Während die Welt gespannt auf die Straße von Hormus und die Dissonanzen in den Verhandlungen zwischen dem Iran und den USA blickt, gerät die Rolle der Golfstaaten in den Hintergrund. Die Angriffe Irans auf die arabischen Golfstaaten haben dort zu einem dreifachen Schock geführt: Erstens leidet ihr Geschäftsmodell, das auf freien Handelswegen, Logistik, Energie, Tourismus und Unterhaltung beruht. Zweitens verlieren die Golfstaaten das Vertrauen internationaler Investoren als sichere Häfen, womit auch ihr Narrativ vom verlässlichen Bollwerk gegen das Chaos in der Nachbarschaft beschädigt wird. Und drittens steht ihr Ansatz auf dem Spiel, sich mit einer Strategie der Rundum-Diplomatie, der Deeskalation und des Dialogs gegen externe Bedrohungen zu schützen. Einflussreiche Vermittler wie Katar oder Oman sind ebenso ins Fadenkreuz des Krieges geraten wie Saudi-Arabien, das noch 2023 seine Beziehungen zu Iran wiederaufgenommen hatte, um genau ein solches Szenario der regionalen Eskalation zu verhindern. Dieser dreifache Schock zwingt nun alle Golfstaaten, ihre eigene Sicherheitsarchitektur zu überdenken, um sich zukünftig besser schützen zu können.
Dabei entsteht der Eindruck, jeder Herrscher am Golf verfolge seine eigene Strategie, setze auf eigene Instrumente und bilde eigene Allianzen. Dies wird gerade bei den golfarabischen Schwergewichten Saudi-Arabien und Vereinigte Arabische Emirate (VAE) deutlich: Das saudische Königreich versteht sich eher als Akteur, der auf Deeskalation setzt und sich hierbei mit regionalen Akteuren wie Ägypten, der Türkei und Pakistan abstimmt. Trotz großer Frustration über die Islamische Republik, die jegliche Annäherung in den letzten Wochen torpediert hat, wurden die diplomatischen Beziehungen zu Teheran nicht abgebrochen. Stattdessen ist man sich in Riad bewusst, dass ein Modus Operandi mit Iran notwendig bleiben wird.
Die VAE hingegen haben in den letzten Wochen ihre Rhetorik gegenüber Iran verschärft, setzen verstärkt auf Konfrontation und betonen, dass Israel und die USA nach dem Krieg eine noch dominantere Rolle in der Region einnehmen werden. Diese unterschiedlichen Positionen weisen auf tiefsitzende Divergenzen zwischen Abu Dhabi und Riad hin, die sich bereits vor dem Krieg offen gezeigt haben: Im Jemen eskalierte die Rivalität beider Regionalmächte im Dezember; sie führte dazu, dass Saudi-Arabien öffentlich seinen emiratischen „Bruder“ kritisierte und mit militärischer Gewalt gegen dessen lokalen Partner, den Südlichen Übergangsrat, vorging. Im Sudan unterstützen beide Regierungen feindlich gegenüberstehende Kräfte – die VAE die Rapid Support Forces (RSF) und Saudi-Arabien die Sudanese Armed Forces (SAF), was die humanitäre Katastrophe drei Jahre nach Beginn des blutigen Bürgerkriegs befeuert.
Und auch gegenüber Israel verfolgen beide Staaten gegensätzliche Strategien: Während die Emirate 2020 die Abraham-Abkommen unterzeichnet haben und an den diplomatisch-wirtschaftlichen Beziehungen mit Israel festhalten, hat sich Saudi-Arabien seit dem Angriff der Hamas auf Israel am 7. Oktober 2023 als aktiver Verteidiger der palästinensischen Sache präsentiert und lehnt eine Normalisierung der Beziehungen mit Israel ab. Diese unterschiedlichen Positionen gegenüber Israel strahlen auch über die Region hinaus: So kritisierte etwa Saudi-Arabien die Anerkennung Somalilands durch Israel im Dezember 2025, wo die VAE einen wichtigen Hafen unterhalten – ein weiteres Beispiel für die wachsenden Divergenzen zwischen Riad und Abu Dhabi.
