In den Tagen vor dem zweiwöchigen Waffenstillstand zwischen den Vereinigten Staaten und dem Iran befürchteten israelische Regierungsvertreter, der Krieg könnte bald vorbei sein. Berichten zufolge ordnete Premierminister Benjamin Netanjahu weitere Angriffe auf den Iran an, als wolle er so viel Schaden wie möglich anrichten, bevor Präsident Trump Israel zum Einhalten zwingen würde. Dabei hatten Israel und die USA den Iran bereits fünf Wochen lang unerbittlich bombardiert. Die israelische Luftwaffe gab an, ihre wichtigsten Ziele gegen das iranische Militär und die Nuklearindustrie fast vollständig abgearbeitet zu haben. Tatsächlich hatte Israel damit begonnen, Stahlwerke und petrochemische Anlagen anzugreifen.

Dann, an dem Tag, als der Waffenstillstand in Kraft trat – so unsicher er zunächst schien, atmeten doch die meisten Zivilisten in der Region auf –, begann Israel ohne jede Vorwarnung einen der tödlichsten Angriffe auf den Libanon aller Zeiten, unter anderem im Herzen des dicht besiedelten Beirut. Die Operation, bei der laut den israelischen Streitkräften Kommandozentralen der Hisbollah angegriffen wurden, traf innerhalb von zehn Minuten 100 Ziele, tötete über 350 Menschen und verletzte weit über 1 000, darunter viele Zivilisten.

Krieg wird zunehmend zur Standardreaktion Israels auf geopolitische Herausforderungen – er ist nicht einfach eine Strategie, sondern eine Norm.

Für die meisten Ländern im Krieg sind Waffenstillstände eine willkommene Entwicklung oder zumindest etwas, das Staats- und Regierungschefs anstreben. Doch die Politiker Israels, die Maximalforderungen stellen, betrachten Waffenstillstände allzu oft als Hindernis dafür, die Sache zu Ende zu bringen. Und selbst wenn Israel Waffenstillstände eingeht, schießt es einseitig weiter – wie in Gaza und im Libanon. Krieg wird zunehmend zur Standardreaktion Israels auf geopolitische Herausforderungen – er ist nicht einfach eine Strategie, sondern eine Norm. Netanjahu wurde der Waffenstillstand mit dem Iran aufgezwungen; danach betonte er in einer Erklärung, dass die Ziele noch nicht erreicht seien. In einer Rede am Samstagabend wiederholte er dies: „Der Kampf ist noch nicht vorbei.“ Als Trump im Oktober einen Waffenstillstand in Gaza erzwang, hatte sich der israelische Ministerpräsident ähnlich geäußert. Israel werde dort letztendlich seine Ziele erreichen – „auf die einfache [oder] auf die harte Tour“.

Für Israels Führung gilt: Wenn Krieg der Status quo ist, ist die Aufgabe nie erledigt, und man kann nie verlieren, weil der Kampf immer weiter geht.

Ein Großteil der israelischen Öffentlichkeit hat sich diesen Ansatz zu eigen gemacht. Ende März, nach vier Wochen ohne Schule und ohne Schlaf in Schutzräumen, unterstützten immer noch 78 Prozent der jüdischen Israelis den Krieg gegen den Iran (zu Beginn des Krieges waren es erstaunliche 93 Prozent). Während Netanjahus bei den Israelis weiterhin wenig beliebt ist, bleibt ihre Unterstützung für die von ihm geführten Kriege hoch.

Dennoch gibt es Unterschiede. Netanjahu hat sein eigenes politisches Überleben und sein Vermächtnis im Blick und scheint deshalb einen größeren Appetit auf Konflikte zu haben als die Öffentlichkeit. Diese mag zwar bereit sein, in den Krieg zu ziehen, aber sie drängt darauf, dass Kriege gewonnen und beendet werden.

Jüngste Umfragen zeigen, dass die Israelis den Erfolg des Iran-Kriegs in Frage stellen. Sie haben Recht: Das angereicherte Uran befindet sich immer noch im Iran; das iranische Regime ist nicht gestürzt, sondern sogar unnachgiebiger als zuvor; es war in der Lage, während des gesamten Krieges kontinuierlich ballistische Raketen abzufeuern, und es hat eine völlig neue strategische Bedrohungslage geschaffen, indem es die Weltwirtschaft durch die Blockade der Straße von Hormus in Geiselhaft genommen hat. Herr Netanjahu bezieht seine Stärke weiterhin aus Israels Fähigkeit, Krieg zu führen. Diese erlaubt ihm, Israels regionale Machtprojektion zu betreiben. Doch die Fähigkeit zum Sieg kann er nicht unter Beweis stellen.

Das Problem ist natürlich, dass die israelische Definition eines Sieges von einer verzerrten Realitätswahrnehmung geprägt wird. Diese wird von einer Führung geformt, die verspricht, dass externe Bedrohungen durch eigene Invasionen und Besatzungen beseitigt werden können und müssen; und dass ausländische Regierungen durch Luftangriffe gestürzt werden können. Hinzu kommt eine Medienberichterstattung, die selten Einblicke in die menschlichen Kosten der eigenen Handlungen gewähren. Mit Ausnahme des Vorsitzenden der Demokratischen Partei, Yair Golan, der konsequent davon spricht, dass militärische Erfolge in diplomatische Lösungen umgesetzt werden müssen, gibt es in der politischen Landschaft Israels fast niemanden, der in Frage stellt, Krieg als staatliches Mittel der ersten Wahl zu betrachten.

