Südjemen gewinnt dadurch große geostrategische Bedeutung für die Handelsmacht VAE, da er ihr Zugang zum Roten Meer – einer der wichtigsten Handelsrouten der Welt – garantiert. Für Saudi-Arabien stellt der Vormarsch des STC jedoch ein Risiko dar. Der ölreiche Hadramaut dient als Pufferzone und grenzt direkt an saudisches Territorium, sodass eine Präsenz des STC in Riad als Sicherheitsbedrohung bewertet wird. Gleichzeitig strebt auch das Königreich Zugang zu wichtigen Handels- und Transportkorridoren an – und lehnt eine emiratische Monopolstellung in der maritimen Logistik ab.

Während Riad auf eine Politik des diplomatischen Ausgleichs und des Kompromisses setzt, sehen die VAE eine Gelegenheit, ihren Status als Netzwerker auszubauen.

Hierbei beschränkt sich die gewachsene Rivalität zwischen Saudi-Arabien und den VAE allerdings nicht auf den Jemen, sondern zeigt sich auch in Syrien, im Sudan und am Horn von Afrika. Während Riad auf eine Politik des diplomatischen Ausgleichs und des Kompromisses setzt, sehen die VAE in der Unterstützung von nicht-staatlichen Akteuren und in regionaler Fragmentierung eine Gelegenheit, ihren Status als Netzwerker auszubauen. Ihre Politik beruht auf Opportunismus, bei dem bestimmte Gruppen wie der STC oder auch die Rapid Support Forces im Sudan als Klienten unterstützt werden, sofern sie zeitweise emiratischen Zielen nützen. Saudi-Arabien agiert anders: Im Gegensatz zu den VAE muss die saudische Führung stärker auf die Interessen und Forderungen der eigenen Bevölkerung eingehen und verfügt als „Hüter der beiden heiligen Stätten“ Mekka und Medina über eine religiöse Führungsrolle. Traditionell agiert Riad also überwiegend reaktiv: Es setzt auf Absprachen, Deeskalation und Konsens. Dafür ist man auch bereit, mit regionalen Rivalen wie Iran und der Türkei enger zusammenzuarbeiten, wie die Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen mit Teheran im März 2023 gezeigt hat.

Durch den Gaza-Krieg hat sich diese Dichotomie der Interessen nochmals verschärft: Während Saudi-Arabien seit dem verheerenden Angriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 die israelische Regierung massiv kritisiert und eine Normalisierung mit Israel derzeit ablehnt, haben die VAE das 2020 unterzeichnete Abraham-Abkommen nicht aufgekündigt. Sie argumentieren pragmatisch: Nur mithilfe der diplomatischen Beziehungen zu Israel lasse sich humanitäre Hilfe nach Gaza bringen. Gleichzeitig profitieren die Emirate auch von seit 2020 intensivierten Handelsbeziehungen mit israelischen Unternehmen. Auch im Jemen spielt das Verhältnis zu Israel durchaus eine Rolle: So hat der STC angekündigt, im Falle einer Unabhängigkeit des Südjemens Israel als Staat anzuerkennen. Das Kalkül: politische Rückendeckung aus Washington – und Unterstützung aus Abu Dhabi. Saudi-Arabien hingegen betrachtet solche Äußerungen als schädlich für die Schaffung eines palästinensischen Staates, der man sich diplomatisch verpflichtet fühlt. Gleichzeitig strahlt die Debatte um den Umgang mit Israel auch auf Ostafrika, insbesondere nach Somaliland, aus. Die im Dezember 2025 erfolgte staatliche Anerkennung Somalilands durch Israel hat in Saudi-Arabien für Kritik gesorgt, da das Königreich fürchtet, stärker als bisher von pro-israelischen Kräften im Jemen oder Ostafrika eingekreist zu sein. Die VAE hingegen verurteilten die israelische Entscheidung nicht. Schließlich ist Somaliland mit dem Hafen in Berbera von den VAE zum wichtigen Knotenpunkt ihrer maritimen Netzwerkstrategie erklärt worden.