Der aktuelle Krieg stellt einen Schlüsselmoment in der golfarabischen Geschichte dar.
So scheinen sich zwei rivalisierende Achsen herausgebildet zu haben, die der aktuelle Krieg noch manifestiert: Auf der einen Seite steht das saudische Königreich als Repräsentant für das Lager einer eher zurückhaltenden Regionalpolitik, das gemeinsam mit regionalen Verbündeten wie Oman, Katar, Pakistan und die Türkei auf druckvolle Diplomatie setzt. Auf der anderen Seite verfolgen die VAE – insbesondere das mächtige Emirat Abu Dhabi – eine Politik der interventionistischen Stärke gegen Iran und islamistischen Strömungen, wobei diese Politik in unterschiedlicher Form auch von Kuwait oder Bahrain unterstützt wird. Entlang dieser Achsen könnte der regionale Rüstungswettlauf zunehmen, die wirtschaftliche Rivalität könnte wachsen und der Hypernationalismus könnte sich intensivieren und zu einer weiteren Verhärtung und Polarisierung der Positionen am Golf führen.
Doch diese vermeintlich unversöhnliche Konfrontation verkennt, dass es den Golfstaaten nicht um pure Harmonie geht, sondern darum, ähnliche Interessen zu verfolgen, diese aber mit unterschiedlichen Instrumenten erreichen wollen. Dieser Weg beruht auf einer pragmatischen Sowohl-als-auch-Strategie, die auf flexible Allianzen setzt, um die eigenen Ziele zu erreichen. Dabei liegen ihre Ziele gar nicht so weit auseinander, wie häufig angenommen, sondern lassen sich als „drei B“ zusammenfassen: Bewahrung der nationalen Legitimation, Bewahrung der regionalen Stabilität und Bewahrung der wirtschaftlichen Entwicklung. Diese werden durch den Krieg gefährdet, sodass hier ein natürliches Interesse der Golfstaaten besteht, sich nicht dauerhaft zu schaden oder gar zu bekämpfen.
Die Golfstaaten haben eine wechselhafte Geschichte von Konflikt und Annäherung durchlaufen. Krisen über Grenzziehungen, Rivalitäten zwischen Herrscherdynastien und Familien, Konflikte um Ressourcen und Handelswege und konkurrierende Vorgehensweisen bei der Entwicklung ihrer öl- und gasabhängigen Ökonomien haben immer wieder zu Phasen der Diffamierung, der Dämonisierung und der Desintegration geführt. Zuletzt erschütterte die sogenannte Golfkrise zwischen 2017 und 2021 die golfarabische Einheit, als die VAE, Saudi-Arabien, Bahrain und Ägypten eine Luft-, See- und Landblockade gegen Katar errichteten. Trotz dieses historischen Aufs und Abs haben sich die Golfstaaten als erstaunlich krisenresilient erwiesen, was auch an ihrer Fähigkeit liegt, sich elastisch an neue Herausforderungen anzupassen.
Diese Fähigkeit müssen sie nun mehr denn je unter Beweis stellen: Der aktuelle Krieg stellt einen Schlüsselmoment in der golfarabischen Geschichte dar, der neu definiert, wie ihre Sowohl-als-auch-Strategie erfolgreich bleiben kann. Damit das auch in Zukunft gelingt, könnten sie zunehmend auf umfangreiche Abschreckung, flexible Allianzen und Diplomatie setzen, was in bestimmten Politikfeldern zu engerer Zusammenarbeit führen dürfte. Dazu kann zum Beispiel eine engere militärische Kooperation gehören, bei der mithilfe regionaler Wehrhaftigkeit die nationale Sicherheit gestärkt wird, um sich aus der US-amerikanischen Abhängigkeit zu lösen.