Wenn man immer wieder dasselbe tun muss, zeigt das, dass es nicht funktioniert.

Die Bereitschaft des Landes, endlose Kriege zu akzeptieren, verschleiert die Realität der aktuellen Lage Israels im Iran, im Libanon und im Gazastreifen. Das dauernde Bestreben, diese Gegner immer wieder anzugreifen, um ihre Fähigkeiten zu schwächen, hat die Grenzen der israelischen Streitkräfte offenbart. Wenn man immer wieder dasselbe tun muss, zeigt das, dass es nicht funktioniert. Ein typisches Beispiel: Kurz nach dem Waffenstillstand mit dem Iran soll die israelische Armee die Regierung gewarnt haben, dass Teheran bereits versuche, seine Produktionskapazitäten für Raketen wieder aufzubauen – obwohl Netanjahu den Israelis gerade versichert hatte, dass „wir die iranische Raketenproduktionsmaschine zerschlagen haben“ und die Iraner keine neuen Raketen mehr produzierten.

Nirgendwo sind die Schwächen von Israels ewigem Krieg offensichtlicher als im Libanon. Dort ist Israel in fünf Jahrzehnten sieben Mal eingefallen. Im Herbst 2024 versetzte Israel der Hisbollah einen schweren Schlag, sowohl durch die sogenannte „Pager-Operation“, bei der 12 Hisbollah-Mitglieder getötet und Tausende verwundet wurden, als auch durch die anschließende Tötung des Hisbollah-Generalsekretärs Hassan Nasrallah. Doch obwohl diese Angriffe die Hisbollah geschwächt, das Kräfteverhältnis in der Region verändert, und zum Sturz des Assad-Regimes in Syrien beigetragen haben, bleibt die Hisbollah kampffähig. Nachdem Israel und die USA den Krieg im Iran begonnen haben, hat die Hisbollah bis zu 6 500 Raketen und Drohnen auf Israel abgefeuert.

Israels erklärtes Ziel ist es, die Hisbollah zu entwaffnen, doch die israelische Armee (IDF) selbst hat deutlich gemacht, dass dies allein durch militärische Gewalt nicht zu erreichen ist. Trotzdem verfolgte sie dieselbe Strategie wie in Gaza: Sie entvölkerte ganze Stadtviertel und zerstörte Dörfer – das gleiche Vorgehen, das schon in Gaza nicht zur Entwaffnung der Hamas geführt hatte. Die israelischen Angriffe im Libanon dauern seit sechs Wochen an und haben mehr als eine Million Menschen aus ihren Häusern vertrieben, über 2 000 Menschen getötet und zahlreiche Dörfer in Schutt und Asche gelegt.

Im Libanon wie im Iran verläuft sich der Nutzen von Israels Gewaltanwendung. Wenn Nasrallah und der iranische Ayatollah Ali Khamenei bereits ausgeschaltet sind, hat die Drohung des israelischen Verteidigungsministers, den neuen Hisbollah-Führer Naim Qassem auszuschalten, einfach nicht mehr dieselbe Wirkung. Sicherlich ist es aus Sicht Israels entscheidend, durch die Schwächung der Offensivkapazitäten der Hisbollah und des Iran die von ihnen ausgehende Bedrohung zu verringern. Doch diesem Unterfangen scheinen keine Grenzen gesetzt zu sein; das Gras wird sozusagen immer wieder gemäht, egal wie schnell oder wild es nachwächst. Und das ist alles, was Herr Netanjahu den Israelis tatsächlich bietet: einen endlosen Krieg.

Der Iran und die USA versuchen, sich auf eine Vereinbarung zuzubewegen, wie fragil diese auch sein mag, aber die diplomatischen Fortschritte hängen teilweise von einem Waffenstillstand zwischen Israel und dem Libanon ab. Trump hat Netanjahu angeblich deswegen dazu gedrängt, die Angriffe im Libanon einzuschränken und Gespräche mit der libanesischen Regierung aufzunehmen.

Der Iran hat gefordert, dass ein Waffenstillstand auch den Libanon einschließt. Israel hat Verhandlungen widerwillig zugestimmt, führt aber weiterhin Feuergefechte mit der Hisbollah. Das ist keine Diplomatie in gutem Glauben. Israels Interesse daran, Irans größten Stellvertreter in die Knie zu zwingen, sollte nicht größeres Gewicht haben als die regionalen Friedensbemühungen, insbesondere da Israel dies mit Gewalt nicht gelungen ist. In Beirut hat Israel in der schwachen libanesischen Regierung einen potenziellen Partner, der ebenfalls daran interessiert ist, die Hisbollah zu zähmen.

Die Staats- und Regierungschefs sollten nach Frieden streben, nicht nach Krieg. Sie sollten darauf hinarbeiten, Kriege zu beenden, nicht sie fortzusetzen; sie als Mittel einsetzen und sie nicht als Selbstzweck betrachten. Wenn Krieg zur Norm wird, verlieren alle.

Dieser Beitrag erschien ursprünglich in der New York Times.