Eine dauerhafte Krise zwischen den beiden wichtigsten Monarchien am Golf hilft jedoch niemandem. Ein Hauptgrund: ihre wirtschaftlichen Ambitionen. Nur wenn es Saudi-Arabien und den VAE gelingt, ihre Transformation von ölproduzierenden Rentenökonomien zu Exzellenzzentren für Zukunftstechnologien zu vollziehen, können sie dauerhaft ihre politische Legitimation bewahren. Regionale Instabilität schadet diesem strategischen Ziel massiv. Speziell Saudi-Arabien muss seiner jungen Bevölkerung eine sichere Zukunftsperspektive bieten. Beide Staaten wissen längst, dass sie zwar immer noch von den Ölverkäufen abhängig sind, dass diese aber in Zukunft an Relevanz verlieren werden. Regionale Entwicklungen wie die Entmachtung des venezolanischen Autokraten Nicolas Maduro durch das US-Militär werden ebenfalls gravierende Auswirkungen auf die weltweite Ölproduktion haben – und damit auch auf die Golfstaaten. So hat Trump angekündigt, die größten Ölvorkommen der Welt in Venezuela für US-amerikanische Unternehmen zugänglich zu machen, was mittelfristig die Abhängigkeit der USA von golfarabischer Energie reduzieren könnte. Entsprechend benötigen Saudi-Arabien und die VAE diversifizierte Netzwerke, um weiterhin ihr Öl verkaufen zu können und ihren wirtschaftlichen Wandel voranzutreiben. Doch eine offene Fehde würde diesem Unterfangen nachhaltig schaden.

Nach der Eskalation im Südjemen hat sich die Situation zumindest oberflächlich beruhigt. Saudi-Arabien kündigte an, eine Konferenz zur Zukunft des Südjemens einzuberufen. Eingeladen werden sollen auch der STC und die VAE. Dennoch ist der Konflikt keineswegs beigelegt: Das Misstrauen auf beiden Seiten sitzt tief und nationalistische und polarisierende Positionen bestimmen derzeit den Diskurs. Saudi-Arabien muss sich damit beschäftigen, dass der „Hinterhof“ Jemen vor einer neuerlichen Zerreißprobe steht. Zumal der STC angekündigt hat, innerhalb der kommenden zwei Jahre ein Referendum für die Unabhängigkeit Südarabiens durchführen zu wollen.

Eine Teilung des Jemens wird somit wahrscheinlicher.

Eine Teilung des Jemens, wenn auch nicht im Interesse Saudi-Arabiens, wird somit wahrscheinlicher. Entsprechend bleiben die komplexen innerjemenitischen Konflikte bestehen: Während der STC nach Unabhängigkeit strebt, befindet sich die international anerkannte Regierung in einer Sackgasse und droht, von äußeren und inneren Zentrifugalkräften endgültig zerrieben zu werden. Die Houthis betrachten die Situation währenddessen als Chance und als Risiko: Einerseits hoffen sie darauf, dass die Kämpfe im Süden ihre Machtposition stärken, da sie von der Schwäche ihrer Rivalen profitieren. So haben die Houthis den STC-Vormarsch als Beweis dafür dargestellt, dass der Süden mit Unterstützung der VAE zerschlagen und sich Israel zuwenden werde. Diese Darstellung findet im Norden Jemens großen Widerhall, wo die Angst vor territorialer Zersplitterung und einer massenhaften Vertreibung von Nordjemeniten aus dem Süden besonders ausgeprägt ist. Andererseits fürchten sie, dass sie von einem gestärkten STC militärisch bedroht und dass die einträglichen Schmuggelrouten durch den Hadramaut besser kontrolliert werden könnten.

Saudi-Arabien und die VAE stehen damit an einem strategischen Scheideweg: Sie können sich in einer Region der Krise als Garanten für Stabilität positionieren, wenn sie einen Interessensausgleich erzielen und in einen ehrlichen Dialog treten. Doch dafür brauchen sie ein gemeinsames Verständnis von Bedrohung und einen konstruktiven Austausch über die Grenzen ihrer Zusammenarbeit – im Jemen und darüber hinaus. Gelingt ihnen dieser Drahtseilakt, zementieren sie ihre Bedeutung als wichtigste Gravitationszentren im Nahen und Mittleren Osten. Ansonsten droht eine neue Golfkrise, die die Region weiter zerreißen würde.