Aktuell leiden alle Golfstaaten unter einbrechenden Einnahmen aus Öl- und Gasverkäufen, aus Tourismus und Finanzhandel.
Der Aufbau eines gemeinsamen Drohnenprogramms und der Schutz vor Angriffen auf die maritime Sicherheit, auf Meerwasserentsalzungsanlagen und Zukunftstechnologien liegen im Interesse aller Golfstaaten – trotz existierender Differenzen auch im Umgang mit Iran. Dies gilt auch für andere Bereiche: So könnte der Krieg – durch versenkte Tanker und den Einsatz von Minen im Persischen Golf – die ohnehin schon beeinträchtigte Umwelt ernsthaft gefährden. Naturkatastrophen wie eine Ölpest müssen daher verhindert werden, was nur mit geeinten Kräften möglich ist.
Auch die Auswirkungen auf die kollektive Psyche der golfarabischen Gesellschaften dürfen nicht unterschätzt werden. Ihnen kann nur mit gemeinsamen Anstrengungen bezüglich der Traumabewältigung begegnet werden. Die Blockade der Straße von Hormus hat den meisten Golfstaaten überdeutlich vor Augen geführt, wie abhängig sie von der sensiblen Meerenge bei ihren Energietransporten sind. Alternativen existieren nur wenige, von denen vor allem Saudi-Arabien und die VAE profitieren, während Katar, Bahrain und Kuwait vom internationalen Seehandel abgeschnitten sind. Es braucht also alternative Handelsrouten, die nur in Partnerschaft entwickelt werden können. Dazu existieren bereits seit Jahren Pläne, die im Zeichen der Krise wieder Tempo aufnehmen könnten – im Energiebereich, aber auch im Transport oder beim Aufbau eines golfarabischen Eisenbahnnetzes. So plant Saudi-Arabien mit Ägypten und Jordanien neue Logistikkorridore, um sich unabhängiger aufzustellen.
Aktuell leiden alle Golfstaaten unter einbrechenden Einnahmen aus Öl- und Gasverkäufen, aus Tourismus und Finanzhandel. Insgesamt wird kalkuliert, dass sich das Wirtschaftswachstum in der Region 2026 von prognostizierten 3,7 Prozent auf lediglich 1,4 Prozent reduzieren könnte. In Katar könnte das Wirtschaftswachstum gar um 13 Prozent sinken, in den VAE um 8 Prozent und in Saudi-Arabien um 6,6 Prozent. Das wird dazu führen, dass alle Golfstaaten vorsichtiger und gezielter investieren werden – und zwar insbesondere in ihren eigenen Ländern. Je mehr sie also ihre reduzierten Gelder zu Hause einsetzen, desto weniger Mittel sind für den notwendigen Wiederaufbau in regionalen Krisenherden wie Syrien vorhanden. Auch hier könnten die Golfstaaten ihre Entwicklungszusammenarbeit enger abstimmen, was bereits während der Golfkrise im Rahmen der arabischen Koordinierungsgruppe funktioniert hat, zu der die Entwicklungsfonds aller Golfstaaten sowie einige regionale Geberorganisationen wie die Islamische Entwicklungsbank gehören.
Wie diese Beispiele zeigen: Konkurrenz schließt Kooperation nicht zwingend aus und hängt stark vom jeweiligen Kontext ab. Daher sollten die bestehenden Divergenzen zwischen den Golfstaaten auch nicht als in Stein gemeißelt gelten, sondern als Bestandteil eines komplexen Aushandlungs- und Anpassungsprozesses in Zeiten der Krise. Allianzen verschieben sich und führen zu fundamentalen Umwälzungen, von denen gerade die Golfstaaten massiv betroffen sind. Sie werden also ihren Sowohl-als-auch-Weg nicht aufgeben, sondern neu justieren. Ob sie dabei gegen- oder miteinander agieren, hängt also mehr denn je vom Umstand und ihren Instrumenten ab – und kann dadurch zu Partnerschaft bei gleichzeitiger Polarisierung führen.




